Progressive People: Dries van Noten


Fashion is not that important

Als junger Wilder platzte Dries Van Noten in 1986 in Londons Modewelt. Im Interview spricht er über Unabhängigkeit und den Status der Mode. Ein Moosteppich als Laufsteg - für einen materialfixierten Modedesigner wie Dries Van Noten die konsequente Zuspitzung seiner Ideen. Für die Präsentation seiner Frauenkollektion Sommer 2015 bat Dries Van Noten die argentinische Künstlerin Alexandra Kehayoglou, einen Wollteppich in Moos-Optik zu entwerfen. Im Anschluss an die Modenschau schickt Van Noten die 48 Meter lange Bahn auf Tournee. Nur ein Aspekt, den es zu besprechen gilt.

Audi Magazin: Für das Gallery Weekend in Berlin haben Sie sich entschieden, den Teppich von Alexandra Kehayoglou zu zeigen statt Ihrer eigenen Mode. Ist der Teppich für die Kunstwelt angemessener?
Dries Van Noten: Die Kollektion für Sommer 2015 hat eine einschneidende Bedeutung für mich. Sie übersetzt unsere Ausrichtung für die Zukunft: zurück zur Natur. Ursprünglich träumte ich davon, die Models über einen Moospfad laufen zu lassen. Aber 55 Frauen nacheinander über Moos zu schicken entpuppte sich als unmöglich. So entstand die Idee zu dem Teppich. Als wir ihn in Paris entrollten, wurde uns sofort klar, dass er viel zu schön ist, um nur zehn Minuten während der Show gezeigt zu werden. Der Teppich hat ein eigenes Publikum verdient, er ist so fragil, so pur. Der Teppich muss um die Welt reisen!

 

Was lernen Sie von Ihrer neuen Rolle als Kurator?
Die Vorbereitungen für Paris haben mich zwei Jahre gekostet. Ich wollte nicht nur die Ergebnisse meiner Arbeit, sondern den Weg dorthin zeigen, meine Inspirationen. Ich musste eine Außenperspektive auf meine Arbeit gewinnen. Mode verlangt einen schnellen Rhythmus von vier Kollektionen pro Jahr. Da muss man plötzlich zurückblicken: Ist meine Arbeit es wert, in einem Museum gezeigt zu werden? Ist sie es wert, neben einem Entwurf von Christian Dior aus den 1940ern oder einem Gemälde von Mark Rothko zu hängen?

 

Ihre Mode spielt mit den Klischees von Frauen und Männern. Aber der Teppich als Untergrund für eine Frauenkollektion scheint die traditionelle Semantik fortzuschreiben.
Der Teppich ist vor allem naiv. Um Emotionen zu wecken, muss man nicht immer kompliziert werden, nicht so intellektuell. Gerade in der Kunst wird immer noch um eine Ecke weiter gedacht. Der Teppich ist geradeaus, transportiert aber eine Menge visueller Kraft.

 

Sie setzen nicht Mann gegen Frau, sondern Naivität gegen Überkultiviertheit?
Ja!

 

Sie fanden Alexandra Kehayoglou übers Internet. Was genau bedeutet das?
Was macht man, wenn man feststellt, die eigene Idee funktioniert nicht, man kann kein echtes Moos benutzen? Man klappt seinen Laptop auf und startet Google. Wir fanden ein Bild eines kleinen Moosteppichs von Alexandra Kehayoglou und nahmen sofort den Kontakt auf.

 

Der Kontakt kam nicht über eine Empfehlung zustande?
Nein. Als kreative Person versuche ich, Zufälle zuzulassen. Dinge zu planen und sie dann exakt umzusetzen kann tödlich für die Kreativität sein. Aus Versehen wirfst du zwei verschiedene Stoffe auf dem Schneidetisch zusammen und siehst, dass sie harmonieren. Solche Spontanität umarme ich.

 

Sind Sie der letzte Anti-Rockstar der Mode? Immerhin entwickelt sie sich immer mehr weg vom Handwerk hin zur Unterhaltungsshow.
Ich bin froh, dass wir unabhängig sind. Bei vielen großen Firmen dominiert der Accessoire-Bereich den eigentlichen Kleidungsbereich. Noch vor ein paar Jahren reagierten unsere wichtigsten Kunden mit völligem Unverständnis auf unsere Weigerung, Pre-Collections einzuführen. Mittlerweile bewundern sie uns dafür. Ich denke, wir haben erfolgreich Haltung bewiesen.

 

Ist industrielle Produktion grundschlecht und Handwerk grundgut – oder ist es komplizierter?
Es ist komplizierter. Ohne industrielle Schritte geht es nicht. Aber ich würde es bedauern, wenn alte Fähigkeiten aussterben würden. Ich achte darauf, dass wir in jede Kollektion altes Handwerk integrieren. In Indien beschäftigen wir 3.000 Arbeiter, die von Hand sticken. Wenn ich eine Kollektion ohne Betonung auf Stickereien entwerfen möchte, nehme ich die Farben zurück und lasse Ton in Ton sticken. So bleiben die Arbeiter beschäftigt. Genauso vergeben wir auch Aufträge an kleine Webereien in Italien, die noch per Hand Stoffe bedrucken. Diese Menschen haben die Kultur, das Archiv, das Wissen.

 

Ihre Inspiration ziehen Sie aus vorindustriellen Zeiten?
Ich respektiere die Techniken der Vergangenheit, die Tradition, aber ich bin kein Nostalgiker. Ich will die Dinge nicht exakt wiederholen. Ich begrüße Laptops und Mobiltelefone. Die modernen Möglichkeiten sind da, um genutzt zu werden. Wir haben Computer, niemand muss heute mehr eine Brieftaube aufsteigen lassen. Aber man sollte sich daran erinnern, dass es mal Brieftauben gab.

Heute kann man problemlos die regionalen Kulturen in Indien oder Südamerika entdecken. Verliert man darüber den Blick für die Regionalkultur vor der eigenen Haustür?
Das Risiko besteht. Ich reise gern, aber ich muss nicht das Land, nicht die Stadt verlassen, um Neues zu entdecken. Ferienreisen werden überbewertet. Eine 15-Minuten-Tour durch deine Stadt kann sehr erkenntnisreich sein. Man muss nicht erst 15 Stunden fliegen.

 

Sie führen nicht nur Ihre Geschäfte selbst, Sie entwerfen und produzieren auch viele Ihrer Stoffe in Eigenregie. Ist Ihre Form von Unabhängigkeit eine Voraussetzung für Innovation?
Nein. Diese Unabhängigkeit ist nur eine Möglichkeit für Innovationen. Ich kann meinem Herzen folgen und finanziell wenig aussichtsreiche Lieblingsideen umsetzen. Aber am Ende muss auch ich darauf achten, dass die Geschäfte laufen.

 

In den 90ern hieß Innovation in der Mode, die aktuellsten technischen Erfindungen, wie geklebte Nähte, aufzugreifen und damit etwas Neues zu entwerfen. Wie definiert sich Innovation heute?
Innovation ergibt sich heute vor allem, wenn man die Dinge aus größter Nähe betrachtet. Denn in den letzten 30, 40 Jahren hat der Zwang zu Innovation die Möglichkeit geraubt, sich tief in eine Sache hineinzuarbeiten. Das Kommando hieß: neu, neu, neu, anders, anders, anders. Man hatte nie die Ruhe, so lange in einem Thema zu versinken, bis man die perfekte Lösung gefunden hatte. Dinge müssen nicht vorrangig durch Schönheit blenden, sie müssen einzigartig sein – und richtig.

 

Ein genauerer Blick bringt auch ein gebremstes Tempo mit sich?
Das Tempo verringern und den Blick vertiefen. Langsam kommt man weiter. In der DNA der alten Schnitte können Facetten angelegt sein, die man damals nicht erkannt hat. Darauf kann man sich heute konzentrieren. Die Mode ist so allgegenwärtig und vielfältig – und damit so beliebig – wie noch nie, es gibt kein verbindliches Diktat pro Saison mehr. Statt jede Saison die Farbpalette zu wechseln, ist es viel interessanter, über längere Zeit in ein Thema hineinzutauchen.

 

Unterschiedliche Kleidung unterstützt unterschiedliche Verhaltensweisen. Sehen Sie als Modedesigner eine soziale Verantwortung? Oder ist es nur ein unschuldiges Spiel?
Ein erfolgreiches Unternehmen zu leiten bringt natürlich soziale Verantwortung mit sich, gegenüber den Angestellten, aber auch gegenüber den Kunden. Man muss an etwas glauben, man muss etwas geben. Kleidung bedeutet Kommunikation. Ich gebe den Menschen Bausteine für ihre Kommunikation. Kleidung hat Macht. Der falsche Pullover kann einem den ganzen Tag ruinieren. Ich schreibe niemandem vor, wie er meine Kleidung zu tragen hat. Aber verstecken soll man sich nicht hinter ihr. Zeige, wer du bist.

 

Würden Sie zustimmen, wenn man Sie als romantischen Avantgardisten bezeichnet?
Ich arbeite gern mit Konfrontationen. Wenn etwas zu schön wird, zwinge ich ihm etwas Hässliches auf, um Spannung zu erzeugen.

 

Ist Sexyness ein Kriterium für Sie?
Sexyness ist etwas Persönliches. Sie hängt davon ab, wie man sich bewegt, wie man sich kleidet, nicht von nackter Haut. Meine Männerkollektion soll einen anderen Blick auf den männlichen Körper vorschlagen. Die jungen Männer bauen heute ihre Muskeln beim Krafttraining auf, gedrungene Muskeln. Ich wollte einen coolen Typ mit länglichen Muskeln inszenieren – wie bei einem Läufer oder einem Ballett-Tänzer, nicht wie bei einem Gewichtheber.

 

Sie beziehen sich auf jemanden wie John Everett Millais: Sind Sie dann nur an seiner Ästhetik oder auch an den sozialen und politischen Implikationen interessiert, die der Bezug mit sich bringt?
Ich habe meine Lieblinge, zu denen ich immer wieder zurückkehre: Arts and Crafts, William Morris, Millais … Inspiration von einem Künstler kann unterschiedlich umgesetzt werden. Manchmal funktioniert es sehr direkt. Vor einigen Jahren sah ich in London eine Ausstellung von Francis Bacon. Ich wollte seine Farbwahl imitieren, die Kombination aus schön und schrecklich, die in Bacons Pink steckt. Genau das Pink wollte ich übernehmen. Manchmal zeigt sich die Inspiration indirekter, konzeptioneller. Bei Millais’ Ophelia interessierte mich der abstrakte Komplex Natur, Freiheit.

 

Nach so vielen Jahren: Was treibt Sie noch an?
Mode ist eine sehr dankbare Profession. Die Herausforderung überwiegt die Routine. Es wird nicht einfacher, man muss emotional bleiben.

 

Als Sie in den 1980ern in die Mode einstiegen, fühlten Sie sich damals als Teil einer Szene, als New Romantic oder New Waver?
Damals wechselte man alle sechs Monate den Stil. Zwischen 1975 und 1985 lag der Fokus zuerst auf italienischen Designern, dann englischen, dann japanischen, jedes Jahr etwas Neues, fantastisch! Man fühlte sich wie ein Kind im Süßigkeitengeschäft.

 

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Ich vermeide zu viel Planung, selbst als Geschäftsmann. Dinge muss man passieren lassen. Als ich den Shop in Paris eröffnete, wurde ich gefragt: „Oh, das ist also Teil Ihres Karriereplans?“ Nein, ich stieß zufällig auf das Ladenlokal, verliebte mich und schuf Fakten.

 

Sie mögen also Ungewissheit?
Ja.

 

In jeder Epoche bestimmt ein anderer Kulturzweig den Zeitgeist. Was ist es heute?
Ich hoffe, es sind nicht Geld und Geschäft. Aber ich fürchte, meine Hoffnung ist eitel. Religion drängt sich auch auf.

 

Wir dachten eher an so etwas wie Essen ...
Essen ist schon wieder vorbei.

 

Aber es stört Sie nicht, dass die Mode nicht mehr dem Zeitgeist vorangeht?
Nein, Mode ist nicht so wichtig.

 

Jan Joswig (Interview), Jan van Endert (Fotos)

 

Mehr Infos:
Als junger Wilder platzte Dries Van Noten mit den „Antwerp Six“ 1986 in Londons Modewelt. Heute gilt er als der stille Gigant, der sich konsequent allen Tendenzen zur Fast Fashion widersetzt. Seine Kollektionen werden seit drei Jahrzehnten vom intellektuellen Modepublikum gefeiert. Das Pariser Musée des Arts décoratifs ehrt ihn 2014 mit der Ausstellung „Dries Van Noten: Inspirations“. Die Ausstellung zog weiter ins Modemuseum Antwerpen, wo sie bis Juli 2015 zu sehen war. Im Rahmen des Gallery Weekend 2015 in Berlin stellte Dries Van Noten seinen Moosteppich in Zusammenarbeit mit Audi aus.

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