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Interview mit Walter Hirche

Walter Hirche: Erfahrungen zum Thema Nachhaltigkeit

Herr Hirche, Sie haben über die Jahre vielfältige berufliche Erfahrungen gemacht – als Politiker, als VW-Aufsichtsratsmitglied und z. B. bei der UNESCO. Wenn Sie alle Erfahrungen bedenken: Wie ist Ihre Meinung zum Thema Nachhaltigkeit?
Kein Weg führt an der Erkenntnis vorbei, dass unser Wohlstand von heute maßgeblich auf Ressourcen aus anderen Regionen der Welt beruht, und dass wir Umweltlasten zum Teil dorthin exportieren. Gleichzeitig werden innenpolitisch soziale Wohltaten zulasten der nächsten Generation beschlossen. Beide Handlungsweisen führen in eine Sackgasse. Wir müssen Entscheidungsspielräume für die nächsten Generationen bewahren, sonst haben unsere Kinder keine Zukunft. Deshalb kommen wir an der Beachtung von Grundsätzen der Nachhaltigkeit nicht vorbei.

Wie hat sich die Bedeutung des Themas Ihrer Beobachtung nach verändert und entwickelt?
In der deutschen Gesellschaft hat das Bewusstsein für die Notwendigkeit nachhaltiger Lebens- und Handlungsweisen erkennbar zugenommen. Das zeigt sich zum Beispiel in Ernährungs- und Mobilitätsfragen. Heute geht es nicht mehr nur um Vermeidung von Abfall oder Emissionen, sondern darum, wie mit weniger Verbrauch ein Mehr an Lebensqualität erreicht werden kann. In dem Maße, in dem die Lerninhalte an unseren Schulen und Hochschulen Bildung für nachhaltige Entwicklung intensiver als bisher enthalten, wird sich das Interesse der nachkommenden Generationen an Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben in allen Teilen der Erde noch weiter verstärken.

In Ihrem Vortrag haben Sie über die gesellschaftlichen Erwartungen im Bezug auf verantwortungsvolle Mobilität gesprochen. Was will die Gesellschaft, was wollen die Kunden?
Die Gesellschaft wird in Zukunft ein besser abgestimmtes Verkehrskonzept zwischen öffentlichem Verkehr und Individualverkehr verlangen. Trotz zunehmender Kommunikationsmöglichkeiten mit neuen IT-Geräten wird der Wunsch nach physischer Mobilität bleiben. Der wachsende Zeitdruck wird Fahrpläne und Fahrgewohnheiten noch stärker diktieren. Der Wunsch nach möglichst emissionsfreien Fahrzeugen ist nicht aufzuhalten. Das wird nach und nach die gesamte Wertschöpfungskette beeinflussen.

Werden sich die Wünsche der Kunden in Zukunft verändern? Werden die Menschen weiterhin Auto fahren?
Die individuellen Ansprüche der Kunden werden zunehmen. Das betrifft nicht nur Farbe, Größe, Stärke und Antriebsart der Autos wie in der Vergangenheit, sondern auch Einsetzbarkeit/Kombinationsmöglichkeit mit anderen individuellen privaten Mobilitätsangeboten (Roller, Fahrrad) und öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch in Zukunft wird es nach meiner Einschätzung den Wunsch geben, ein eigenes Auto zu fahren – ein Stück Privatsphäre im öffentlichen Raum mit mehr Kommunikationsmöglichkeiten als heute. Eine stärkere Spreizung der Nachfrage zwischen ländlichem Raum und Ballungsgebieten ist zu erwarten.

Automobilbauer haben vielfältigen technischen Herausforderungen zu begegnen. Welche Antriebsart sehen Sie als beste Möglichkeit für die Zukunft? Gibt es „den einen“ besten Antrieb?
Auch in Zukunft werden die Automobilbauer sehr unterschiedliche, teils gegensätzliche Wünsche zu berücksichtigen haben. Die Kunden werden auch morgen ein zuverlässiges, spritsparendes und möglichst preiswertes Auto verlangen. Auch unabhängig von staatlichen Vorschriften wird sich die Erwartung möglichst emissionsfreier Autos oder solcher mit geringen Umweltbelastungen verstärken. Es ist derzeit nicht erkennbar, ob es einmal eine „beste“ Antriebsart geben wird. Allerdings dürften Fahrzeuge mit Hybrid-, Gas- oder E-Antrieb allmählich Oberhand gegenüber Benzin- oder Dieselfahrzeugen gewinnen. Offen ist für mich, in welchem Umfang sich Autos mit Antrieb auf Brennstoffzellenbasis durchsetzen werden. Automobilbauer sind gut beraten, sich auf alternative Angebote einzustellen.

Der Titel Ihres Vortrags bei Audi lautet „Erfolg jenseits der 95 Gramm“. Diese Zielvorgabe bezieht sich auf den CO2-Ausstoß von Fahrzeugen während der Nutzungsphase. Reicht das aus?
Zum einen reicht es nicht, bei der Diskussion über CO2-Emissionen nur über die Fahrzeugnutzung zu reden, vielmehr muss die gesamte Wertschöpfungskette bei der Herstellung eines Fahrzeugs sowie der ökologische Fußabdruck bei der Erzeugung der Antriebsenergie berücksichtigt werden. Andererseits ist es notwendig, dass Automobilbauer ihre gesamte Firmenphilosophie unter das Leitmotiv Nachhaltigkeit stellen. Nach allen Erfahrungen ist zu erwarten, dass eine konsequente Anwendung dieses Leitmotivs auf alle Phasen und Details des Herstellungsprozesses zu neuen Innovationen führen wird, die ihrerseits im Wettbewerb neue Vorteile aus Kundensicht bringen werden, ähnlich wie bisher der Slogan „Vorsprung durch Technik“.

Die Wertschöpfungskette als Ganzes zu betrachten, ist nicht leicht. Wer ist hier gefordert, die Rahmenbedingungen bereitzustellen oder auch Wünsche zu formulieren? Wirtschaft, Politik, Gesellschaft?
Gefordert sind alle genannten Akteure. Die Erwartungen der Gesellschaft entwickeln sich in den einzelnen Regionen der Erde unterschiedlich. Ein Produktanbieter ist erfahrungsgemäß dann besonders erfolgreich, wenn er kommende Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Tendenzen frühzeitig erkennt. Es ist banal: Nachfrage lässt sich nur mit dem Markt realisieren. Insofern bleibt das größte Risiko beim Hersteller, denn der richtige Zeitpunkt ist immer mit Risiken verbunden. Dennoch hat der einen Vorteil, der den Wind nutzt.

Was geben Sie der AUDI AG mit auf den Weg, um auch in zehn Jahren erfolgreich zu sein?
Die hervorragenden Motorfachleute von Audi müssen zu Promotoren der Nachhaltigkeit werden. Das bedeutet: Nicht nur neue technische Lösungsangebote unter Einschluss von IT-Fachleuten sind gefordert, sondern auch der Dialog mit Verkehrsplanern, Stadtentwicklern und Straßenbauern sowie vor allem mit der jungen Generation, den künftigen Nachfragern nach Mobilitätsangeboten. Im Namen Audi steckt ja schon die doppelte Verpflichtung: Hören und Wagen.