Carsten Nicolai


Neugier ist mein Motor.

Das Multi-Genre-Genie Carsten Nicolai ist gleichermaßen erfolgreich als Elektromusiker wie als international agierender Installationskünstler. Mobilität ist ein essenzieller Teil seiner Mentalität.

 

Interview: Jan Strahl

 

DAS AUDI MAGAZIN: Die Frage ist, ob wir Mobilität auch unabhängig von Technik als Lebenseinstellung oder Denkweise betrachten können, die eng mit Kreativität und Innovationsfreude zusammenhängt. Sie scheinen uns ein Paradebeispiel für diese Erscheinungsform von Mobilität zu sein.

CARSTEN NICOLAI: Es ist vor allem Neugier, die mich treibt und mobil hält. Mein Motor. Ich finde es ungemein wichtig, neugierig und offen zu bleiben. Mich faszinieren grundsätzliche Theorien wie die Quantenphysik, die einen ganz anderen Blick auf die Physik insgesamt ermöglicht und so auch Türen auf philosophischer Ebene öffnet, mit denen ich mich als Künstler befassen kann. Eine weitere Inspirationsquelle sind die großen Utopien. Mich inspiriert heute noch das Buch „Operating Manual for Spaceship Earth“ („Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“) von Buckminster Fuller, das er Ende der 1960er-Jahre schrieb. Er beschreibt darin ganz eindringlich, dass uns Menschen dieses Raumschiff in die Hände gelegt wurde und wir uns erst selbst eine Bedienungsanleitung erarbeiten müssen, damit es auch funktioniert. Fuller hat damals schon Themen angesprochen, die heute umso aktueller sind: Ökologie, Nachhaltigkeit, Verantwortung. Für meine Arbeit inspiriert mich dabei der Gedanke, dass alles miteinander verwoben ist und interagiert, man kann nicht nur singuläre Aspekte betrachten.

 

 

unidisplay, 2012 (mit Betrachtern im Vordergrund) Echtzeit-Projektion, Großbildschirm, Spiegel, Bank mit Lautsprechern, Abmessungen variabel

Ein Gedanke, mit dem Sie sich bereits beschäftigt haben, als Sie Anfang der 90er-Jahre Landschaftsarchitektur in Dresden studierten.

Richtig, wir wurden im Grunde dazu ausgebildet, große Landstriche zu reparieren, in denen der Braunkohletagebau gewütet hatte. Das hatte wenig mit Gartenbau zu tun, sondern bedeutete die Neugestaltung ganzer Biotope. Dort lernte ich also den makroskopischen Blick für das große Ganze zu schätzen, die Zusammenhänge und das Zusammenwirken zu erkennen, was mir heute als Künstler sehr hilft.

Nicht nur von Künstlern, Designern oder Schauspielern wird heute Kreativität verlangt. Es scheint, als müssten auch Büroangestellte oder Ingenieure ungleich innovativer sein, um sich den Herausforderungen von Digitalisierung und Globalisierung zu stellen. Leiden wir an einem Kreativitätsdefizit?

Ich denke, jedem Menschen ist Kreativität in die Wiege gelegt, sie sollte nur von klein auf gefördert werden. Ich selbst unterrichte an der Kunstakademie in Dresden und sehe dabei als Hauptaufgabe, die Kreativität zu fördern, aber vor allem auch Kreativität als Wert zu betrachten. In unserer Gesellschaft, wo alles erst einmal monetär bestimmt wird, gilt Kreativität an sich noch nicht als Wert. Und diese Betrachtungsweise wird auf Dauer dazu führen, dass die Innovationskraft in unserem Land abnehmen wird. Wer diese Entwicklung zu lange ignoriert, wird auf Dauer auch seine ökonomische Vormachtstellung verlieren.

Nicolais Arbeiten werden auf internationalen Ausstellungen wie der documenta, der Biennale Venedig oder der Art Basel Hong Kong ausgestellt.

Also sollten wir alle kreativ denken, durch alle Hierarchie-Ebenen und Aufgabenstellungen in Unternehmen und in der Gesellschaft?

Die Kreativität muss natürlich auch kanalisiert und nachgefragt werden. Lassen Sie mich Berlin als Beispiel nehmen. Hier haben wir eine lebenswerte Stadt für junge, kreative Menschen, die zu einem Magneten für innovative Gestalter wurde. Das beschränke ich nicht nur auf die bildende Kunst oder Musik, sondern auch auf Technik, die Internetkultur, Lifestyle und Start-ups aus verschiedensten Bereichen. Das hat zu der kuriosen Situation geführt, dass wir ein Überangebot von kreativen Köpfen haben, das nur noch schwer von der Gesellschaft aufgefangen wird. Es gibt also ein großes Potenzial, aber es fehlt in den bestehenden Strukturen noch die Möglichkeit, dieses Potenzial nutzbar zu machen.

Im Silicon Valley gibt es auch so ein gigantisches Kreativpotenzial, und dort lässt es sich offenbar sinnvoll kanalisieren. Immerhin hat diese Konstellation zu den aktuell erfolgreichsten Unternehmen der Welt geführt.


Ich bin da sehr skeptisch. Silicon Valley – das ist so ein magischer Begriff, aber letztlich doch ein sehr ökonomisch ausgerichteter Ansatz, der auf direkten Mehrwert hinarbeitet. Alle Innovationen zielen ganz klar auf Kommerzialisierung, nicht auf nachhaltigen Erfolg. Da sehe ich ein großes Problem. Denn alle Innovationen, die nicht sofort ökonomisch verwertbar sind, fallen dabei durch ein Raster, und das könnte sich rächen. Deutschland scheint mir in dieser Hinsicht deutlich besser aufgestellt zu sein. Bedingt durch die Industriegeschichte und vielleicht auch durch die politischen Struk turen war Deutschland nie extrem zentralistisch orientiert. Die Standorte der großen Industrieunternehmen verteilen sich dezentral über das ganze Land, teilweise in kleine Dörfer und ländliche Regionen – und das sehe ich als großen Vorteil. Wenn ich mir zum Beispiel die Patentdichte in Deutschland anschaue, dann spricht das für eine enorme innovative Potenz. Diese Strukturen scheinen mir sinnvoller und nachhaltiger zu sein als ein Komplex wie das Silicon Valley und die dort ansässigen Mega- Konzerne.

Im Silicon Valley gehört Scheitern zum guten Ton. Man muss mindestens ein Start-up in den Sand gesetzt haben, um ernst genommen zu werden. Zumindest hier verfolgen Sie auch als Künstler einen ähnlichen Ansatz.

Ich selbst nutze das Moment der Krise für mein künstlerisches Schaffen und würde auch jedem Unternehmen empfehlen, das Scheitern, den Fehler nicht nur einzuplanen, sondern bewusst herbeizuführen. Im kreativen Bereich nennen wir das „Löscher“. Gerade nach großen Projekten fällt man auch als Künstler in eine Art Loch, plötzlich scheitert man. Anfangs versucht man noch, dieses Scheitern abzuwenden, aber gerade diese Krise ermöglicht dann auch wieder die Neubestimmung, einen Reset, nach dem Grundsatzfragen neu diskutiert werden können. Große Firmen haben oft Strukturen eingezogen, die dieses Scheitern verhindern sollen, ein Löscher ist dort nicht vorgesehen, und deshalb ist auch ein sinnvoller Neustart im laufenden Betrieb nicht möglich. Man sollte keine Angst vor Krisen haben.

unitape, 2015 Echtzeit-Projektion, Spiegelwände, Bank mit Lautsprechern, Abmessungen variabel

Gibt es in der Musik oder Kunst für Sie eigentlich so etwas wie ein falsches Ergebnis, einen Fehler?

Mich persönlich interessiert es nicht, Lösungen oder Resultate zu fi nden, sondern Prinzipien zu entwickeln, die unendliche Variationen möglicher Resultate hervorbringen. Bei meinen Projekten zum Thema Soundvisualisierung nutze ich soft- oder hardwarebasierte Prinzipien, die permanent aus den entstehenden Informationen, Frequenzen, Phasenverschiebungen, Dynamiken neue und unerwartete Bilder erzeugen. Dabei wird also der Sound selbst zum kreativen Faktor und lässt selbst ein Bild entstehen. Diesen „gefrorenen Moment“ kann ich dann auch als Werk präsentieren, aber wichtiger ist mir der Prozess, der ihn erbracht hat.

Software, die aus Tönen selbst Kunstwerke erschafft? Da gelangen wir zu einem Thema, das für die Mobilität der Zukunft eine große Rolle spielt – künstliche Intelligenz. Was fasziniert Sie an ihr?

Das größte Talent, das wir Menschen besitzen, ist die Gabe, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Der Computer darf das nicht. Fehler werden ausgeschlossen. Was wir vom Computer wollen, ist Perfektion. Aber erst wenn der Computer auch die Möglichkeit bekommt, Fehler zu machen, zu lügen oder andere Mechanismen zu nutzen, die wir als Menschen einsetzen, erst in diesem Moment können wir von einer künstlichen Intelligenz ausgehen. Aber dann passiert auch etwas, wovor viele große Angst haben: Wir schaffen ein Computersystem, das uns selbst übertreffen kann. Und die Frage ist, was wir nun eigentlich wollen: den perfekten Computer oder die künstliche Intelligenz? Wir alle kennen Science-Fiction-Filme wie „2001“ oder „Terminator“, wo eine Situation zitiert wird, in der die Maschinen dem Menschen überlegen sind und schließlich versuchen, ihn zu versklaven.

Mit diesem Szenario im Kopf – würden Sie sich eigentlich gern von einem autonom fahrenden Auto chauffieren lassen?

Doch, doch, das sind ja Systeme, die wir voraussichtlich schon in naher Zukunft nutzen werden und denen wir in ähnlicher Form bereits lange im Flugzeug vertrauen. Wenn das in einigen Jahren funktioniert, würde ich das sogar sehr begrüßen. Ich nutze jetzt schon gern Verkehrsmittel, in denen ich nicht das Steuer übernehmen muss, weil ich mich dann inspirierenden Tätigkeiten widmen kann. Wenn das Auto sich selbst steuert, gibt mir das mehr Freiheit. Aber ein selbstfahrendes Auto sehe ich auch nicht als künstliche Intelligenz. Das bewegt sich in Grenzen, die vom Menschen programmiert und vorgegeben sind.

Schon als Schüler befasste sich Carsten Nicolai (geboren 1965 in Chemnitz) mit (bildender) Kunst und (elektronischer) Musik. Er bezeichnet sich selbst als „Autodidakt, der in der Mangelwirtschaft der DDR um zwei Ecken denken musste, um an das notwendige Material zu kommen“.

Hören Sie gern Musik im Auto?

Ja, natürlich. Das Auto ist sogar einer der besten Orte überhaupt, um Musik zu hören. In einem Auto herrscht eine tolle Akustik, der Innenraum schafft eine ideale Abhörsituation, ähnlich wie ein Tonstudio. Wenn ich ein neues Musikstück komponiere, dann teste ich den fi nalen Mix zuerst im Auto. Wenn der Track dort funktioniert, dann ist er cool.

Welche Ihrer Musikstücke würden Sie für eine längere Autofahrt empfehlen?

Ich halte alle Alben, die ich gemeinsam mit Ryuichi Sakamoto aufgenommen habe, für extrem schöne Autofahrmusik, insbesondere die Filmmusik zu „The Revenant“ oder auch meine Xerrox- Serien. Wenn ich etwas mehr Dynamik und Motivation suche, höre ich mir gern mein Album „Univrs“ an. Wäre es für einen international agierenden Künstler am einfachsten, sich direkt von A nach B „beamen“ zu können? Im Bruchteil einer Sekunde von Berlin nach Hongkong? Das „Beamen“ wie im Raumschiff Enterprise ist ein Kindheitstraum, und manchmal wünsche ich mir natürlich, dass diese Technologie nutzbar wäre. Allerdings fi nde ich es beim Reisen auch gut zu spüren, wie groß diese Welt ist, wie heterogen sie ist, und ich suche bewusst nach den Eigenheiten, den Identitäten der Orte, die ich bereise. Zum Glück habe ich – die Digitalisierung macht es möglich – immer kleine, portable Tools dabei, mit denen ich arbeiten kann. Man könnte sagen, ich habe eigentlich mein ganzes Studio dabei. So lässt sich die elfstündige Reisezeit nach Japan sinnvoll nutzen, und unterwegs kommen oft die besten Inspirationen.

Wir haben Ihnen nun eine Menge Fragen zu den verschiedenen Ebenen von Mobilität gestellt. Welche Frage halten Sie für die drängendste zu dem Thema?

Ich frage mich, ob nicht doch noch eine gesellschaftlich akzeptable Lösung für den Individualverkehr in der Stadt gefunden werden kann. Im Moment sieht das nicht so aus, aber dann geht eben doch ein Stück indi vidueller Freiheit verloren. Deshalb frage ich mich, ob noch Innovationen kommen, die Nachhaltigkeit und Individualität ermöglichen. Vielleicht ist ja doch der Elektroantrieb eine Lösung, oder es passiert noch etwas ganz anderes.

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