Die Addition der dritten Dimension


Wie denkt man grenzenlos?

Modular, intelligent, autonom und emissionsfrei unterwegs: Mit dem Konzept Pop.Up verlegt Italdesign zusammen mit Airbus den Verkehr der Zukunft in die Luft. Und das Ganze ist kaum mehr Fiction. Nur Science.

Text: Patrick Morda, Foto: Avrio Drone, Matthias Ziegler

Es gibt nichts, was es nicht geben kann

Manchmal nehmen Geschichten, die von der Zukunft handeln, Anlauf in der Vergangenheit. Warum nicht auch diese: Ende des 19. Jahrhunderts verfasste Henry Adams, Philosoph und Historiker, seine Biografi e. Die war gleichzeitig eine Art Bestandsaufnahme der damaligen Welt. In „Die Erziehung des Henry Adams“ steht, er habe vier einstmals für unmöglich gehaltene Dinge Realität werden sehen – bevor er das zarte Alter von sechs Jahren erreicht hatte. Das waren der Ozeandampfer, die Eisenbahn, der Telegraf und die Daguerreotypie. Das Unmögliche, so schien es ihm, existierte schlichtweg nicht mehr. Womit wir im Heute wären.

Gut 120 Jahre Menschheits-, Kultur-, Wirtschafts- und Technologiegeschichte später lässt sich vielleicht noch viel mehr als zu Adams’ Zeiten festhalten: Es gibt nichts, was es nicht geben kann. Dabei sucht sich der Fortschritt immer dramatischere Möglichkeiten, gleichzeitig immer neue Nischen. Peter Thiel, einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Unternehmer der Jetztzeit, hat es mal so erklärt: Es gibt zwei Arten von Fortschritt. Der eine verläuft horizontal. Basierend auf dem bereits erreichten wird letztlich immer wieder dasselbe erreicht, im besten Fall ein Status quo erhalten. Wer aber durch Kombination von Alt und Neu etwas Einzigartiges kreiert, der generiert echten, vertikalen Fortschritt. Die Zutaten: Mut, radikale Ideen und eben Technologie. Zero-to-One-Moment nennt das Thiel. Vertikal, nach oben also. Womit wir bei Italdesign wären, und, wenn man so will, in der Zukunft.

„Wir befinden uns mitten in einem Zeroto-One-Moment“, sagt Jörg Astalosch, CEO des norditalienischen Technologieunternehmens, und zitiert damit ganz bewusst die Formulierung Thiels. Computer-, Kommunikations- und Mobilitätstechnologien verschmelzen mehr und mehr zu einer Art Supertechnologie, die in Zukunft unter anderem die Art, wie wir uns fortbewegen, völlig neu definieren wird.

Pop.Up ist die Inkarnation dieser Vision. Auf dem Automobilsalon in Genf Anfang des Jahres vorgestellt, könnte man auf die Idee kommen, da hat jemand das Prinzip vom fliegenden Auto interpretiert. Wie schon so oft, seit es das Auto als solches gibt. Bei genauerer Betrachtung aber stellt man schnell fest, dass Pop.Up mehr ist. Auch weil Italdesign, so Astalosch, eben mehr ist als ein norditalienisches Technologie unternehmen. Schon immer war. Hier entstanden der erste VW Golf und der Fiat Panda, beide in ihrer Zeit wegweisend, heute Ikonen der individuellen Mobilität. Pop.Up, so sagt er, sei kein fliegendes Auto. Fliegende Autos seien kein Beitrag zu einer Lösung derartiger Herausforderungen, mit denen sich er und sein Team beschäftigt haben: „Man hat etwas Rollendes und dann noch zusätzlich einen komplexen Flugapparat. Und beides wird ständig zusammen bewegt, braucht Platz für Start und Landung. Wo soll es den in unseren Metropolen geben?“ Nein, eine Lösung muss skalierbar, massentauglich sein. Reduziert auf das Wesentliche.

Astaloschs Gedanken kreisen um die Art von Städten, die schon heute auseinanderzuplatzen drohen. Rund 450 Millionen Menschen leben weltweit bereits in sogenannten Megacitys, also Städten mit über zehn Millionen Einwohnern – 28 gibt es davon. Tendenz: steigend. Bis zum Jahr 2030 sollen es rund 750 Millionen in dann 40 Städten sein. Der Verkehrsinfarkt, da ist man sich weithin einig, scheint längst akzeptiertes Zukunfts-, vielleicht sogar Gegenwartsszenario. Zu verwachsen sind Flächen, zu verkrustet die Strukturen. Es wird neue Ideen brauchen, um gegenzusteuern. Und eben eine intelligentere Nutzung von Räumen. Smart Usage vor Smart Citys könnte eine Devise sein. Und da kommt Italdesign mit dem Pop.Up ins Spiel. „An allererster Stelle sind wir Dienstleister“, so Astalosch. Und doch hat niemand ein Konzept wie Pop.Up beauftragt. „Wir nehmen für uns in Anspruch, ein von Kreativität geprägtes Geschäftsverständnis zu haben. Wenn wir eine Idee haben, dann sage ich auch oft: dann macht mal.“

Weht also der viel beschworene Geist des Silicon Valley im norditalienischen, vor den Toren Turins gelegenen, Moncalieri, der Heimat von Italdesign? Man könnte zu der Überzeugung kommen: kleine, interdisziplinäre Teams, die mit freier Hand Ideen vorantreiben, eine Führung, die Orientierung gibt, nicht einschränkt. Das klingt nach Start-up- Atmosphäre. Überhaupt: Das Team als Ganzes steht im Vordergrund. Jeder bei Italdesign darf, kann und soll seine Meinung und seine Expertise in die Projekte einbringen. „Das mag sehr idealistisch aussehen, und es funktioniert auch nicht immer. Beim Pop.Up, das gebe ich zu, waren wir zwischendurch auch mal unsicher, ob die Idee nicht zu radikal, zu verrückt ist.“ Ist sie nicht, sie scheint es zumindest nicht zu sein: Mit Airbus wurde sehr schnell ein Partner gefunden, der Expertise und Erfahrung bei der Flugtechnik einbringt, im gesamten Volkswagen Konzern ist Pop.Up, seit es aus dem Stealth-Mode heraus ist – um im Start-up-Sprech zu bleiben –, ein viel beachtetes Projekt.

Auch und gerade weil es eben kein weiteres fliegendes Automobil oder straßenfähiges Flugzeug, sondern ein modulares, auf intermodale Mobilität ausgelegtes Konzept darstellt. Modular, weil Pop.Up aus drei einzelnen Elementen besteht, die miteinander, aber auch getrennt einsetzbar sind. Im Mittelpunkt steht die Kapsel, ausgelegt für zwei Passagiere. Durch Kopplung an ein Bodenmodul entsteht ein batteriebetriebenes, autonom fahrendes Stadtauto. Erschwert zu hohes Verkehrsaufkommen die Weiterfahrt, kommt automatisch das drohnenartige Flugmodul zum Einsatz, und die Fahrt wird zum autonom pilotierten Flug. Intermodular nutzbar wird Pop.Up dadurch, dass die Kapsel – zumindest in der Theorie – auch mit anderen möglichen zukünftigen Verkehrsmitteln funktionieren könnte.

Man stelle sich Folgendes vor: „In Dubai kommt man eines Tages mit dem Hyperloop an, dessen Passagierkapsel kompatibel mit Pop.Up ist. Am Hub wird man dann samt Kapsel auf das Automodul umgesetzt, das natürlich schon weiß, wer da kommt und wohin die Fahrt fortgesetzt werden soll. Das Ganze passiert, ohne auszusteigen. Bei 50 Grad Lufttemperatur eine sehr angenehme Vorstellung. Wenn das System erkennt, dass mein Ziel besser durch die Luft zu erreichen ist, steht auch schon das Flugmodul bereit. Zeit- und Komfortgewinn wären enorm. Es braucht eben ein Verständnis für Mobilität als Service“, skizziert Astalosch.

Entscheidend dabei ist auch der intermodale Ansatz. Denn die Idee Pop.Up stellt kein Allheilmittel dar. Dafür seien die Probleme der Metropolen im Detail zu unterschiedlich. „Die Krankheit mag dieselbe sein, aber die Symptome unterscheiden sich. In London fahren heute täglich rund fünf Millionen Menschen mit der U-Bahn, aber es gibt auch über 20 Millionen Verkehrsbewegungen im Auto. Ein Großteil davon ist Güterverkehr. Also könnte man diesen Baustein gezielt angehen. Dubai hat zum Beispiel stark mit klimatischen Bedingungen zu kämpfen. Die Hitze macht Elektroantrieb kompliziert, Flugsand und Staub behindern optische Sensoren, zum Beispiel von pilotierten oder autonomen Fahrzeugen. Wir müssen da sehr genau hinschauen und vor allem zuhören.“

Und doch: Alle eint, dass viel zu viel urbane Fläche, die eigentlich auf den Menschen ausgerichtet sein sollte, dem Verkehr vorbehalten ist. Was also tun? Auch hier wieder das Teamwork: Massimo Martinotti, verantwortlich für Business Development und Projektmanagement, brachte den holistischen Ansatz, Mobilität müsse für alle zugänglich und nutzbar sein, ein. Deswegen ist Pop.Up modular gedacht und gestaltet. Filippo Perini, Chefdesigner bei Italdesign, formulierte die Idee des vertikalen Verkehrs. „Wenn wir die urbanen Mobilitätsprobleme lösen wollen, müssen wir uns diese Flächen in der dritten Dimension zunutze machen“, sagt er. Eine andere steht schlichtweg nicht zur Verfügung.

Daher sei es so wichtig, außerhalb des Konventionellen zu denken, out of the box, wie man so schön sagt. Und dabei maximal disruptiv: „Ich bin davon überzeugt, dass neue Mobilitätslösungen aus einer völlig unerwarteten Richtung kommen“, sagt der Designer. Man müsse schon aufpassen, dass man in dem neuen Spiel namens „Zukunftsmobilität“ nicht von der Entwicklung überrascht wird.

Aber natürlich ist der Weg noch lang. Nicht so sehr der technologische. Pop.Up ist technisch gesehen schon sehr weit, zehn Jahre wird es nicht dauern, bis das System funktioniert. Mehr Zeit wird es brauchen, bis die Gesellschaft, also wir, uns darauf einlassen wollen und können, das Rechtliche geklärt ist. Das hat zu tun mit der Umstellung zur Shared Mobility, also dem Schritt weg vom statischen Besitz hin zur Nutzung bei Bedarf, aber vor allem auch mit der Sichtweise auf Mobilität als solche. „Wir nehmen zu oft eine persönliche Perspektive ein. Die ist zu bequem. Wir werden auf der Welt sehr lange sehr viel mehr Stupid Citys als Smart Citys haben. Was bedeutet Konnektivität in Mailand im Kontrast zur mongolischen Steppe?“, fragt Perini.

Es sind eben solche Gedanken, der besagte holistische Ansatz, die Astalosch und seine Mannschaft beschäftigen. Probleme verstehen, ganzheitlich betrachten, akzeptieren, dass es nicht die eine Realität gibt. Und: die richtigen Fragen stellen. Für Perini bedeutet das auch, zu hinterfragen, ob völlig unabhängig von Technologie unser Mobilitätsverhalten als solches Aussicht auf Fortbestand hat. Ist Mobilität ein Privileg? Bleibt sie es? Die beste Zukunft, die er sich in dem Zusammenhang vorstellen kann, ist folgerichtig „eine, in der man bewusster mit Mobilität umgeht. Das kann auch mal Verzicht bedeuten, warum auch nicht?“

Überhaupt steht weniger das „Ding“ Pop.Up im Fokus als vielmehr die Philosophie dahinter. Der schnelle, einfache und erschwingliche Zugang zu Mobilität – einen Entwurf im Sportwagenformat hat man bewusst ad acta gelegt. Die Nutzung der dritten Dimension und der Glaube an die modulare und intermodale Nutzung. Wie Pop.Up in Zukunft aussieht, wer ihn letztlich baut, da ist man sich bei Italdesign einig, das sei zum jetzigen Zeitpunkt nebensächlich. Wichtig ist, dass man jetzt daran arbeite, an der „verrückten“ Idee.

Warum sollte das eigentlich nicht gelingen? Wir alle bedienen uns der intermodalen Mobilität. Ständig. Die Geschäftsreise beginnt mit der Autofahrt zum Flughafen, von dort geht es im Flugzeug – meist per Autopiloten – weiter. Einmal gelandet, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Meeting und zu Fuß zum Hotel. Und Fliegen im urbanen Raum? Gewaltige Maschinen graben über Dutzende Kilometer riesige Löcher durch Erde, um Verkehr zu ermöglichen. Durch Berge und unter dem Meer. Weltraumtourismus ist en vogue. Warum sollte dann die dritte Dimension, die Verlagerung nach oben, so fantastisch sein? Wo doch – Filippo Perini ist davon überzeugt – die Komplexität viel geringer ist als auf den völlig überfüllten Straßen. Im frühen 20. Jahrhundert soll jemand gesagt haben, man könne alle Patentämter schließen. Alles sei schon erfunden. Die Zukunft aber, das ist klar, wird nicht in der Zukunft gestaltet, sondern im Jetzt.

The Pop.Up

Das Konzept besteht aus drei einzelnen Elementen, die alle miteinander, aber auch getrennt einsetzbar sind. Im Mittelpunkt steht die Kapsel, ausgelegt für zwei Passagiere. Durch Kopplung an ein Bodenmodul entsteht ein batteriebetriebenes, autonom fahrendes Stadtauto. Erschwert zu hohes Verkehrsaufkommen die Weiterfahrt, kommt automatisch das drohnenartige Flugmodul zum Einsatz, und die Fahrt wird zum autonom pilotierten Flug. Intermodular nutzbar wird Pop.Up dadurch, dass die Kapsel – zumindest in der Theorie – auch mit anderen möglichen zukünftigen Verkehrsmitteln funktionieren könnte. Maximal vernetzt und auf den jeweiligen Benutzer ausgerichtet, ist Pop.Up ein Beispiel für KI-getriebene Shared Mobility von morgen in urbanen Räumen.