Urban Race

Die Formel E gilt als Motorsportserie der Zukunft. In Hongkong ging sie in ihre dritte Saison. Erstmals auf vier der Autos: die Vier Ringe.

 

Hermann J. Müller (Text) & Shivraj Gohil (Fotos)

In Hongkong leben rund sieben Millionen Menschen auf einer Fläche, kaum größer als Berlin. Die Formel E machte hier zum Auftakt der dritten Saison erstmals halt. Erstmals trug auch der Formel-E-Renner des Teams ABT Schaeffler Audi Sport die Vier Ringe auf Nase, Flanke und Heckflügel.
Die Strecke führt mitten durch das Herz der Asien-Metropole. Daniel Abt geht zusammen mit Lucas di Grassi für das Team ABT Schaeffler Audi Sport auf Punktejagd.
Seit dem Start der Serie vor zwei Jahren ist das Team ABT Schaeffler Audi Sport dabei. Imposant: In 22 Rennen stand man 18-mal auf dem Podium. Nicht nur in Hongkong stellt die Beschaffenheit der Stadtkurse für Mensch und Material eine Herausforderung dar.
Hongkong ist eine der traditionsreichsten und schillerndsten Metropolen Asiens. Im Victoria Harbour liegen Hightech-Tragflügelboote neben hölzernen Dhaus.
Hecklastig sind die Renner der Formel E: Der rund 300 Kilogramm schwere Energiespeicher liegt direkt hinter dem Fahrer. Er reicht für die Hälfte eines Rennens.
Hongkong – das ist mehr als eine Stadt.   

Das Konglomerat aus einem Stück Festland und 253 Inseln am Rand des Südchinesischen Meers ist ein Kaleidoskop der Kontraste: Zwischen funkelnden Wolkenkratzern dampfen Garküchen, im Victoria Harbour verkehren futuristische Tragflügelboote neben hölzernen Dhaus. Hier leben nicht wenige der sieben Millionen Menschen auf einer statistischen „Wohnfläche“ von zwei Quadratmetern. Denn Hongkong ist nicht viel größer als Berlin. Für eine Rennstrecke reicht der Platz aber immer noch: Start und Ziel auf der Lung Wo Road, dann eine Haarnadel, nach 500 Metern rechts ab in Richtung Fährterminal, danach vorbei am Riesenrad und zurück über den Verteilerkreis an der Yiu Sing Street – im Hintergrund grüßen die Hochhäuser von Kowloon.

Imposanter hätte die Kulisse für den Auftakt zur dritten Saison der Formel E kaum sein können. Auch Allan McNish, bei Audi jetzt als Koordinator für die Motorsportaktivitäten im Konzern und für die Zusammenarbeit mit dem Team ABT Schaeffler Audi Sport zuständig, war begeistert: „Ein fantastisches Konzept. Das Rennen kommt zu den Fans – mitten in die Stadt.“ Entsprechend das Publikumsecho: Ausverkaufte Tribünen, 3.000 Gäste im VIP-Zelt und ständiges Gedränge in der benachbarten Elektromobilitätswelt, wo sich vor allem junge Besucher über den Stand der Technik informierten. E-Mobilität ist ein Megatrend.

Zu den Protagonisten zählt das Abt-Team, das seit der Premiere der Formel E vor zwei Jahren dabei ist und dessen Fahrer in den bisherigen 22 Rennen 18-mal auf dem Podium standen. Teamchef Hans-Jürgen Abt hatte früh das Potenzial der Serie erkannt und entschieden: „Da wollten wir von Anfang an dabei sein, unsere Kompetenzen zeigen.“ Unterstützt wurde und wird er dabei nicht nur vom Technologiepartner Schaeffler, sondern auch aus Ingolstadt. Allan McNish: „Für Audi war das keine Frage. Wir sind sicher, dass die E-Technik kommt – und wie immer nutzen wir auch den Motorsport, um ganz vorn mit dabei zu sein.“ Hilfreich dabei war auch die allmähliche Öffnung des Reglements für eigenständige Entwicklungen. Fuhren im ersten Jahr noch alle Teams mit einheitlicher Technik, war schon in der letzten Saison „nahezu alles, was hinter der Batterie kommt“, so Abt, entwicklungstechnisch freigestellt. Jedes der insgesamt zehn Teams kann Fahrwerk, Stoßdämpfer, Motor, Getriebe und Leistungselektronik individuell konzipieren, solange die Komponenten in den dafür vorgesehenen Bauraum im Chassis passen. Und darin sieht Audi auch den echten Mehrwert für Mobilität im Allgemeinen. In einer Zeit, in der auch Serienautos mehr und mehr elektrisch werden, müsse der Motorsport als traditionelle technologische Speerspitze vorweggehen, um Erfahrungen zu sammeln. Die rein elektrische Rennserie passt perfekt zur Strategie, ab 2018 rein batterie-elektrische Modelle anzubieten. Deshalb intensiviert Audi in der laufenden Saison zunächst die Zusammenarbeit mit dem Team ABT Schaeffler Audi Sport in der technischen Entwicklung, um in der darauffolgenden Saison das Engagement zu einem vollen Werkseinsatz auszubauen.

Mit der Formel E startet Audi in eine rein elektrische Zukunft.

Dreh- und Angelpunkt der bis zu 200 kW starken Renngeräte aber bleibt vorerst der in allen Fahrzeugen identische Energiespeicher. Für je eine Hälfte des Rennens stehen 28 Kilowattstunden zur Verfügung, mit denen die Fahrer möglichst schnelle Rundenzeiten fahren, gleichzeitig aber auch haushalten müssen. „Man geht an mehreren Stellen schon vor dem eigentlichen Bremspunkt vom Gas, lässt das Auto zunächst noch rollen. Dann kann man über ein Paddle am Lenkrad die Rekuperation aktivieren oder gleich auf die Bremse steigen, die auch noch zur Rekuperation beiträgt“, erläutert Daniel Abt, neben Audi Werkspilot Lucas di Grassi zweiter Fahrer im Team. Parallel dazu müssen die Piloten auch noch rechnen. Schon vor dem Rennen teilen sie die Energiemenge durch die Rundenzahl. Daniel Abt: „Wir versuchen dann, genau diesen Verbrauchswert zu erreichen. Jedes Mal, wenn ich über Start-Ziel fahre, sehe ich auf dem Display am Lenkrad, ob ich zu viel oder zu wenig Energie genutzt habe. Irgendwann kriegt man dann auch ein Gefühl dafür, wie es am besten passt.“

Viel Gefühl brauchen die Piloten auch am Lenkrad. Die Beschleunigung geht trotz der vergleichsweise moderaten Leistung brachial vonstatten: In 3,5 Sekunden schnellt ein inklusive Fahrer 880 Kilogramm leichter Formel-E-Renner aus dem Stand auf 100 km/h. Spätestens beim Bremsen wird es knifflig. Die rund 300 Kilogramm schwere Batterie ist hinter dem Cockpit installiert, was das Auto hecklastig werden lässt. Erschwerend hinzu kommen die relativ schmalen und profilierten Einheitsreifen, die lange nicht so viel Grip aufbauen wie ein Rennslick. Nicht selten sorgt das für schwänzelnde Hecks und spektakuläre Dreher. Dass die Formel E stets auf Stadtkursen startet, die grundsätzlich von Betonmauern begrenzt sind und nur selten über Auslaufzonen verfügen, stellt zusätzliche Anforderungen an die Fahrer. Enge Kurven und kurze Geraden fordern höchste Konzentration, und der meist ebenso schmutzige wie unebene Asphalt trägt auch nicht zu einer stabilen Straßenlage bei. Daniel Abt: „Auf einer permanenten Rennstrecke rutsche ich ins Kiesbett. Auf einem Stadtkurs lande ich gleich in der Mauer. Da wird es deutlich schwieriger, das Limit zu finden.“ Nicht ganz unproblematisch ist auch eine im Motorsport einzigartige gymnastische Disziplin: Da die Einheitsakkus nur Energie für die halbe Renndistanz liefern, müssen die Fahrer bei Halbzeit an den Boxen in ein zweites Auto mit voller Batterie wechseln. Dafür ist zwar eine Mindeststandzeit vorgegeben, die aber so knapp bemessen ist, dass sie – ähnlich wie bei den Reifenwechseln in der Formel 1 – eine perfekt funktionierende Choreografie erfordert. Mitverantwortlich für den perfekten Fahrzeugwechsel sind auch die Mechaniker, die im entscheidenden Moment mit flüssigen Bewegungen den Fahrer wieder anschnallen, die Funkverbindung mit seinem Helm herstellen und das Lenkrad aufstecken.

Hans-Jürgen Abt sieht die Formel-E-spezifischen Anforderungen jedoch positiv: „Damit kommt das Können des Fahrers und der Boxencrew viel mehr zum Tragen. Auch wenn die Autos höchstens mit 225 km/h daherkommen: Es wird ständig gefightet, viel mehr überholt – das macht den Fahrern jede Menge Spaß.“ Ganz zu schweigen von den Zuschauern, die zwar auf röhrende Sounds verzichten müssen, aber zunehmend auch am hochfrequenten Sirren der Elektromotoren Gefallen finden. Allan McNish hat dabei noch eine zusätzliche Qualität herausgehört: „Als Zuschauer versteht man hier sogar, was der Streckensprecher sagt – und ist damit ständig über den Rennverlauf informiert.“ Den können die Fans sogar beeinflussen: Per Instagram, Twitter oder via Website können sie ihrem Lieblingsfahrer den sogenannten „FanBoost“ zukommen lassen: eine Extraportion Energie, die pro Rennen den drei Fahrern mit den meisten Votes einen kleinen Vorteil beim Überholen verschafft.

Anlässlich der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas können sich im Januar sogar zehn Fans direkt mit den Formel-E-Piloten messen – allerdings nur virtuell: Beim Vegas eRace treten alle 20 eingeschriebenen Fahrer der Serie an Simulatoren gegen zehn Gamer an, die sich zuvor in mehreren Vorläufen für die Teilnahme qualifiziert haben. Dabei rechnet sich Daniel Abt, mit 24 Jahren einer der jüngsten Formel-E-Piloten und als Digital Native schon seit frühester Kindheit am Rennsimulator aktiv, besonders gute Chancen aus: „Da werden die Alten alt aussehen.“

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