Technologie kann Träume über die Zeit hinweg bewahren


Was bedeutet Zeit heute eigentlich?

Ein Gespräch mit Hans-Christian Boos & Karlheinz Geißler


Die Paradoxie, im Stau schnell zu sein, und warum künstliche Intelligenz den Menschen wieder zum Humanismus führen kann: Hans-Christian Boos, Experte für künstliche Intelligenz, und Karlheinz Geißler, Zeitforscher, diskutieren über die Befreiung von der Vertaktung der Zeit.

Interview: Bernd Zerelles, Foto: Robert Fischer

Der Wert eines jeden Augenblicks

DAS AUDI MAGAZIN: Herr Geißler, viele Menschen fühlen sich in ihrem Alltag häufig gehetzt. Warum stellt der Umgang mit der Zeit den Menschen vor solche Herausforderungen?

GEISSLER: Es ist uns als Wesen aufgegeben, Zeit als Problem zu erfahren, weil wir eben nur auf Zeit leben. Das bringt uns immer in die Situation, zu fragen, ob die Art, wie wir mit Zeit umgehen, die beste ist, die gute ist. Wir werden permanent qualitativ, nicht quantitativ, angeregt zu überlegen: Benutze ich meine Zeit sinnvoll oder nicht sinnvoll? Packe ich mehr in die Zeit oder weniger? Ist das so zufriedenstellend oder nicht? Gibt es Alternativen oder nicht?

Was bedeutet Qualität in der Zeit?

GEISSLER: Der Mensch erlebt Zeit auf zwei Arten, das ist seit 600 Jahren in unseren Gesellschaften so: als Uhrzeit und als Naturzeit. Naturzeit ist das, was er selbst als Zeit empfi ndet und erlebt – die Zeit, die ihn zufrieden macht oder unzufrieden, je nachdem. Das ist seine eigene Körperzeit, also qualitative Zeit. Und diese verläuft in Rhythmen. Also auch mal von der Wiederholung abzuweichen, auszubrechen. Die Uhrzeit ist ganz banal die Vertaktung des Menschen. Maschinen sind vertaktet, die Arbeit ist vertaktet, der Alltag. Das macht die Belastung aus.

BOOS: Genau in der qualitativen Betrachtung von Zeit liegt auch die große Chance von künstlicher Intelligenz: Wir verbringen ja einen großen Teil unserer Zeit mit Dingen, die uns überhaupt nicht weiterbringen. Wenn man nur daran denkt, dass Menschen früher in Fabriken den ganzen Tag lang mit dem Hammer auf etwas draufgehauen haben. Nichts anderes geschieht heute auch in den meisten Büros. Wir leben in einer Arbeitswelt, in der wir den Menschen dazu gebracht haben, wie Maschinen zu arbeiten, indem wir die Arbeit in kleine Stücke teilen – das tayloristische Prinzip der Wirtschaft. Keiner versteht mehr das Gesamtergebnis seiner Arbeit.

GEISSLER: Das ist das Programm unserer Industriegesellschaft: die Vertaktung des Menschen.

Die Vertaktung entmündigt den Menschen?

BOOS: Man erledigt irgendetwas ganz Einfaches, was zwar kognitive Fähigkeiten erfordert, wofür man sich im Zweifelsfall sogar konzentrieren muss, was einen aber nicht ausfüllt. Wir produzieren zu viele Spezialisten für genau eine Sache. Die ganze Vielfalt, die wir als Kreaturen haben, geht verloren.

GEISSLER: Aber der Taylorismus ist am Ende.

BOOS: Auch rein produktionsmäßig gesehen ist er am Ende, weil die Menschen verrückt werden dabei.

GEISSLER: Nein, weil dieses „mach erst das, dann das“ auch nicht mehr produktiv ist. Nicht mehr Vertaktung, sondern Gleichzeitigkeit ist zurzeit das Produktivprogramm.

BOOS: Immer dieser Daueranspruch, für Produktivität verfügbar zu sein... Meiner Meinung nach ist der Mensch auf etwas ganz anderes ausgelegt als auf Produktivität.

Bitte führen Sie das aus.

BOOS: Die Frage ist, was ist überhaupt der Zweck des Menschen in dem ganzen System? Ich glaube, der Mensch ist für zwei Dinge besonders gut geeignet – und dann ist er auch sehr glücklich. Das eine ist, etwas Neues zu erfi nden. Dabei ist es vollkommen egal, ob es eine Erfindung ist im Sinne eines Patents, eine Erfindung im Sinne von etwas Künstlerischem oder ob es etwas ist, wo man sich selbst riskiert, etwas Pionierhaftes. Und das andere ist, dass wir dazu geschaffen sind, fürein ander da zu sein und irgendwie miteinander zu interagieren. Den heutigen Industriegesellschaften ist genau das verloren gegangen.

Aber wie soll uns künstliche Intelligenz hier helfen können?

BOOS: Ich sehe immer wieder das gleiche Problem: Menschen, die einen tayloristischen Job ausüben und den noch anreichern durch Gleichzeitigkeit oder ständige Verfügbarkeit, kultivieren dieses Work-Life-Balance-Denken. Aber das kann nicht funktionieren. Sie arbeiten meist nicht acht Stunden am Tag, sondern zehn oder zwölf. Dann müssen sie auch noch ein bisschen schlafen, sagen wir mal sechs Stunden. So vergehen schon 18 Stunden. Aber das Leben muss auch am Laufen gehalten werden. Es bleiben diesen Menschen vielleicht noch vier Stunden Zeit, um ihr gesamtes Glück zu erleben. Das wird nie funktionieren.

GEISSLER: Nein, das funktioniert deshalb nicht, weil Work ja auch Life ist.

Künstliche Intelligenz entlastet den Menschen, indem sie uns lästige, immer wiederkehrende Aufgaben abnimmt?

BOOS: Wenn Maschinen Dinge erledigen, die für uns Menschen tatsächlich zu banal sind, können wir uns endlich wieder mit den Dingen beschäftigen, die wirklich wichtig sind.

Herr Geißler, auch Sie sagten in einem Vortrag kürzlich: Wiederholungen kann man sich im Arbeitsleben schenken, um Zeit zu gewinnen.

GEISSLER: Zeit ist ja nichts anderes als eine Vorstellung. Und das ist die Vorstellung, dass man Zeit in Geld verrechnen kann. Genau das findet im Arbeitsleben statt. Wiederholungen vermeiden und diese Form durch neue Formen mit schnelleren Abläufen ersetzen – das ist die Geldrationalisierung der Zeit.

BOOS: Beim Thema künstliche Intelligenz wird diese Diskussion meist nicht geführt: Künstliche Intelligenz ist ein reines Effizienzwerkzeug. Und das benutzen wir jetzt zur Erzeugung der Effizienz, die wir selbst nicht können oder wollen, um die Ökonomie am Laufen zu halten. Dieser Traum von künstlicher Intelligenz, der so gern durch die Medien getragen wird – der Roboter, ein Ebenbild des Menschen, der „ich“ sagt –, keiner weiß heute, wie man so etwas bauen soll. Aber was wir sehr genau wissen, ist, wie Maschinen uns helfen können, diese Effizienzspirale, in der wir uns befinden, hinter uns zu lassen.

GEISSLER: Also wenn künstliche Intelligenz den Menschen von den Zumutungen der schlichten Wiederholungen befreit, kann ich das nur befürworten.

BOOS: Sind Sie nicht auch der Auffassung, dass wir unglaublich viel Zeit verschleudern mit Dingen, die uns weder glücklich machen noch weiterbringen?

GEISSLER: Was heißt verschleudern? Wir verschleudern keine Zeit. Kein Mensch, der nicht dazu gezwungen wird, sozu sagen Zeit zu verschleudern in dem Sinne, dass er etwas machen muss, was ihm widerstrebt, wird Zeit verschleudern. Sondern jeder wird das machen, was ihn irgendwie zufriedenstellt, sonst würde er dies nicht tun.

BOOS: Die ganze Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz ist ja häufig mit der Sorge begründet, auf einmal Zeit zu haben und nicht zu wissen, was man damit anfangen soll. Was sollte man Ihrer Meinung nach mit der Zeit anstellen – wofür müssen wir Zeit gewinnen?

Was sollte man Ihrer Meinung nach mit der Zeit anstellen – wofür müssen wir Zeit gewinnen?

BOOS: Die Menschheit hat doch seit mindestens 40 Jahren nichts mehr geschaffen, was uns wirklich einen großen Schritt weitergebracht hat. Das sage ausgerechnet ich, der aus der Technologiebranche kommt. Wer jetzt meint, wir haben so tolle Sachen erfunden wie das Internet oder Facebook, dem entgegne ich: Gossip zu verbreiten ist ja nun wirklich ein ganz altes Prinzip der Menschen. Unsere Errungenschaft mit den sozialen Netzen ist nur, dass wir in dieses Verfahren Geschwindigkeit gebracht haben. Es existieren erhebliche Schwierigkeiten auf unserem Planeten. Wir beuten den Planeten aus, zehn Prozent der Weltbevölkerung geht es einigermaßen gut, den restlichen 90 Prozent aber nicht. Und Weltfrieden herrscht schließlich auch nicht. Wir vergessen das Vorankommen, rein intellektuell. Vor vielen Jahren haben sich die Menschen noch gefragt, wie die Welt wirklich funktioniert. Entweder kümmert das die meisten Leute heute nicht mehr, oder sie haben keine Zeit dafür. Meiner Meinung nach täten wir gut daran, wieder eine Rückkehr zum Humanismus zu betreiben – herauszufinden, worum es wirklich geht.

GEISSLER: Ja, es ist die Hoffnung vieler, Zeit zu gewinnen, um sie dann im eigenen Interesse zu nutzen. Der Ökonom würde sagen, wir gewinnen Zeit, um noch mehr Zeit in Geld zu verrechnen oder die Zeit so in Geld zu verrechnen, dass mehr Geld dabei herauskommt. Der Ökonom hat ja eine Zeit-ist-Geld-Logik.

BOOS: Aber es ist unsere Entscheidung, uns davon zu lösen, nachdem sich der Mensch diese Logik 200 Jahre antrainiert hat.

GEISSLER: Ja, 200 Jahre Vertaktung. Die Uhr ist immer das Muster für menschliches Handeln gewesen. Aber die Uhr verlässt den Thron der Zeitordnung. Die Uhr hat ausgedient. Die Uhr kann gehen.

Was kommt jetzt?

GEISSLER: Jetzt übernimmt das Mobiltelefon die Zeitorganisation unseres Alltags. Das heißt, wir organisieren nicht mehr nach langfristigen Terminen, sondern nach kurzfristigen Entscheidungen. Heutzutage heißt es: Ich komme am Vormittag und rufe dich dann noch an, wann das genau ist.

BOOS: Ich finde es ungleich angenehmer, wenn man sich zu einer exakten Uhrzeit verabredet. Denn dann weiß man ganz genau: Der Rest der Zeit bis dahin gehört mir. Wenn alle alles immer offen lassen, kann keiner mehr planen. Und keiner hat mehr Zeit, in Ruhe Dinge zu erledigen.

GEISSLER: So ist es. Aber jede Veränderung in der Art, wie wir mit Zeit umgehen, ist ein Realexperiment, das entscheidet, ob sich’s rentiert oder nicht. Im Labor kann ich das nicht untersuchen, sondern in der Realität wird entschieden, das bringt mir was oder das bringt mir nichts. Der eine nimmt ein Handy und der andere ein Smartphone. Ich zum Beispiel besitze überhaupt kein Mobiltelefon, andere dagegen sogar drei. Aber das ist in dieser Gesellschaft nun mal so.

Herr Boos, Sie haben zwei Smartphones hier liegen.

BOOS: Ach, das eine ist privat zum Telefonieren, und das zweite ist mein Organisationsgehilfe. Ich bin zwar sehr kalendergetrieben, aber nicht besonders zeitgetrieben.

GEISSLER: Was heißt kalendergetrieben? Termingetrieben?

BOOS: Ja, ich habe viele Termine, aber ich mache keine zwei Sachen gleichzeitig.

GEISSLER: Daran tun Sie gut.

BOOS: Mir bleibt nie genug Zeit für die vielen Dinge, die mich interessieren. Deswegen empfinde ich Leute, die in meiner Anwesenheit Multitasking betreiben, als großes Ärgernis, weil sie schlecht mit meiner Zeit umgehen. Warum soll man seine Zeit in einem Meeting vergeuden, in dem alle auf ihren Handys E-Mails lesen? Was für eine Zeitverschwendung!

GEISSLER: Aber das kennt man schon seit Jahrhunderten. Man nennt das: unhöflich.

Es ist zu befürchten, dass das Smartphone das Leben des Menschen weiter beschleunigt.

GEISSLER: Natürlich, natürlich. Wir sind bisher immer schneller geworden, bis wir mit den neuen Technologien bei Lichtgeschwindigkeit angekommen sind. Und die lässt sich nicht mehr steigern über Schnelligkeit…

BOOS: … jetzt betreiben wir Parallelisierung.

GEISSLER: Genau. Verdichtung ist das neue Prinzip. Das ist ja die Attraktivität des selbstfahrenden Autos, dass man sogar im Stau schnell sein kann – die Paradoxie, dass wir im Stau im Internet surfen und dies oder jenes machen können. Sie werden entlastet vom Fahren und können trotzdem schnell sein. Das heißt, Sie können langsam und schnell sein. Und das ist der Vorteil der, sagen wir, Smartisierung dieser Gesellschaft. Im Gegensatz zur Taylorisierung, also der Vertaktung.

Herr Boos, dass beim autonomen Fahren die Maschine lenkt und der Mensch denkt, diese Konstellation gefällt Ihnen?

BOOS: Ja, sehr. Vorausgesetzt, wir messen dem Denken wieder einen gesellschaftlichen Wert bei. Nebenbei bemerkt: Die Menschen sollten ihre Angst ablegen, die eigene Intelligenz ersetzt zu bekommen, als Krone der Schöpfung vom Podest gestoßen zu werden. Dass maschinelle Systeme bald die besseren Autofahrer sind, steht außerhalb jeder Diskussion.

GEISSLER: Die Hoffnung ist auch, dass das autonome Fahren Zeit freigibt, in der ich anderes machen kann als bisher.

Wie möchten Sie diese Zeit im Auto dann nutzen?

BOOS: Ich würde ganz sicher mehr lesen oder Hörbüchern lauschen. Die Freiheit zu besitzen, einfach nur nachzudenken, würde mich auch sehr freuen. Oder ich schaue nur hinaus – das kann sehr inspirierend sein.

GEISSLER: Aber glauben Sie, Sie haben die Chance, auf der Autobahn viele Naturerlebnisse zu erfahren, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

BOOS: Ich verfüge über den großen Vorteil, dass ich mich ab und zu auf den Rücken eines Pferdes setze. Das Faszinierende an Pferden ist, dass sie, selbst wenn sie schnell laufen, wieder langsam sind. Ähnlich ist es beim Fahren auf der Autobahn. Da gibt es auf einmal wieder so viele Details. Diese Fokussierung auf die Langsamkeit im Schnellen führt einem vor Augen, wie produktiv es sein kann, sich mit Details auseinanderzusetzen. Mein Job ist sehr kopfl astig, es gilt, algorithmische Probleme zu durchdenken. Und die schwie rigen Lösungen haben immer irgendetwas mit Details zu tun.

GEISSLER: Es hat aber auch viel mit Naturzeit zu tun, dass Sie reiten. Denn der Mensch ist immer noch ein Naturwesen und zeitlich auf Natur geeicht. Sie erleben den Rhythmus des Pferdes, einen Rhythmus, der Ihnen sonst im Leben verwehrt wird. Das Pferd ist für Sie eine ganz produktive und auch schöpferische Art und Weise, wieder mit sich selbst und der Natur in Kontakt zu kommen.