Immer wieder Grenzen überwinden

Frank Schätzing gilt als Instanz, wenn es darum geht, Wissenschaft und Fiktion zusammenzubringen. Im Interview spricht er über seinen Beitrag zur "Mission to the Moon", die Bedeutung kollektiver Triumphe und Inseln der Aufgeklärtheit.

Patrick Morda (Interview) & Corbis, Ervin Elsner / Action Press, The Scope & PTS / Alex Adler (Fotos)

Audi Magazin: Herr Schätzing, mal vorweg: Wem gehört eigentlich der Mond?

Frank Schätzing: Ein Stück gehört mir. Jedenfalls nach den Vorstellungen des amerikanischen Geschäftsmanns Dennis Hope. Der beruft sich auf einen Passus der amerikanischen Verfassung, in dem sinngemäß steht, dass jeder Land in Besitz nehmen kann, sofern er die Besitznahme öffentlich macht und in den folgenden sechs Monaten niemand kommt, um ältere Ansprüche geltend zu machen. Also ließ er sich den Mond als Besitz eintragen und wartete. Nachdem keine indigene Mondbevölkerung aufkreuzte, begann er, Grundstücke zu verkaufen. Meine Schwiegereltern haben mir 2009 eines geschenkt.

Das klingt völkerrechtlich nicht ganz sauber ...

Es ist ein Gag. Völkerrechtlich darf nichts im Weltraum, auch nicht der Mond, irgendjemandem gehören. Das regeln der Weltraumvertrag aus den 1960ern und der spätere Mondvertrag. Nur haben die wichtigsten Länder die Verträge bis heute nicht ratifiziert.

Das war zu einer Zeit, als der Mond noch Objekt der allgemeinen Aufmerksamkeit war. Die erste Mondlandung war ein weltweites Medienereignis. Heute scheint die Euphorie für die Raumfahrt verloren gegangen zu sein. Was ist passiert?

Im Grunde kann man das auf nicht eingehaltene Versprechen zurückführen. Die Eroberung des Weltraums galt als Menschheitsprojekt im besten Sinne. Verbunden mit technologischem und allgemeinem Aufschwung. Man sah neue Magellans und Marco Polos am Werk, die Science-Fiction befeuerte das Ganze mit humanitären Visionen: Eine geeinte Menschheit, die das All besiedelt und alle Probleme auf der Erde gelöst hat. Dann wurde klar, es handelt sich um ein reines Wettrennen der Supermächte. So hat die breite Masse den Glauben in den Nutzen der Raumfahrt verloren.

Der Schwarm

"Der Schwarm" macht Frank Schätzing, 58, berühmt. Die Werke des gebürtigen Kölners, der auch als Model und im TV erfolgreich ist, zeichnen sich durch einen hohen Grad an Detailtiefe und fundiertes Wissen über die Materie aus. "Vom Projekt Mensch zum Menschheitsprojekt", sein Kurzfilm im Rahmen der "Mission to the Moon", ist ein Rundgang durch die Menschheitsgeschichte und gibt einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft.

Gleichzeitig gibt es aber immer noch eine tiefe Sehnsucht in uns,die den Mond und das Weltall zum Faszinosum macht. Ein Widerspruch?

Nein. Diese Polarität macht es ja gerade so spannend. Das erklärt sich zum Teil aus den Anfängen unserer Menschwerdung. Als wir noch in Höhlen lebten, erhellte der Mond die Nacht und half uns bei der Orientierung. Es gibt zig Mondgötter, alle möglichen Mythen und Legenden ranken sich um den Trabanten, die Romantik hat ihn sich zu eigen gemacht. Noch im letzten Jahrhundert war die Vorstellung von Seleniten, Mondbewohnern, gang und gäbe. Die Idee des Mondes war immer weit interessanter als der Mond selbst. Dass man schließlich nur eine unwirtliche Steinwüste vorfand, ist sicher Teil des Problems, das wir heute mit der Rückkehr zum Mond haben.

Bei aller Ernüchterung: Brauchen wir nicht gerade heute eine neue „Mondlandung“, ein global identitätsstiftendes Ereignis?

Absolut. Wir sind so gestrickt. Unser Selbstbewusstsein stärkt sich an kollektiven Erlebnissen. Jeder wünscht sich in seinem Leben etwas von Bedeutung, womit er sich identifizieren kann, aber die wenigsten haben das Gefühl, allein etwas Bedeutsames schaffen zu können. Darum lieben wir Stellvertreter-Erfolge: Wenn Deutschland den WM-Pokal gewinnt, dann haben wir ihn alle gewonnen. Und als Armstrong den Mond betrat, stand da im selben Augenblick die ganze Menschheit. Das war das Gefühl, das damals alle einte. Solche kollektiven Triumphe brauchen wir dringender denn je.

Fehlt es uns dann heute an Mut, am Entdeckergeist der Vergangenheit? Fehlen die Visionäre?

Ganz im Gegenteil. Wir leben im Zeitalter der Visionäre. Im Silicon Valley finden Sie mehr Visionäre in einer Straße als vor hundert Jahren in ganz Amerika. Technologischer Fortschritt entwickelt sich exponentiell mit immer spektakuläreren Ergebnissen. Das hört ja nicht plötzlich auf.

Woran hapert es dann?

Womöglich daran, dass sich die Menschheit als Ganzes eben nicht höher entwickelt hat. Stattdessen bekämpfen wir Gespenster der Vergangenheit, die wir längst exorziert glaubten, religiösen Fundamentalismus, Nationalismus – alles ist wieder da. Als Kind dachte ich, die Welt sei eine aufgeklärte Gesellschaft mit einigen Inseln der Rückständigkeit. Heute sehe ich eine Weltgesellschaft, die insgesamt rückständig ist mit einigen Inseln der Aufgeklärtheit. Das erschwert visionäre Projekte wie die Raumfahrt.

"Die Eroberung des Weltraums galt als Menschheitsprojekt im besten Sinne. Man sah neue Magellans und Marco Polos am Werk."

Sie steuern im Rahmen der Kooperation zwischen Audi und den Part-Time-Scientists den Kurzfilm "Vom Projekt Mensch zum Menschheitsprojekt" bei. Worum geht´s darin?

Um genau diese Vermittlung. Beginnend mit der Entstehung unserer Spezies - Projekt Mensch - bis hin zur aktuellen und künftigen Entwicklung des Menschheitsprojekts Raumfahrt. Als einzige Spezies auf diesem Planeten sind wir in der Lage, uns die Zukunft auszumalen und nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Innerhalb weniger Millionen Jahre wurden wir von Baumbewohnern zu Astronauten und Internet-Usern. Warum? Weil wir fähig sind, Langfristvisionen umzusetzen.

Viele dieser Visionen wurden zu ihrer Zeit bekämpft.

Stimmt. Aber langfristig brachten sie uns voran. Ich will zeigen, dass es in unseren Genen liegt, immer wieder Grenzen zu überwinden und neue Räume zu erobern. Kreativ zu sein ist ein evolutionärer Überlebensvorteil. Wir brauchen Fortschritt für unsere psychische Höherentwicklung. Wenn wir stagnieren, sterben wir aus.

Warum ist denn die Raumfahrt ein solches Menschheitsprojekt?

Aus mehreren Gründen. Zum einen geht es - wie gesagt - um das identitätsstiftende Moment, das höhere Ziel. Dann ist es so, dass uns jedes Wissen über unser Umfeld hilft, besser darin zurechtzukommen. Das beginnt bei der Straße, in der wir wohnen, und hört beim größten verstellbaren Umfeld, dem Weltraum, nicht auf. Die Erde ist eine Insel. Die Kenntis, was diese Insel umgibt, ist überlebenswichtig. 2050 wird die Weltbevölkerung aller Voraussicht nach bei zehn Milliarden Menschen liegen, Raum und Ressourcen sind endlich. Allein unser Sonnenystem bietet Ressourcen im Überfluss. Im All lauern Gefahren für unsere Planeten, Meteoriten können uns auslöschen. Wenn wir diesen schwarzen, unendlichen Ozean um uns herum erforschen und bereisen, wird es uns leichter fallen, solcher Gefahren Herr zu werden. Alles deutet darauf hin, dass es noch andere lebensfreundliche Inseln im All gibt. Zwar extrem weit weg, aber die Raumfahrt steckt ja noch in den Kinderschuhen. Auch wenn der Nutzen gefühlt in weiter Ferne liegt, haben wir gar keine Alternative, als Raumfahrt voranzutreiben.

Aber wären wir denn als Menschheit überhaupt bereit dafür, den Planeten zu verlassen, neuen Kolonien zu gründen?

Welche Menschheit? Diese eine Menschheit gibt es nicht. Alle liegen sich in den Haaren. Wollen wir warten, bis wir die perfekte Weltgesellschaft errichtet haben? Dann wird das nie was mit der Raumfahrt. Eher kann sie uns bei gesellschaftlichen Transformationen helfen. Die Internationale Raumstation ISS war ein Anfang, da zogen immerhin schon mal viele Nationen an einem Strang. Einer muss immer anfangen. Ist einer bereit, sind es bald viele.

Dann stellen wir die Frage mal aus Sicht des Psychologen: Will die Menschheit eigentlich den Planeten verlassen?

In unserer Fantasie wollen wir es, in der Praxis graust es die meisten bei der bloßen Vorstellung. Der Punkt ist: Was wir wollen, spielt am Ende keine Rolle. Ob wir die Erde eines fernen Tages verlassen, wird keine Frage des Wollens, sondern des Müssens sein. Und es wird uns verändern. Schon rein biologisch. Weil jede neue Welt, sei sie noch so erdähnlich, zunächst mit erschwerten Bedingungen aufwartet. ist der Planet ein bisschen größer, hat er eine höhere Schwerkraft. Ist der Sauerstoffgehalt ein wenig anders, werden wir auf Atemhilfen nicht verzichten können. Über Generationen wird ein allmählicher Umbau unseres Körpers stattfinden, so läuft das. Kein Lebewesen soll seinen angestammten Lebensraum verlassen, aber wenn es gezwungen ist, greifen die evolutionären Kräfte und passen es an. Körperlich und psychisch.

Kann der Mond je eine zweite Erde werden? Immerhin ist er uns am nächsten.

Der ist nun wirklich zu ungemütlich für ein zweites Berlin oder New York. Aber er kann umso mehr als Sprungbrett für Langzeitmissionen dienen. Die wären von da erheblich leichter zu starten. Insofern gilt es herauszufinden, inwieweit der Mond uns tatsächlich dabei helfen kann, interstellare Raumfahrt in größerem Maßstab zu betreiben.

Was den technologischen Fortschritt angeht: Da darf man Sie zum Lager der Optimisten zählen, oder?

Früher hätte ich das bejaht. Inzwischen stellt sich mir die Frage nicht mehr. Der technologische Fortschritt vollzieht sich eigendynamisch. Ob man das positiv oder negativ sieht, spielt keine Rolle. Die Menschheit hat zu allen Zeiten Revolutionen durchlaufen, es passierte einfach. Zäsuren wie der Umbau des Menschen vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern, die industrielle Revolution, das Informationszeitalter. Und gerade jetzt leben wir wieder inmitten eines großen Umbruchs.

"Alles deutet darauf hin, dass es noch andere lebensfreundliche Inseln im All gibt."

Welcher Umbruch steht uns bevor?

Der bislang radikalste, die Kybernetisierung des Menschen. Wir können auch sagen, die Verschmelzung des Menschen mit der Maschine, die Auflösung der Grenze zwischen digitaler und analoger Welt. Ich habe keinen Zweifel, dass wir bis Ende dieses Jahrhunderts eine selbstbewusste künstliche Superintelligenz erschaffen haben werden. Dann entscheidet sich, ob diese Intelligenz uns auf die nächste Stufe der Höherentwicklung katapultiert – oder schlicht abschafft.

Sie haben mal gesagt: „Ich verbreite Realismus.“ In dem Zusammenhang eine interessante Aussage.

Habe ich das gesagt? Na ja, Realismus und Fiktion sind nicht voneinander zu trennen. David Ben-Gurion hat in den Anfangstagen von Israel ein grandioses Zitat in die Welt gesetzt: „Wer in diesem Land nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Er meinte das keineswegs religiös. Es bezog sich auf die schier übermenschliche Leistung, diesem sumpfigen Küstenstreifen mit Wüste im Hinterland einen blühenden Staat abzutrotzen. Aber im Grunde hat sein Zitat universelle Bedeutung. Realität erschafft man durch Fiktion, durch Visionen. Und wenn es noch so sehr nach Wunder klingt, solange es nur vorstellbar ist, ist es im Prinzip auch machbar. So ist der Homo sapiens zu dem geworden, was er heute ist. Auf Wellen von Visionen folgten Phasen der Umsetzung. Oft mit Abstrichen. Aber letztlich hält die Vision Einzug in eine veränderte neue Realität. Und schafft Raum für neue Visionen. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Halten Sie es mit Arthur C. Clarke: Was heute als Science-Fiction-Roman begonnen wird, endet morgen als Reportage.

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