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Audi A8 - Marc Lichte

Progressiv und zeitlos

Die Designphilosophie von Audi Chefdesigner Marc Lichte findet im neuen Audi A8 zum ersten Mal Einzug in ein Serienfahrzeug. An seinem Rückzugsort spricht der leidenschaftliche Segler über die Macht der Proportionen und die Tradition von Innovationen.
Bernd Zerelles (Text) & Andreas Lindlahr (Fotos)


Der Wind zerreißt die flachen Cumuluswolken und treibt sie tanzend über den blauen Himmel. 20 Knoten. Bestes Segelwetter an der Ostsee. Der Hafen einer kleinen Gemeinde an der Kieler Bucht. Marc Lichte, Designchef von Audi, hat hier sein Boot liegen. Sportsegeln ist seine Leidenschaft. Mit sechs Jahren lernte er im Optimist. Es folgten Laser, Jollenkreuzer, Vierteltonner-Racer, Einheitsklasse – die klassische Karriere eines Regattaseglers. Lichte gewann dreimal die Kieler Woche in seiner Klasse, ist zweimaliger Deutscher Vizemeister. Und Segeln ist seine Kraftquelle: „Ich bin so ein Typ, der immer unter Strom ist. Alles inspiriert mich: was ich sehe, esse, mit wem ich mich unterhalte, wohin ich reise. Das Wichtigste für meine Kreativität ist, den Kopf frei zu bekommen. Und das gelingt mir hier auf dem Boot. Es ist ruhig, nur der Wind. Genau das Gegenteil von meinem Alltag.“ Sein Schiff trägt den Namen „Heima“ am Heck. Das ist Isländisch und bedeutet: Zuhause. Die X-Yacht ist schlank, schnell, sportlich, mit viel Carbon. „So wird jede Windböe in Geschwindigkeit umgesetzt“, sagt Lichte. Der Anspruch an sein Boot: „Die Performance muss perfekt sein – aber auch die Ästhetik. Für mich ist die XP-38 das ideale Schiff. Sie ist traumhaft zu segeln und hat fast zeitlose Linien. Bei einer Yacht sind die Linien das Wichtigste, Länge und Proportionen – genau wie beim Audi A8.“ Also reden wir über das Design des neuen Audi A8 – bevor Marc Lichte ablegt in die Kieler Bucht.

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Der Audi A8 ist der erste Audi einer neuen Design-Ära. Die übergreifende Designphilosophie bestimmt die Zugehörigkeit zur Marke. Aber in Zukunft wird jedes Fahrzeug mit seiner eigenen Produktidentität einen differenzierten, eigenen Charakter ausstrahlen.

Herr Lichte, der neue Audi A8 ist das erste Serienfahrzeug, das Ihre Handschrift als Audi Designchef trägt.

Marc Lichte: Ja, und der Audi A8 läutet damit eine neue Design-Ära bei Audi ein, die auf einer komplett neuen Designphilosophie basiert.

Wie lautet diese Designphilosophie?

Sie besteht aus zwei wichtigen Säulen. Die eine: Audi steht für „Vorsprung durch Technik“. Die zweite sind drei Kernwerte: Progressivität, Sportlichkeit und Hochwertigkeit. Ein Audi muss selbstverständlich sportlich und hochwertig sein. Aber das Allerwichtigste ist Progressivität, weil uns das von unseren Wettbewerbern differenziert.

Inwiefern?

Es gibt im automobilen Premiumsegment in den vergangenen 25 Jahren keine vergleichbare Entwicklung wie die von Audi. Audi ist immer eigene, progressive Wege gegangen. Zum Beispiel beim Allradantrieb quattro. Der Wettbewerb hatte vornehmlich Heckantrieb. Aber Audi verfolgte mit dem quattro  das intelligentere Konzept. Oder die Materialwahl. Die Wettbewerber bauten Autos meist aus Stahl. Aber Aluminium ist so viel leichter und macht so viel mehr Sinn. Also fertigt Audi Karosserien aus Aluminium.

Was bedeutet Progressivität im Design?

Die Basis für ein gutes Design sind die Proportionen. Und die sind bei Audi wirklich progressiv. Wir sind quattro. Für mich ist quattro viel mehr als ein Antriebskonzept. quattro ist eine Proportion, die uns von den Wettbewerbern abhebt. Bei denen sitzt aufgrund des Heckantriebs die Fahrgastzelle quasi auf dem Hinterrad. Bei Audi sitzt sie satt zwischen den Achsen. Das Fahrzeug wird dadurch sehr muskulös. Die Schulterlinie sitzt tief als Verbindung zwischen den Rädern. Wir betonen mit diesen Muskeln alle vier Räder. Gleichzeitig wird die Front schlanker und deutlich attraktiver.

Wie wirkt sich das auf die Silhouette des Audi A8 aus?

Alle Linien der Karosserie sind sehr gestreckt, horizontal – ein bisschen wie auf diesem Boot – sie betonen die Länge des Fahrzeugs. Die meisten Modelle im Oberklasse-Segment besitzen optisch eine Riesenkabine, denn in dieser Kategorie geht es natürlich um großzügigen Platz im Fond. Der neue Audi A8 ist hinten im Dach 30 Millimeter höher als der Vorgänger, was eigentlich für die Proportion nicht gut ist. Das kaschieren wir aber. Die Fenstergrafik ist sehr flach. Sieht man den Audi A8 von Weitem, denkt man, es ist ein Coupé. Dann steigt man ein und stellt fest, das Auto ist größer als jeder Audi A8 zuvor. Man sitzt wunderbar, deutlich komfortabler. Auch das ist für mich progressiv.

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„Ich werde oft gefragt: In welcher Zeit wärst du gern Designer gewesen? Meine Antwort: genau heute. Denn gerade jetzt ist die spannendste Zeit. Das Auto verändert sich in den kommenden 15 Jahren mehr, als es sich die vergangenen 50 Jahre änderte. Elektroantrieb, pilotiertes Fahren und Digitalisierung werden bei Audi ganz neue Konzepte und Designs bringen.“

Die Coupélinie hat Tradition bei Audi.

Ja, der Audi TT der ersten Generation inspiriert mich sehr. Die extrem dünnen A- und C-Säulen, der flache Dachbogen – sehr radikal. Das gab es so bei keinem Auto vorher. Der Aufbau war so markant, die gesamte Formensprache sehr an der Bauhaus-Design-Philosophie orientiert. Das Auto ist für mich ganz, ganz wichtig gewesen.

Das Gesicht eines Audi ist immer noch der Singleframe.

Und auch der ist beim Audi A8 extrem progressiv. Wir haben den Singleframe deutlich breiter gestaltet, damit wirkt das Fahrzeug vorn viel flacher und dadurch sportlicher. Aber er steht auch sehr aufrecht, sehr stolz und besitzt deutlich mehr Chrom als alle anderen Autos. Aus dem Chrom formten wir sehr unkonventionelle Lamellen, die sich nach außen aufdoppeln. Das ist ein super Detail. In der Ausarbeitung des Kühlers stecken sehr viel Zeit und Liebe, denn das Gesicht bei so einem Auto ist eigentlich das Wichtigste. Es muss sofort klarmachen: Hier kommt Status.

Soll progressives Design den Betrachter fordern?

Ist es innovativ? Ist es zeitlos?  Gutes Design ist zeitlos. Wenn ich diesen Audi A8 in 20 Jahren anschaue, möchte ich immer noch sagen können: Das ist ein schönes Auto. Die Proportionen, diese Ausgewogenheit, nichts Verspieltes, keine modischen Elemente, perfekt bis ins kleinste Detail – das ist für mich progressive Zeitlosigkeit.

Und wie drückt sich Vorsprung durch Technik aus?

Progressive Technik wollen wir natürlich auch im Exterieurdesign sichtbar machen. Ein kleines Beispiel ist das Leuchtenband am Heck des Audi A8. Das ist nur sieben Millimeter breit und leuchtet komplett homogen. Ich kenne keinen Hersteller, der das so realisiert. Beim Öffnen oder Schließen des Audi A8 baut sich das Lichtband aus einem Punkt in der Mitte über die gesamte Breite auf. Das ist nicht nur progressive Technik, das sieht auch fantastisch aus.

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Eine extrem gestreckte, durchlaufende horizontale Schulterlinie spannt sich über dezente Muskeln einer coupéförmigen Silhouette – der neue Audi A8 vereint großzügigen Luxus mit progressiver Sportlichkeit.