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Nachhaltigkeit als entscheidender Wettbewerbsfaktor

Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit veränderte sich die Gesellschaft so schnell wie heute. Ressourcen werden knapper, geopolitische Kontexte instabiler und Öffentlichkeiten kritischer und informierter. Menschenrechte und Ökologie rücken verstärkt auf die strategische Agenda von Unternehmen. Es wird erwartet, dass Unternehmen entlang ihrer Wertschöpfungsketten Verantwortung übernehmen. Guido Palazzo, Professor für Unternehmensethik an der HEC Lausanne und Visiting Fellow an den Universitäten von Nottingham und Oxford, gibt hat den Audi Mitarbeitern Einblick in den Stand der gegenwärtigen Debatte um Unternehmensverantwortung gegeben. Er zeigte auf, wo die Verantwortung eines Unternehmens beginnt, welche Themen Priorität haben und welche Standards und Kriterien beachtet werden sollten.

Professor Guido Palazzo: Nachhaltigkeit als entscheidender Wettbewerbsfaktor

Professor Palazzo, Ihr Fachgebiet ist die Unternehmensethik. Können Sie kurz erklären, was sich hinter diesem Begriff verbirgt?
Die Unternehmensethik beschäftigt sich mit der ethischen Dimension ökonomischen Handelns. Das reicht von ethischen Fragen auf der Ebene von Individuen und Team (z.B. unter welchen Umständen treffen Manager ethische oder unethische Entscheidungen), über Fragen auf der Ebene der Organisation (z.B. welche Verantwortung hat ein Unternehmen für soziale und ökologische Probleme in seiner Wertschöpfungskette) bis hin zu institutionellen Fragen (z.B. wie fördert man nachhaltigen Konsum).

Denken Sie, dass unternehmerische Verantwortung heute ein entscheidender Wettbewerbsfaktor ist? Und wird deren Einfluss weiter steigen?
Verantwortung wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor, weil Unternehmen sich verstärkt global organisieren und damit die Machtbalance zwischen Unternehmen und Regierungen zugunsten der Unternehmen gekippt wird. In vielen Industrien lassen sich heute Sklaven in der Wertschöpfungskette finden (vom Kakao bis zum Koltan), die von keiner Rechtsordnung geschützt werden. Regierungen sind oft weder Willens noch in der Lage, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Daher geraten seit den späten 1980er Jahren Unternehmen unter Druck, selbst für die Einhaltung der Menschenrechte zu sorgen. Wer das nicht tut, riskiert Attacken von Nichtregierungsorganisationen, landet in den Median als bad guy und kann erhebliche Reputationsschäden davon tragen, die letztlich viel Geld kosten können.

Wo beginnt und endet Ihrer Meinung nach die Verantwortung eines Unternehmens?
Potentiell können Unternehmen heute für alle sozialen und ökologischen Probleme entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette attackiert werden. Apple hat beispielsweise zum einen Probleme beim direkten Zulieferer Foxcon in China, aber auch ganz am Anfang der Kette, bei der Koltanproduktion im Kongo. An all diesen Fronten engagiert sich das Unternehmen, um Menschenrechtsprobleme zu entschärfen. Die wichtigste Aktivität eines Unternehmens im Bereich Nachhaltigkeit ist es heute, die eigene Wertschöpfungskette sorgfältig zu analysieren, um die eigenen potentiellen sozialen und ökologischen Risiken zu kennen. Im Worst Case hört man von diesen Problemen zum ersten Mal in den Hauptnachrichten im Fernsehen. Im Best Case sucht man sich schon vorher Partner, um diese Risiken zu entschärfen.

Die Gesellschaft wird interessierter und kritischer, wenn es um Nachhaltigkeit in Unternehmen und Produkten geht. Worauf müssen sich Unternehmen einstellen, wenn sie weiterhin erfolgreich sein möchten?
Zum einen wird es immer einfacher für Konsumenten, Investoren, Politiker oder Aktivisten, die Probleme in den Wertschöpfungsketten von Unternehmen aufzudecken. In China brauchen Sie dazu beispielsweise oft nicht einmal mehr Nichtregierungsorganisationen, sondern einfach einen Arbeiter mit Smartphone, der das Elend in seiner Fabrik fotografiert. Man kann als Unternehmen seine Probleme nicht mehr leugnen oder verstecken. Transparenz wird immer stärker erzwungen. Zur Zeit entstehen zahlreiche Webseiten und Applikationen zur Bewertung und zum Ranking von Unternehmen. In einer nicht allzu fernen Zukunft, wird man sein Handy an einen Barcode halten und sofort verstehen, ob ein Produkt unter würdigen Bedingungen hergestellt wurde oder nicht.

Im Jahr 2008 wurde Ihnen der „Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik“ für Ihre innovativen Vorschläge zu gesellschaftlichem Engagement von Unternehmen verliehen. Haben Sie einen Tipp für Audi in diesem Bereich?
Die meisten Unternehmen in den meisten Branchen machen den Fehler, Verantwortung reaktiv wahrzunehmen. Man wartet, bis einem ein Problem schmerzhaft auf die Füße gekippt wird. Das ist strategisch unklug, teuer und schädigt die Glaubwürdigkeit des gesamten Nachhaltigkeitsengagements. Ich würde mir von Audi wünschen, Themen proaktiv und innovativ zu besetzen, bevor die Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen Protestplakate an die Schornsteine in Ingolstadt hängen.