„Mr. Le Mans“ Tom Kristensen - Ein Ausflug in die Stadt des legendären 24h-Rennen

Ich war noch niemals in Le Mans

18 Mal startete Tom Kristensen beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Neunmal gewann er "das härteste Rennen der Welt". Für die Stadt an der Sarthe hatte er trotzdem kaum Zeit. Bis jetzt.

  

Die Brücke über den Straßentunnel ist Teil der Grand Rue de Chanoines. Was früher mal „Grand“ war, ist heute fast ein bisschen klein für den neuen Audi R8, der an seiner breitesten Stelle mit Schwellern immerhin 194 Zentimeter misst. Zur Sarthe hinunter oder zur Stadt hinauf: Oberhalb des Straßentunnels führen Treppen durch die schmucke historische Altstadt.
Le Mans hat 144.000 Einwohner.

Die Geschichte der Stadt im Nordwesten Frankreichs reicht zurück bis zu den Kelten. Es gibt eine Stadtmauer aus dem spätrömischen Reich, eine großartige Kathedrale namens Saint-Julien du Mans, die rund 950 Jahre alt ist. Und eine Geflügelrasse, die wegen ihrer wunderbaren Fleischqualität unter Gourmets besonders geschätzt wird. Und trotzdem kennt man Le Mans eigentlich nur wegen eines Rennens, bei dem jedes Jahr im Juni mehrere Dutzend Fahrerteams ihre Fahrzeuge den 13,6 Kilometer langen „Circuit des 24 Heures“ entlangjagen. Von der einen oder anderen Veränderung oder Unterbrechung mal abgesehen, geht das schon seit 1923 so.

An der zweiten Schikane auf der Mulsanne-Geraden verdeutlichen die Curbs, wozu diese eigentliche normale Landstraße noch dient: zum Rennbetrieb während der 24 Stunden von Le Mans.
1997 startete der Däne Tom Kristensen zum ersten Mal beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Danach jedes Jahr aufs Neue. 18 Mal insgesamt. 18 Mal legte er um die 1.500 bis 1.800 Kilometer zurück. Immer auf der gleichen Strecke, immer im Kreis, immer am Limit. Die Innenstadt sah Kristensen meistens nur von einem der Oldtimer-Rennwagen aus, wenn er mit all den anderen Piloten bei der Drivers’ Parade am Freitag vor dem Rennen den 200.000 Fans in der Stadt seinen Boliden präsentierte. „Die Drivers’ Parade ist eine tolle Tradition. Aber als Fahrer ist man total fokussiert. Man winkt und schaut in die Menge, aber im Kopf ist man irgendwie schon beim Rennen am nächsten Tag“, erzählt Tom Kristensen und fügt hinzu: „Nach dem Rennen ist man dann total fertig. Man übernachtet noch mal, und dann geht es sofort wieder nach Hause.“

Jetzt hat Tom endlich die Muße, Le Mans richtig zu genießen.

Es ist ein sonniger Tag nach Ostern. Wir haben uns zu Toms Stadtbummel-Premiere verabredet, überqueren den Place de la République und spazieren in eine Nebenstraße. „Non.“ Tom schlendert weiter. „Non!“, ruft es vehement und unüberhörbar hinter ihm. Irritiert dreht Kristensen sich um. Da steht eine temperament- volle Frau mit dunklen Locken und wiederholt, fast entrüstet vor ungläubiger Verwunderung: „Non, Tom Kristensen, vous êtes pas Tom Kristensen.“ Doch, er ist es: „Yes, it’s me.“ Die Frau lacht, immer noch völlig fassungslos, und schmettert dem überraschten Rennfahrer ein paar Sätze Dänisch entgegen. Was genau gesprochen wird, können wir an dieser Stelle nicht übersetzen. Erstens weil außer Tom und der aufgeregten Lady niemand in dieser Szenerie Dänisch versteht. Und zweitens wollen wir das Sprachwirrwarr für den Leser überschaubar halten.

Laura, Französin aus Le Mans, verheiratet mit einem  glücklicherweise verständnisvollen deutschen Ehemann, wohnhaft in Trier, zwei Kinder, ist der größte Tom-Kristensen-Fan der Welt (Selbstauskunft). Sie bekennt, für den Tag, an dem sie Tom Kristensen jemals über den Weg laufen sollte, Dänisch gelernt zu haben. Jetzt kann sie kaum glauben, dass dieser Moment gekommen ist. Tom kann nicht glauben, dass jemand seinetwegen eine neue Sprache gelernt hat. Ein großer Augenblick der Freude an einem ganz gewöhnlichen Dienstag in einer kleinen Fußgängerzone in Le Mans.

Die historische Altstadt von Le Mans ist ein Kleinod. Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert, bucklige Gassen mit Kopfsteinpflaster, beschnittene Platanen, die ihre skurrilen Schatten an Mauern werfen. „Die Touristen kommen erst Ende Mai“, erklärt Alain Baudouin, der hier in der Rue Dorée (der goldenen Straße) seine Galerie ABmotorART hat. Im Fenster hat Tom ein Bild von seinem letzten Le-Mans-Sieg 2013 entdeckt. Es heißt „One lap to go“, die letzte Runde von Tom Kristensen in seinem Siegerauto Audi R18 e-tron quattro. Die Begegnung zwischen dem Künstler, der seit vielen Jahren den Motorsport in Le Mans auf die Leinwand bringt, und dem Piloten, der sich auf einigen Bildern wiederfindet, ist berührend. Tom kauft das Bild seines letzten Le-Mans-Sieges. Alain gesteht, der Abschied von dem Bild, an dem er fünf Wochen gemalt habe, falle ihm schwer. Tom erzählt von seinem neuen Haus, das er in seiner Heimatstadt gerade baut. In dem Komplex entsteht auch ein Workshop für den Siegwagen Audi R18 e-tron quattro, den er von Audi als Dank für seine sensationelle Karriere erhalten hat. Dort soll dann auch „One lap to go“ aufgehängt werden. Tom lädt Alain ein. „Du kannst jederzeit kommen und es dir ansehen.“

 

Weiter geht’s ins Café du Square am Place des Jacobins,  vis-à-vis der imposanten Kathedrale, die der geneigte Fan nicht zuletzt aus der Eingangssequenz von Steve McQueens Klassiker „Le Mans“ kennt. Wir sind mit Bruno Vanderstick, „The voice of Le Mans“, verabredet. Der französische Kommentator ist dem 24-Stunden-Rennen sogar noch ein bisschen länger beruflich verbunden als Tom Kristensen. Er ist das „Echo“ der Rennfahrer. Er teilt ihre Nervosität vor dem Rennen, die Anstrengung währenddessen, und er „weckt“ die Fahrer mit seinen typischen, im Vanderstickschen Singsang vorgetragenen Anfeuerungen und Pointen in den frühen Morgenstunden, wenn das letzte Viertel beginnt. Brunos „Oh, là, là“ signalisiert den Zuschauern und den Fahrern, die das Rennen aus der Box verfolgen, dass etwas passiert ist. Brunos Stimme gehört zu Le Mans wie der Sound der Motoren. „Wir kennen uns seit 1997, und irgendwie sind wir Freunde geworden“, erklärt Tom. „Aber eigentlich weiß ich kaum was über dich. Was war dein erstes Rennen, Bruno?“ „Seit 1988 bin ich Streckenreporter. Schon als Kind wollte ich Le-Mans-Kommentator werden. Mein großes Vorbild war Jean-Charles Laurens. Seine Stimme habe ich noch genau im Ohr. Ich wusste immer: Eines Tages werde ich der Sprecher von Le Mans. So ist es dann auch gekommen. 1993 hatte ich die Chance dazu und habe einen neuen Stil eingeführt. Dynamischer, lebendiger, näher dran.“

 

Bruno erinnert sich auch noch genau an Toms erstes Rennen: „Es war Nacht, und du warst schnell. Ich meine, du warst die ganze Zeit schnell, aber in der Nacht: oh, là, là! Das war fantastisch.“ Gegenüber, in einem kleinen Restaurant am Place des Jacobins, erinnern sich die  beiden, habe Toms Teamkollege und Pilot Emanuele Pirro immer Seafood gegessen. „Er behauptete, nur wenn er vor dem Rennen Seafood hatte, könne er gewinnen.“ Toms Gesicht nach zu urteilen teilt er diese draufgängerische Angewohnheit nicht. Auf die Frage, ob er auch eine Theorie habe, womit seine Siege zusammenhängen könnten, antwortet er: „Jedes Mal, wenn ich zur Vorbereitung die Rennstrecke mindestens einmal komplett entlang gelaufen bin, habe ich auch gewonnen. Ungefähr eine Stunde habe ich dafür gebraucht. Das waren die einzigen Runden zu Fuß, die ich in Le Mans je gedreht habe.“ Mit seinem Rennwagen brauchte er für die gleiche Strecke in der Regel nur etwas mehr als 3:20 Minuten bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 240 km/h.

Aus seiner Laufangewohnheit hat Tom Kristensen eine Teamtradition gemacht.

Gemeinsam joggen alle Audi Fahrer die Strecke entlang. „Das ist gut fürs Karma des Fahrerteams und für jeden Einzelnen auch.“ Tom Kristensen, der – für alle überraschend – Ende letzten Jahres als Fahrer zurücktrat, ist weiterhin Teil des Teams, und zwar als Fitness-Berater. Aus der Fahrerperspektive und mit der ganzen Erfahrung seiner Ausnahmekarriere berät er seine Kollegen, wie sie an Stärke und Ausdauer für die Superbelastung Le Mans gewinnen können. „Das 24-Stunden-Rennen dauert länger als 24 Stunden. Es braucht ein ganzes Jahr, um sich darauf vorzubereiten. Konkret bist du eine ganze Woche im Le-Mans-Modus. Und mit der Vorbereitung dauert das eigentliche Rennen 36 Stunden, bis es vorbei ist. Von guten Rennen erholst du dich schneller. Trotzdem: Fünf Tage brauchst du Minimum, bis du wirklich wiederhergestellt bist. Aber dann stellst du fest, dass dich jedes Rennen stärker macht, schneller, dass du von jeder Erfahrung profitierst.“ Sein ultimativer Fitnesstipp ist trotzdem ein ganz anderer: „Genieß das Leben. Wenn du Spaß am Leben hast, bist du automatisch besser.“

 

Wir holen den Wagen, um den Rest des Ausflugs in Toms Lieblingsbegleitung zu verbringen: dem neuen Audi R8 V10 plus in Glutorange. Der Name und Mythos Audi R8 entstanden beim legendärsten Langstreckenrennen der Welt. „Mit dem Audi R8 verbinde ich alles. Meine ersten fünf Audi Siege habe ich mit ihm eingefahren.“ Sagt’s und lässt den Motor an. Le Mans bebt. Le Mans freut sich. Denn wohl keine Stadt der Welt ist so begeistert vom Sound eines Sportwagens wie diese hier. Tom Kristensen beschleunigt den Wagen kurz und druckvoll im „Canyon“, der die Altstadt durchschneidet und das Ufer der Sarthe mit dem Place des Jacobins verbindet. Von den meterhohen Wänden schallt es zurück: „Alle mal herhören, Mister Le Mans macht sich auf den Weg zur Rennstrecke.“ Die Rennstrecke besteht zum größten Teil (9,2 Kilometer) aus öffentlichen Landstraßen. Die berüchtigte Ligne Droite des Hunaudières, auf der während des Rennbetriebs die Höchstgeschwindigkeiten von rund 340 km/h erreicht werden, blinzelt in der tief stehenden Sonne. Die Mulsanne, die Virage Porsche, konzentriert und druckvoll passiert Tom Kristensen im Audi R8 die Streckenabschnitte mit den berühmten Namen, die jedem Motorsportfan das Herz höherschlagen lassen.

In einer anderen Sportart würde Tom Kristensen den Circuit Bugatti vielleicht sein „Wohnzimmer“ nennen. An der Dunlop-Schikane fühlt er sich auf jeden Fall zu Hause. Der Audi R8 ist für das Département Sarthe eine Art Ehrenbürger. Seine Gene entstammen dem Le-Mans-Prototyp Audi R8 aus dem Jahr 2000, der bei den 24 Stunden von Le Mans fünf Siege, und bis 2005 insgesamt 62 Siege in 79 Renneinsätzen erringen konnte. Er gilt damit als einer der erfolgreichsten Sportprototypen aller Zeiten.

Bruno Vanderstick hat mit seinen Verbindungen die Tore zur 4,4 Kilometer langen permanenten Rennstrecke für einen abendlichen Besuch kurz geöffnet. „Tom kommt.“ Es gibt wohl kein wirkungsvolleres „Sesam, öffne dich!“ als diese kleine Ankündigung. Zumindest wenn es um Motorsport geht. An der Start-Ziel-Linie des Rundkurses Circuit Bugatti erzählt Tom Kristensen, wie sich das Rennen über die Jahre verändert hat. „Früher hatten wir riesige Motoren. Die von heute sind kleiner, komplexer und effizienter. Weil der Motor nicht mehr so viel Platz einnimmt, ist der Wagen schlanker und damit die Aerodynamik besser geworden. Der Schwerpunkt ist besser, der Wagen liegt geschmeidiger in den Kurven und der Abrieb der Reifen ist reduziert, dadurch brauchen wir weniger Reifenwechsel. Einen Extra-Boost bringt der intelligente Hybrid, das Beschleunigungsverhalten in den Kurven ermöglicht sehr, sehr schnelle Rundenzeiten mit viel weniger Kraftstoffverbrauch.“ Und Bruno ergänzt: „Durch den technischen Fortschritt und die Siege des Hybrids hat Audi die Relevanz der 24 Stunden von Le Mans signifikant erhöht. Jedes Jahr kommen mehr Zuschauer. Sie sehen und genießen den Rennsport. Aber zugleich wissen sie, dass dadurch auch eine Transposition stattfindet. Der technologische Vorsprung von Audi findet seinen Weg in die Serienfahrzeuge. Das gibt Le Mans einen größeren Sinn. Das ist die Zukunft. Le Mans ist mehr als ein Rennen.“

Tom Kristensen wird natürlich auch dieses Jahr in Le Mans dabei sein. Er wird als „Grand Marshall“ das Feld ins Rennen schicken. Am 13. Juni wird er vor einer Viertelmillion enthusiastischer Zuschauer die erste Runde fahren. Es wird eine schnelle Runde sein. Da darf man sich sicher sein.
Mehr Infos:

Tom Kristensen konnte 1997 gleich bei seinem ersten Renneinsatz in Le Mans, das härteste Langestreckenrennen der Welt gewinnen – nach nur einer Woche Vorbereitungszeit. Es folgten acht weitere Triumphe. „Mister Le Mans“ ist zwar 2014 vom Rennsport zurückgetreten, bleibt aber Audi Botschafter und Berater. In seinem Heimatland Dänemark wurde er zum Ritter geschlagen und 2010 zum Sportler des Jahrzehnts ernannt.  

 

 
Sabine Cole (Text), Jan van Endert (Fotos)

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