Wie wird sich Mobilität verändern?


The Highways

Wenn Technologie zunehmend das Autofahren definiert: Was wird dann aus den Abenteuerstraßen unserer Jugend?
Text: Angus Frazer, Foto: Ryan Brabazon

Pilotiertes Fahren - ein Versprechen

In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, an einem späten Sommerabend im irischen Ulster, fuhr mein Großvater bei Mondlicht mit seinem Pferdegespann nach Hause. Und schlief unterwegs ein. Nach einem langen Arbeitstag auf dem Feld war es kein Wunder, dass er beim rhythmischen Klappern der Hufe einnickte. Das war auch gar kein Problem, denn sein Pferd kannte den Weg nach Hause und brachte meinen Großvater sicher zurück. Manchmal frage ich mich, was mein Großvater über unsere heutige Welt denken würde – so viel hat sich in den letzten hundert Jahren geändert. Autos zum Beispiel waren in den 1920er-Jahren noch ein sehr seltener Anblick auf den ländlichen Straßen Irlands. Heute gibt es schätzungsweise 1,2 Milliarden Autos auf der Erde, so vielfältig wie das Leben selbst. Eines jedoch haben sie alle gemeinsam, und das gilt gleichermaßen für jedes jemals gebaute Automobil: Sie alle bewegen sich ohne menschliches Zutun keinen Millimeter von der Stelle. Eine Handvoll selbstfahrender, autonomer Versuchsfahrzeuge mögen die Ausnahme sein, aber kaum jemandem sind sie schon leibhaftig begegnet. Wenn man nicht gerade in einer Gegend wohnt, wo sie testweise über die Straßen rollen, bekommt man sie seltener zu Gesicht als mein Großvater in seiner Jugend ein Automobil.

Und doch gehen einige Beobachter der Branche heute davon aus, dass schon im Jahr 2025 zehn Millionen selbstfahrende Autos auf unseren Straßen unterwegs sein könnten – von denen viele in der Lage wären, ihre Insassen auch schlafend nach Hause zu bringen. Das erscheint heute noch reichlich utopisch.

Manch einem mag es wohl ähnlich realistisch vorkommen wie meinem jungen Großvater seinerzeit die Vorstellung, dass das Pferd einmal vollständig durch das Automobil ersetzt werden würde. Aber genau in diesem Punkt wird sich die Geschichte wohl wiederholen: Auch wir nutzen in unserem Alltag Dinge, die eines nicht allzu fernen Tages als antiquiert gelten dürften. Neulich ging ich mit einem Freund durch ein riesiges Autohaus, vollgestellt mit den neuesten technologischen Meisterwerken der Automobilbaukunst – alle jedoch mit einem Lenkrad versehen. Mein Freund hatte seinen anderthalbjährigen Sohn dabei. „Brrm! Brrm! Brrm!“, rief der Kleine begeistert, während er seine Finger nach dem verlockend nahen, glänzenden Metall ausstreckte, fast als wolle er nach der Zukunft greifen. Doch so wird sie nicht aussehen, seine Zukunft. Wenn er eines Tages den Führerschein macht, werden Autos vermutlich weitgehend, wenn nicht gar vollständig, autonom unterwegs sein. Ob es einem gefällt oder nicht: Unsere Autohäuser sind für ihn bereits eine Art Museum.

In wenigen Monaten kommt der neue Audi A8 auf die Straße. Als erstes Serienfahrzeug der Welt wurde er speziell für hochautomatisiertes Fahren der sogenannten Stufe 3 entwickelt. Auf Tastendruck kann er in bestimmten Situationen die Teilkontrolle über die Fahrt übernehmen, wobei der Fahrer jederzeit die Möglichkeit behält einzugreifen. Dass eine solche autonome Technologie eine Menge Vorteile mit sich bringt, liegt auf der Hand. Wenn wir je nach Situation von den Fahraufgaben entbunden sind, können wir unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden.

Die Dinge werden sich also ändern, und zwar rasant. Doch wie verändert sich durch die zunehmende Autonomie unsere emotionale Beziehung zum Auto? Und wie gehen wir überhaupt sprachlich damit um? „Was für einen Wagen fährst du?“, dürfte sich erübrigen. Was aber sollen wir stattdessen fragen, sofern die Frage an sich überhaupt noch interessant ist? „Was für ein Wagen fährt dich?“ Machen kleine Jungs – und natürlich auch Mädchen – immer noch „Brrm! Brrm! Brrm!“, wenn auf unseren Straßen nur noch selbstfahrende, geräuschlose Autos mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb unterwegs sind?

Das erste Wort, das mein ältester Neffe gleich nach „Mami“ und „Papi“ von sich gab, war „Bagger“. Er saß für sein Leben gern im geparkten Auto auf meinem Schoß und rackerte sich mit dem Lenkrad ab, bis ihm irgendwann dämmerte, dass er den Schlüssel in meiner Tasche brauchte. Den hat er von mir natürlich nie bekommen. Im US-Bundesstaat West Virginia gelang es zwei Brüdern im Alter von zwei und fünf Jahren kürzlich, den Schlüssel zum Auto ihrer Mutter zu ergattern. Sie machten sich prompt auf den Weg, der eine am Steuer und der andere an den Pedalen. Erst nach fünf Kilometern landeten sie im Graben, beide zum Glück unverletzt.

Ich selbst musste erst ein bisschen älter werden, ehe ich zum ersten Mal ans Steuer durfte, aber auch ich habe keine Sekunde länger gewartet als nötig. Am Abend vor meinem siebzehnten Geburtstag überredete ich meinen Onkel, zu mir nach Hause zu kommen, seinen Wagen dort abzustellen und mit mir auf dem Beifahrersitz im Transporter meines Vaters zurück zu ihm zu fahren. Dort blieben wir, bis es Mitternacht schlug und ich siebzehn wurde – in Großbritannien das gesetzliche Mindestalter, um in Begleitung eines Erwachsenen mit Führerschein ans Steuer zu dürfen. Dann unternahmen wir eine Spritztour, aber dieses Mal mit mir am Steuer. Und was für ein Erlebnis das war! Die Fahrt über stockdunkle Landstraßen ist mir bis heute so lebhaft in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen und nicht schon dreißig Jahre her. Heute schreibe ich beruflich über Autos und habe schon so manchen Sportwagen an exotischen Orten in aller Welt gefahren. Und trotzdem denke ich oft, dass wohl kein Erlebnis je wieder so intensiv sein wird wie der unglaubliche Adrenalinrausch damals im Transporter meines Vaters.

Aber werden die Kinder von heute noch davon träumen, ans Steuer zu dürfen, wenn es kein Lenkrad mehr gibt? Und ab welchem gesetzlichen Mindestalter darf man eigentlich ein Fahrzeug führen, wenn es in Wahrheit andersherum ist und das Fahrzeug den Menschen führt? In jüngeren Jahren hätte ich eine Welt, in der Autos die Kontrolle übernehmen, als Albtraum empfunden. Doch je älter ich werde, desto mehr ändert sich meine Einstellung dazu, obwohl ich nach wie vor leidenschaftlich gern fahre. Ich habe bereits so viele Unfälle gesehen, dass ich autonomes Fahren schon allein wegen des deutlichen Sicherheitsgewinns wünschenswert fi nde. Jetzt, wo sich meine Neffen als Fahranfänger in den Straßenverkehr begeben, wäre ich durchaus froh, wenn ihre Autos mit einem gewissen Grad an Autonomie für ihre Sicherheit sorgen würden – und sie vor all dem Unfug bewahren, den ich in dem Alter im Auto angestellt habe. Auch für meine Eltern würde ich mir ein autonomes Fahrzeug wünschen, dann wäre das Fahren weniger anstrengend für sie.

Aber ob ich selbst eins möchte? Vorerst nicht, wenn ich ehrlich bin. Sicher, jedes Mal, wenn ich in einem nervigen Stau stecke, würde ich das Fahren nur allzu gern dem Auto überlassen. Aber meistens macht mir das mechanische Bedienen des Fahrzeugs doch zu viel Spaß. Nach einem langen und anstrengenden Tag im Büro ist das Letzte, was ich tun möchte, im Auto noch mehr Zeit mit E-Mails zu verbringen und dabei gefahren zu werden. Oft kann ich gerade beim aktiven Fahren gut entspannen. Einsteigen, Mobiltelefon ausschalten, Radio auslassen, die ganze Welt ausschließen und sich einfach nur auf jeden Gangwechsel, jeden Befehl an Bremsoder Gaspedal, auf jede Lenkbewegung konzentrieren: Das macht mir Spaß. Eines Tages kann ich mir ein autonomes Fahrzeug für mich vorstellen. Aber bitte noch nicht jetzt.

Wobei das ohnehin voraussetzen würde, dass wir in Zukunft immer noch Autos besitzen, was aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Fall sein wird. Viel eher werden uns Fahrzeuge auf Zuruf abholen. Einigen von uns wird eine monogame Beziehung mit der Mechanik vielleicht trotzdem lieber sein als eine endlose Reihe unbefriedigender automobiler Dates. Und diejenigen, die ihren Autos Namen geben, könnten sogar an der Schwelle zu einer ganz neuen Dimension emotionaler Bindung ans Automobil stehen. Nicht nur, weil der fahrbare Untersatz dann das Steuer übernehmen kann, sondern wegen der immer weiter gereiften künstlichen Intelligenz. Eine schöne Zukunftsvision.

Neulich habe ich im Radio eine Interpretation von Isaac Asimovs „Ich, der Roboter“ gehört. Darin unterhielt sich die Heldin mit ihrem selbstfahrenden Auto. „Habe ich noch Zeit für einen Kaffee?“, fragte sie. „Aber sicher“, antwortete das Fahrzeug, „dein nächster Termin ist erst um 15 Uhr. Und ich könnte einen Schluck Strom vertragen, während du deinen Kaffee trinkst.“ Interessant fand ich dabei die Beziehung zwischen Protagonistin und Auto. Es war fast, als würden sie füreinander sorgen – ein Kaffee für die Fahrerin und eine Ladung Strom für das Fahrzeug. Audi ist davon überzeugt, dass dem Auto in Zukunft eine immer größere Rolle als persönlicher Assistent zukommen wird. Bis es schließlich mit zunehmender Intelligenz zu unserem Vertrauten, unserem Freund wird. Aber man stelle sich bloß vor, dass man eines schrecklichen Tages seinem Auto sagen muss, es solle zurück zum Autohaus fahren, weil sein Ersatz schon unterwegs ist! Das wäre tränenrühriger als eine Szene aus „Lassie“.

Und nicht nur deshalb könnte sich das Leben verkomplizieren. Schon heute muss ich bei langen Fahrten mit einem normalen Auto vorsichtig sein. Meine Lebensgefährtin und ich teilen uns immer das Steuer, sie fährt oft die erste Hälfte der Strecke, und ich übernehme nach dem Mittagessen. Gegen halb vier schlage ich dann, ich bin Brite, einen Zwischenstopp für Tee und Kuchen vor. Miriam argumentiert dann jedes Mal, dass wir doch gerade erst zu Mittag gegessen hätten und wir doch bitte einfach weiterfahren sollten. Da ich aber am Steuer bin, fahre ich bei der nächsten Raststätte trotzdem raus. In einem vollautonomen Fahrzeug dagegen hätte ich wohl schon verloren. Das Auto wird, davon gehe ich aus, unweigerlich für meine Lebensgefährtin Partei ergreifen. Wir werden weiterfahren, eine Raststätte nach der anderen hinter uns lassen, schneller ans Ziel kommen und ungeheuer gesund leben – nur bleibt meine Teestunde dabei leider auf der Strecke.

Vielleicht freunde ich mich mit der Technik aber eines Tages doch an. Denn wenn man genau darüber nachdenkt, stellt man fest, dass der Reiz des Fahrens ebenso sehr im Weg und in der Reise liegt wie im Fahren des Autos. Immer wieder werde ich gefragt, welches das tollste Auto ist, das ich je gefahren habe. Dabei müsste die Frage eigentlich lauten, welches die tollste Straße ist, auf der ich je gefahren bin. Wenn ich wählen dürfte, würde ich lieber mit einem Kleinstwagen in der Nachmittagssonne eine Atlantikstraße in Norwegen abfahren, als mich mit einem Supersportwagen stundenlang durch den Stadtverkehr zu wühlen.

Denn seien wir mal ehrlich, darum geht es doch beim Autofahren seit jeher: um Freiheit. Ich weiß das, Sie wissen das, und auch die beiden kleinen Jungs in West Virginia wissen das. Das Auto gibt uns die Möglichkeit, uns vom Rest der Welt abzusetzen. Wir können fahren, wohin wir wollen, tun, was wir wollen, und einfach ein Stück Unabhängigkeit und Abenteuer spüren. Wenn wir Glück haben und bei guter Gesundheit alt werden, können wir diese Freiheit viele Jahre lang genießen. Irgendwann aber kommt der Tag, an dem unsere Reaktionen zu langsam und unser Augenlicht oder unsere Nerven zu schwach werden, um uns auf den immer stärker befahrenen Straßen da draußen noch hinters Steuer trauen zu können. In einigen Ländern denkt man bereits darüber nach, Führerschein-Pflichttests für Senioren einzuführen. Und wenn sie die Prüfung nicht bestehen? Kein Ausbrechen mehr, keine Freiheit, kein Abenteuer. Vielleicht aber werden wir diese Freiheit nie mehr aufgeben müssen – wenn nämlich das Auto für uns fährt: Mit einem autonomen Fahrzeug können wir die fast vergessenen Abenteuerstraßen unserer Jugend immer wieder aufs Neue erobern.