Silicon Wadi

Audi sieht auch in maßgeschneiderten digitalen Lösungen die Zukunft der Mobilität. Mit Gett, einem in Tel Aviv gegründeten Start-up, hat man dafür einen spannenden Partner an Bord. Aber nicht nur das macht die Mittelmeer-Metropole zu einem der faszinierendsten Gründer-Hotspots.

 

Philipp Kohlhöfer (Text) & Yadid Levy (Fotos)

Es gibt sie, diese Zahlen, die erklären sollen, warum Tel Aviv, in Anlehnung an Kalifornien, Silicon Wadi genannt wird: 1.500 Start-ups, 21 pro Quadratkilometer. Pro 321 Einwohner eines. Dazu etwa fünfzig Coworking Spaces und dieselbe Anzahl an Forschungszentren internationaler Konzerne wie Google, Samsung und Microsoft. Die Stadt bringt, pro Kopf, die meisten Patente der westlichen Welt zur Anmeldung, vierzig Prozent davon in der IT-Branche. Aber vielleicht erklärt das gar nichts. Vielleicht helfen eher andere Zahlen: 318 Sonnentage im Jahr. 14 Kilometer Strand, weißer Sand. 1.748 Bars, Clubs und Restaurants gedrängt auf 70 Quadratkilometer. Freies WLAN in jedem Stadtbus und an jedem Strandabschnitt. Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 35 Jahre. Über 100.000 Studenten bei 481.000 Einwohnern. 57 Prozent der Einwohner haben einen gehobenen Schulabschluss. Und gefühlt besitzt jeder ein Skateboard oder ein Surfbrett, das er täglich benutzt.

21 Start-ups pro Quadratkilometer gibt es in Tel Aviv. Statistisch gesehen.

Libby Alpert ist verantwortlich für das Marketing bei Mindspace,einem der mittlerweile Dutzenden Anbieter von Coworking Spaces in Tel Aviv. Sie sagt: „Tel Aviv ist eine schnelle Stadt und das ganze Büro eine einzige große Vernetzungsmaschine.“

„Na ja“, sagt Mark Oun, 39, „ich surfe zurzeit nur noch an Wochenenden.“ Oun ist CEO von Gett Israel, einem Unternehmen, das in knapp 60 Städten weltweit Fahrdienstleistungen online vermittelt – unter anderem in New York, London und Moskau. Für Gett arbeiten nur klassische, lizenzierte Taxifahrer und keine freiberuflichen Nebenerwerbsfahrer. Es läuft trotzdem. Oder gerade deswegen. „Tel Aviv ist eine fruchtbare Stadt für Innovationen“, sagt Oun. Voller Early Adopter sei sie, Technik werde gut angenommen, man sehe das etwa an der Qualität der Mitarbeiter. Auch hier gilt: Die meisten arbeiten in Forschung und Entwicklung. Oun steht in der Lounge, es ist spät, gerade hat ein Lieferdienst das Abendessen gebracht. Viele Mitarbeiter sind noch da. „Wir probieren gern aus“, sagt er, und er meint beide, Gett und Tel Aviv. Wie viel Geist von Tel Aviv steckt in Gett? Oun lächelt. „We are still a Startup – we like to keep it like that.“ Vermutlich meint er damit gleichzeitig Gett und Israel. Die Stimmung sei eher kooperativ statt konfrontativ. „Wir hören zu“, sagt er schließlich. Gett bringe die Bedürfnisse der Menschen mit der Innovation zusammen. Man mache eben einfach. Wer Fehler mache, der mache eben Fehler, „alles halb so wild“, schließlich helfe das, um besser zu werden. „Das Produkt bekommt alle zwei Wochen ein Update.“

Er redet von Gett, er könnte Tel Aviv meinen. Ständig entstehen neue Start-ups, ständig geben einige wieder auf – nur um etwas Neues zu starten. Es sei bei Gett so, sagt Oun, dass Mitarbeiter zu Beginn denken, dass man eine Taxibude sei. Old School in neuem Gewand. „Aber nach kurzer Zeit reden sie nur noch über Algorithmen.“ Denn das wahre Investment sei nicht der Transport von Menschen oder Waren, das werde stetig verbessert, klar, aber das Investment sei die Technologie. Die Infrastruktur. Die Daten.

 

Der Audi Q3 passt in die Szenerie: jung, dynamisch, flexibel. Mobilität wird in Tel Aviv großgeschrieben. Man hat längst erkannt, dass zwischen Mobilität und Zukunft Daten als Verbindungsstück liegen.

„Niemand programmiert irgendetwas in Hebräisch.“  

Laut Gilad Uziely, 35, Director of Economic Development, zuständig für die Entwicklung der Start-up-Szene Tel Avivs, ist alles international ausgerichtet. Think global!

300 Mio. Dollar investierte der VW Konzern in die Beteiligung an Gett und die Zukunft der Mobilität.

Mark Oun ist CEO von Gett Israel. In knapp 60 Städten weltweit vermittelt das Unternehmen mittlerweile Fahrdienstleistungen online – unter anderem in New York, London und Moskau.

Tatsächlich basiert der technologische Erfolg Israels auf der Infrastruktur. Oder besser darauf, dass es mit den Nachbarn keine gibt. Weil der Handel mit Ländern der Region brachliegt, bleibt wenig anderes übrig, als international zu denken. „Niemand programmiert irgendetwas in Hebräisch“, sagt Gilad Uziely, „der Markt ist viel zu klein.“ Zudem sei Israel auch kein Sprungbrett in den Mittleren Osten. „Das ist jedenfalls nicht der Grund, warum hier in Technik investiert wird.“ Uziely, 35, ist Director of Economic Development, zuständig für die Entwicklung der Start-up-Szene Tel Avivs. Er untersteht direkt dem Büro des Bürgermeisters. Und er weiß, wovon er redet, nebenbei betreibt er zwei eigene Startups. „Wir denken international und technisch, weil wir keine andere Wahl haben.“ Und das ist wortwörtlich gemeint.

 

Bereits vor dem Sechstagekrieg 1967 gründet die israelische Armee mit Mamram und der Unit 8200 zwei Einheiten, die sich mit nichts anderem beschäftigen als der Gewinnung von Daten. Als in den 1980er-Jahren schließlich die Software wichtiger als die Hardware wird, sind die Israelis gut aufgestellt. Unzählige ehemalige Soldaten haben gelernt, unter ständigem Druck kreative technologische Lösungen zu entwickeln, mit gerade mal Anfang 20. Das Know-how nutzen sie auch als Zivilisten weiter. Ihre Produkte richten sich in der Regel nicht an Endkunden, sondern haben das große Ganze im Blick. So wird die erste Firewall in Israel programmiert und der erste Messenger-Dienst dort erfunden, später der USB-Stick und die erste Software, die Daten so aufbereitet, dass sie Unternehmen nützen. Die Gründer dieser Unternehmen kommen allesamt aus einer der beiden Einheiten.

"Tel Aviv ist eine fruchtbare Stadt für Innovationen"

„Das zum einen“, sagt Uziely. Er sitzt in einem Büro, das selber nicht größer ist als das eines Start-ups in der ersten Woche nach der Unternehmensgründung. Alles ist eng, die Kaffeemaschine das meistgenutzte Teil, das Sofa im Konferenzraum durchgesessen, die Kollegen leben für ihre Arbeit. Uziely lehnt sich zurück. Dann gebe es da die Einwanderung. Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Emigranten ins Land wollten, schottete sich Israel nicht etwa ab, sondern gab sich alle Mühe, die Neuankömmlinge schnell zu integrieren – mit dem Office of the Chief Scientist kümmerte sich eine eigene Abteilung im Wirtschaftsministerium um nichts anderes. Und das zahlte sich schnell aus, schließlich waren viele der Einwanderer hochgebildet. Schon 1998 bezeichnete etwa das US-Magazin „Newsweek“ Tel Aviv als eine der technologisch einflussreichsten Städte der Welt.

 

Kreativität braucht Freiraum: 318 Sonnentage im Jahr, 14 Kilometer Strand, freies WLAN in jedem Stadtbus und an jedem Strandabschnitt machen in Tel Aviv die Arbeit lebenswert.

100.000 der 500.000 Einwohner Tel Avivs sind Studenten.

Das Office of the Chief Scientist gibt es noch heute. Es fördert weiterhin den Technologiesektor und stellt Geld und die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung – unter einer Bedingung. Zwar können Gründer und spätere Investoren mit einer geförderten Firma machen, was sie wollen, selbst das Hauptquartier ins Ausland verlegen, aber die Abteilung für Forschung und Entwicklung muss immer in Israel bleiben. Uziely sagt: „Außerdem haben wir ständig Sonne, das hilft bestimmt auch.“ Er lacht. Im Ernst, sagt er: „We want to be the Oxford of Startups.“ Wer lernen wolle, der komme nach Tel Aviv, das sei bereits heute so, ständig habe man Unternehmen und Politiker vor Ort. Am Ende, sagt er, gehe es um die drei Ts. „Talent, Tolerance, Technology.“ Das eine sei ohne das andere nicht zu haben. „Ich helfe dir heute, du hilfst mir morgen.“ So sei das eben in Tel Aviv.

 

„Das ist jedenfalls die Idee hinter Mindspace“, sagt auch Libby Alpert. Sie war vorher bei Gett, Global Marketing Operations, und ist jetzt verantwortlich für das Marketing bei einem der mittlerweile Dutzenden Anbieter von Coworking Spaces in Tel Aviv. Bei Mindspace ist es noch ein bisschen hipper als bei den anderen, „und wir sind mehr als eine Bürogemeinschaft“. Dabei zeichnet Mindspace zwar aus, was Coworking Spaces eben auszeichnet – hohe Flexibilität, perfekte Ausstattung, Kooperationen –, aber zwischen den vielen Mietern, die Apps programmieren, finden sich auch andere Ideen. Etwa die von Noam Levy. Sein Unternehmen NeoTop Water Systems stellt kleine Plastikbälle her, die Wasserspeicher gegen Verdunstung schützen. Jeder in Tel Aviv sei sehr auf Erfolg fixiert, sagt Alpert. Man merke das etwa am durchschnittlichen Aufenthalt der Mieter. Etwa zwölf Monate seien die Neugründer mit ihren Start-ups bei Mindspace, dann seien sie entweder zu groß oder pleite. Man probiere aus, scheitere und fange mit größerer Erfahrung von vorn an. „Das gehört zu unserer Kultur.“ Angeblich gibt es in Israel sogar Investoren, die aus Prinzip nie in die erste Idee eines Gründers investieren – schließlich wächst man nur an Niederlagen. „Tel Aviv ist eine schnelle Stadt und das ganze Büro eine einzige große Vernetzungsmaschine“, sagt Alpert.

 

Neue Ideen verfolgen. Unternehmen gründen. Sich am Ausland orientieren. Im Grunde sind das alte Ideen. Denn als Tel Aviv 1909 gegründet wurde, strebte man nichts weniger an, als „ein neues Manhattan“ an den Strand zu bauen. Vielleicht ist es das: Tel Aviv ist selber ein einziges großes Startup. Immer noch.

Mehr Infos:

Mit dem Hightech-Unternehmen Mobileye hat Audi in Tel Aviv auch einen Partner für die Entwicklung des pilotierten Fahrens. Die Marke mit den Vier Ringen nutzt die hoch entwickelte 3D-Kameratechnik.

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