AUDI AG

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Das Zusammenspiel von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit

Dr. Gerd Leipold, studierter Ozeanograph und Vorsitzender von Greenpeace International von 2001 bis 2009, war im Rahmen der Vortragsreihe "Perspektive Verantwortung" bei der AUDI AG zu Gast. Er sprach in Ingolstadt und Neckarsulm über den Zusammenhang von Nachhaltigkeits- und Unternehmensstrategie, über die Herausforderungen der Zukunft und die Möglichkeiten, ihnen zu begegnen.

Dr. Gerd Leipold: Das Zusammenspiel von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit

Im Rahmen Ihres Besuchs der AUDI AG konnten Sie das Unternehmen ein wenig kennenlernen. Wie ist Ihr Eindruck?
Ich habe die Produktion besichtigt und war fasziniert: Komplex, gut organisiert, automatisiert und gleichzeitig individualisiert. Das Zusammenspiel individueller Kundenwünsche mit der standardisierten Produktion sieht man hier in fantastischer Weise.

In Ihren Vorträgen bei Audi haben Sie über unternehmerische Verantwortung gesprochen. Was steckt für Sie hinter diesem Begriff?
Verantwortung heißt für mich, dass sich Unternehmen mit den Folgen ihres Handelns und ihrer Produkte auseinandersetzen und gleichzeitig etwas Positives für die Gesellschaft bewirken können. Dabei tragen sie die Verantwortung für ihre Produkte, ihre Mitarbeiter und für die Regionen rund um ihre Standorte. Für ihre Produkte allerdings sind Unternehmen nicht allein verantwortlich, denn auch die Konsumenten tragen mit ihren Kaufentscheidungen einen Teil der Verantwortung mit.

Unternehmerische Verantwortung und Automobilproduktion – sehen Sie da einen Widerspruch?
Nein, ein Automobil ist ja nicht an sich was Schlechtes, aber es hat schädliche Nebenwirkungen. Und für diese Nebenwirkungen muss ein Unternehmen genauso Verantwortung unternehmen wie für den nötigen wirtschaftlichen Erfolg. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit müssen Hand in Hand gehen. Es hilft nichts, wenn man die richtigen Dinge tut, aber man als Unternehmen scheitert. Genauso falsch ist es, nur auf den Profit zu schauen und nicht auf die Gesellschaft zu achten.

Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die Herausforderungen der Zukunft für Automobilunternehmen? Welche Themen sind wichtig?
Für mich gibt es zwei große Herausforderungen: den Klimaschutz und die Mobilität in den großen Städten. Der große Vorteil des Automobils ist die Individualität, die es dem Menschen verschafft. Der Nutzer kann entscheiden, wohin er zu welchem Zeitpunkt fahren möchte – ich persönlich nutze dafür am liebsten das Fahrrad, für das Auto gilt das aber genauso.

Wir müssen bedenken, dass der Straßenverkehr weltweit rund 20 Prozent zum Klimawandel beiträgt. Deshalb ist der Klimaschutz die größte Herausforderung für jedes Automobilunternehmen. Für einen Premiumhersteller sind diese Herausforderungen freilich noch größer als für einen Hersteller kleinerer Modelle, die weniger CO2 ausstoßen und leichter sind. Doch egal, ob große oder kleine Autos: Vor dem Hintergrund des Klimawandels ist der Verbrennungsmotor für mich nicht zukunftsfähig. Es gibt ein einfaches Gedankenexperiment. Fragen Sie sich selbst Folgendes: „Wenn alle so wären wie ich und dieselben Produkte nutzen würden wie ich, wohin würde das die Welt führen?“

Die zweite große Herausforderung ist die Zukunft der individuellen Mobilität. Immer mehr Menschen wohnen in Städten, und viele davon in Megacities mit ihren Millionen von Einwohneren. Besäße dort jeder ein eigenes Fahrzeug, würde der absolute Verkehrskollaps drohen. Dafür sind die Städte der Zukunft nicht groß genug. Audi muss also der Herausforderung begegnen, die individuelle Mobilität durch neue Konzepte zukunftsfähig zu machen. Ein Beispiel dafür ist das Carsharing. Durch das Teilen eines Fahrzeugs sinkt das Verkehrsaufkommen auf den Straßen ebenso wie der Spritverbrauch. Ein positiver Effekt ist auch ein größerer Austausch unter den Menschen. Mit den heutigen modernen Kommunikationstechnologien wie Mobile Apps ist die Planung von Carsharing-Fahrten ja kein Problem mehr. Das wäre eine soziale Innovation, die Audi meiner Meinung nach noch stärker fördern könnte.

Mit diesen beiden Fragen müssen sich die Automobilhersteller beschäftigen. Und es schadet nichts zuzugeben, dass die perfekte Lösung noch nicht gefunden ist. Denn mit der Ehrlichkeit einer Aussage steigt die Glaubwürdigkeit eines nachhaltig agierenden Unternehmens.

Sie haben erwähnt, dass Nachhaltigkeit die gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und Kunden ist. Was braucht es, um die Kunden von Verhaltensänderungen zu überzeugen?
Ich glaube, man kann die Menschen nur von etwas überzeugen, an das man selbst glaubt. Wenn man nicht an diese gemeinsame Verantwortung für die Zukunft glaubt, dann wird auch die professionellste Kommunikation keinen Erfolg haben.

Natürlich muss ein Unternehmen Kundenwünsche respektieren und kann nicht am Markt vorbei produzieren. Aber das Kaufverhalten und die Bedürfnisse von Menschen ändern sich und können beeinflusst werden. Und da muss sich ein Unternehmen entscheiden, ob es die Kunden für das nachhaltigere Produkt begeistern will oder nicht. Ein Beispiel: Wenn ich ein Elektrofahrzeug verkaufen möchte, muss ich diese Form der Mobilität als einen Zukunftstrend darstellen, an dem man unbedingt teilhaben muss, um mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu gehen. Audi sollte sich als Teil des riesigen VW Konzerns hier mehr auf seine Stärke besinnen. Der Konzern hat im Wettbewerb eine starke Position, die er bisher zu selten nutzt, um nachhaltigere Autos in den Markt zu bringen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für Audi?
Audi muss sich beispielsweise mit den sich ändernden Kundenwünschen im Automobilbereich auseinandersetzen. Jungen Leuten ist ein Auto nicht mehr so wichtig wie der vorangehenden Generation. Sie machen seltener den Führerschein, und vielleicht ist ihnen die Fahrzeugmarke künftig nicht mehr so wichtig. Audi muss demnach in Zukunft überlegen: Wie können wir das beste Produkt für die Gesellschaft herstellen? Wie können wir klimaneutrale Autos herstellen? Wie ändert sich die gesellschaftliche Realität, die Art, wie Leute leben? Innovation umfasst nicht nur Technik, sondern auch das Soziale. Und für alle künftigen Überlegungen braucht es ambitionierte Ziele.

Macht die Automobilbranche aus Ihrer Sicht zu kleine Schritte?
Prinzipiell ist jeder Schritt ist gut. Aus globaler Perspektive macht die Automobilbranche viel zu kleine Schritte. Daraus folgt aber nicht, dass man besser gar nichts tut. Es ist ein schwieriger Weg, für den wir wenig Zeit haben. Aber wenn man erst einmal in Bewegung ist, kann man schneller voranschreiten, als wenn man aus dem Stand startet.