Anne Kiwia


Man weiß nie, wann man ankommt.

Es gibt Menschen, deren Leben verläuft vollkommen geradlinig. Und es gibt Fashion-Designerin Anne Kiwia.

 

Interview: Wiebke Brauer, Foto: OGS Studios (Clemence Eliah + Osse G. Sinare)

 

DAS AUDI MAGAZIN: Sie haben in München bei der „Vogue“ und mytheresa.com gearbeitet und stöbern jetzt auf Flohmärkten in Daressalam in Tansania herum. Ein krasser Unterschied ...

ANNE KIWIA: Ich stelle mir vor, ich wäre Aschenputtel – nur mit einer umgekehrten Geschichte: Ich war früher Prinzessin und heute – mein Leben ist so eine Art umgekehrtes Märchen. Im Ernst, ich hatte früher ein tolles Team, würde aber nicht wieder im Büro sitzen wollen. Ich bevorzuge es, über die Märkte zu gehen, Sachen zu suchen, Tee zu trinken und mit Leuten zu reden.

Beim Upcycling werden Abfälle oder scheinbar nutzlose Stoffe in neuwertige Waren oder Produkte mit neuer Funktion verwandelt. Besonders häufig wird Upcycling in ärmeren Gesellschaften oder Entwicklungsländern genutzt, wo eigene Techniken und Verarbeitungsweisen entwickelt werden, um die Abfälle der Industriestaaten wieder nutzbar zu machen.

Sie kamen mit Ihrem Mann und ein paar Koffern in Tansania an und fingen von vorn an. Würden Sie sich als mutig beschreiben?

Ich bin definitiv sehr neugierig, aber nicht besonders risikofreudig. Ich habe Familie in Daressalam, es gab also einen Rückhalt. Sonderlich mutig finde ich das nicht, um ehrlich zu sein.

Sie und Ihr Mann sind zuvor als Backpacker durch Thailand und Laos getourt. Glauben Sie, dass Reisen das Denken verändert?

Wenn ich mit Menschen spreche, die nur an einem Ort lebten, merke ich, dass die Kenntnisse über andere Länder relativ beschränkt und vor allem von den Medien geprägt sind. Meist negativ. So haben viele auch ein völlig falsches Bild von Tansania – wir bekommen nicht alle Ma laria, und es gibt auch Coffeeshops.

Offensichtlich gibt es auch die Möglichkeit, als Modedesignerin zu arbeiten. Sie vertreiben hochwertige Haarbänder. Wie kam es dazu?

Ich kam an, schaute mich um und stellte fest, dass das Angebot an Kleidung sehr beschränkt ist, meist aus Indien oder China, in schlechter Qualität – und teuer. Irgendwann erzählte mir mein Mann von dem Secondhandmarkt gleich neben seinem Büro. Ich ging hin und war total erstaunt. Die Sachen waren nicht abgetragen, sondern nur aussortiert. Ich kleidete mich komplett neu ein, bekam wahnsinnig viele Komplimente und dachte sofort, dass man daraus mehr machen sollte. Ich fing an herumzuexperimentieren. Und irgendwann fiel mir ein Haarband in die Hand. Ich wusste zuerst nicht, ob es ein Gürtel ist oder ein Schal – aber die Form gefiel mir. So fing es an.

Ihre Haarbänder sind aus recyceltem Material?

Ja, ich nehme Seide und hochwertige Baumwolle, Stoffe, die aus aller Welt kommen und ein neues Zuhause suchen. Die Sachen, die ich finde, sind nicht abgetragen. Es ist Ausschussware von Kaufhäusern oder verschenkte Kleidung, die nicht gefiel. Ich will es eigentlich auch nicht Secondhandware nennen. Für mich sind sie verwaist, Dinge, die man nicht geliebt hat.

Anne Kiwia ist eine echte Weltbürgerin. Als Tochter einer Rumänin und eines Tansaniers wurde sie in Rumänien geboren und lebt mittlerweile in Daressalam/ Tansania. Ihre Lehr- und Wanderjahre verbrachte sie u. a. in München und Sydney.

Ist es nicht verrückt, welchen Weg die Kleider zurücklegen?

Das macht es ja so spannend. Man trifft auf den Märkten verschiedene Kontinente. Ich entdecke Label aus Südkorea. Manchen Sachen aus Europa sehe ich an, dass jemand dachte: Das habe ich so billig eingekauft, das kann ich auch wieder wegschmeißen. Oder Kleidung, die aus Indien kommt, mit kleinen Spiegeln und Glöckchen. Das macht Spaß. Und wenn die Kleidung nicht nach Tansania käme – wohin sollte sie dann?

Ist es wahr, dass Ostafrika die Einfuhr von Secondhandkleidung verbieten will?

Ja, um die eigene Produktion anzukurbeln. Aber die Hälfte der Menschen in Tansania lebt von der Gebrauchtware, direkt oder indirekt. Und die Menschen, die auf den Märkten die Sachen verkaufen, arbeiten hart, haben nichts gelernt und können sich nicht vorstellen, von 9 bis 17 Uhr in einer Fabrik zu arbeiten.

Wo steht denn Tansania im Vergleich zu anderen Staaten in Ostafrika?

Die umliegenden Länder sind Tansania gegenüber im Vorteil, weil dort durch die Kolonisation Englisch oder Französisch gesprochen wird. So haben die Menschen die Möglichkeit, etwas im Fernsehen oder auf einer Website zu verstehen. Doch wenn man nur Kisuaheli spricht, nützen Internetforen nicht viel. Aber ich merke, dass die Leute aufwachen.

Das heißt, die Digitalisierung kommt auch in Daressalam an?

Man glaubt es nicht, aber selbst jemand, der auf der Straße bettelt und dem man ein paar Münzen gibt, holt in der nächsten Sekunde ein Smartphone aus seiner Tasche. Ob er es gefunden hat und wie er es nutzt, ist eine andere Frage. Aber die Menschen sind interessiert und wollen mehr wissen. Das treibt sie an. Bei meinen Angestellten kann ich beobachten, dass unglaublich viele Bilder und Videos gemacht werden. 100 Fotos aus derselben Position und minutenlange Filme mit einer Einstellung.

Das ist ein Anfang ...

Ja, und was sie dann damit machen, wird sich zeigen. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr ausprobieren und herausfi nden, wie ihnen das Internet nützt. Aber man verdient nichts damit, wenn man auf Facebook Beiträge mit Likes versieht, und aus einem geposteten Bild kann man kein Abendbrot machen. Trotzdem kann man googeln, warum das Kind schreit. Das macht hier noch kaum einer.

Wie bewegt man sich in Daressalam fort?

Jeder fährt mit dem Auto. Es gibt keine richtigen Gehwege, und es ist auch ungefähr acht Monate im Jahr brühheiß. In München fuhr ich ständig mit dem Rad. Das ist hier nicht möglich, viel zu gefährlich und eben viel zu warm. Hier überqueren auch plötzlich Kühe oder Hühner die Straße, mitten in einer Millionenstadt. Das ist hier normal.

Und wie funktioniert der Verkehr?

Die Infrastruktur kann man nur als schwierig bezeichnen. Man fährt auf einer Straße und kann minutenlang nicht abbiegen, weil in den Seitenstraßen unkontrolliert Häuser gebaut wurden. Der Verkehr ins Zentrum konzentriert sich auf drei oder vier Straßen. So muss ich oft ewig zu einem eigentlich nahen Ziel fahren, weil kein Zugang existiert. Außerdem lassen sich die Straßen nicht ausbauen, weil die Häuser zu nah beieinander stehen.

Kann man dann überhaupt kalkulieren, wie lange man für eine Strecke braucht?

Nein, man weiß nie, wann man ankommt. Pünktlichkeit ist in Daressalam eine unerfüllbare Erwartung. Wenn ich von zu Hause zu meinem Laden fahre, der ungefähr sechs Kilometer entfernt liegt, kann ich zwei Stunden brauchen – oder zwanzig Minuten. Und in der Regenzeit kommt es vor, dass ich sage: „Brauchst heute gar nicht loszufahren, bleib zu Hause.“

Hat Sie das verändert?

Ja, definitiv. Ich bin darin geschult, in kleinste Parklücken zu manövrieren. Wenn ich wiederum in Europa bin, merke ich, dass ich die Geschwindigkeit verlernt habe, mit der man dort unterwegs ist. Das liegt natürlich daran, dass ich hier in Daressalam nicht hetzen muss. Es ginge auch kaum. Also nehme ich mir die Zeit.

Nicht wenige halten Zeit heute für den Luxus schlechthin.


Da ist was dran, fi nde ich. Sehen Sie denn eine Chance auf Verbesserung und eine Entwicklung in Daressalam? Schwer zu sagen. Der jetzige Präsident will mit der Korrup tion aufräumen und neue Strukturen schaffen. Aber wenn ein anderer an die Macht kommt, können sich die Umstände schnell ändern. Tansania ist unberechenbar.

Aber Sie werden bleiben?

Ich liebe Afrika. Ich bin hier nicht dem europäischen Perfektionismus- Gedanken und dem Erwartungsdruck unterworfen. Ich musste kein großer Investor sein, um etwas aufzubauen, sondern konnte mit einer sehr einfachen Idee Jobs schaffen und junge Leute inspirieren. Ich kann mich hier verwirklichen und zugleich etwas bewegen, als Botschafterin für eine multikulturelle und globale Zukunft. Das ist mir wichtig.

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