Geräuschlose Kraftpakete


Der Sound der Zukunft

Ein Gespräch mit Siegfried Pint, Leiter Entwicklung Elektrifizierung Antrieb


Herr Pint, Sie kommen aus der Welt der Verbrennungsmotoren und haben unter anderem Antriebe für die Formel Eins konstruiert. Jetzt besetzen Sie bei Audi eine Schlüsselposition für den E-Antrieb. Wann kam der Sinneswandel?

Ich habe mir ziemlich früh die Frage gestellt: Was kommt als nächstes? Seit mehr als hundert Jahren dient uns die Verbrennungsmaschine als Hauptantriebsquelle. Ich bin davon überzeugt, dass elektrische Antriebe der nächste große Meilenstein sind, deshalb habe ich mich auf das Feld spezialisiert. Meine Geisteshaltung ist eher die eines Pioniers als die eines Bewahrers.

Sie sind seit über 15 Jahren in der Automobilindustrie tätig und haben in dieser buchstäblich die Karriereleiter erklommen. Seit über zwei Jahren sind Sie nun bei Audi. Wieso sind Sie nach Ingolstadt zu den Vier Ringen gewechselt?

Audi hat eine Macherkultur, das hat mich gereizt. Wir sind Pragmatiker. Mit dieser Vorgehensweise erschließen wir neue Themen und gehen bislang unbekannte Wege. Mir gefällt, dass so bereits Berufsanfänger dadurch sehr schnell die Möglichkeit haben, viel Verantwortung zu übernehmen und sich weiter zu entwickeln.

Wie stellen Sie sich den Verkehr bei uns in Deutschland in zehn Jahren vor?

Ich bin davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren eine signifikante Anzahl von E-Fahrzeugen auf der Straße sehen werden. Vor allem rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge. Autos werden vernetzter sein, das Thema Big Data wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Das hat den Vorteil, dass Staus vermieden werden oder Fahrer schneller eine Parklücke oder Lademöglichkeit finden.

Können Sie das genauer erklären?

Nehmen Sie als Beispiel den Kinobesuch, wie wir ihn von früher kennen. Ich habe mir vor Ort eine Karte gekauft, bin dann zwei Stunden etwas essen gefahren und anschließend zum Kino wieder zurück. Heute brauche ich diese Wege nicht mehr, weil ich die Karte online buchen kann. Ähnlich funktioniert es mit Lademöglichkeiten, die das Auto für mich sucht oder mit der intelligenten Routenplanung, die Umwege verhindert.  

Die Bundesregierung hat das Ziel, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen. Wo liegen die Herausforderungen?

Wir haben in Deutschland leider noch das klassische Henne-Ei-Problem bei der Ladeinfrastruktur. Als ich neulich nach Berlin gefahren bin, konnte ich nicht nachladen. Das ist für viele, die sich ein elektrisches Fahrzeug kaufen, noch ein Hemmschuh. Aber wenn ein Land die Weichen stellen will, kann das auch sehr schnell gehen – wie man am Beispiel
Norwegen sehen kann.

Oslo will in zehn Jahren den Verbrenner verbieten, ziehen denn Autofahrer problemlos mit?

Durchaus. In Norwegen kann man sehr gut erkennen, wohin die Reise geht. Ein Kunde, der einmal elektrisch gefahren ist, orientiert sich langfristig in Richtung E-Mobilität. Das sehen wir auch bei Plug-In-Hybriden. Wer einmal einen gefahren ist, kauft sich als nächstes einen Elektrischen mit mehr Reichweite oder ein voll elektrisches Fahrzeug.

Ebnet E-Mobility auch den Weg zum autonomen Fahren?

Zumindest passt es sehr gut zusammen. Ein Elektromotor ist deutlich weniger wartungsintensiv als ein Verbrennungsmotor.
Auch das „Tanken“ ist durch die Elektrik einfach und unkompliziert, sogar leicht automatisierbar. Das bedeutet mehr Komfort für den Fahrer, was auch das Ziel des autonomen Fahren ist. 

Derzeit hat man den Eindruck, dass eher Firmen wie Google oder Apple Big Data nutzen und Autos rund um das Internet entwickeln. Welchen Vorsprung hat Audi gegenüber der neuen Konkurrenz?

Derzeit findet ein Umbruch in der Automobilindustrie statt. Digitalisierung, Urbanisierung und Nachhaltigkeit sind die großen Themen, denen wir uns stellen. Sie bieten natürlich auch ein Umfeld, in dem sich weitere Player etablieren werden. Das ist in jedem Fall
ernst zu nehmen. Unsere Stärke, und da haben wir langjährige Erfahrung, liegt darin, leistungsstarke Antriebe zu entwickeln, die dem Kunden Sportlichkeit vermitteln aber auch bei hohen Geschwindigkeiten Komfort und Sicherheit bieten.  Und Vorsprung heißt für uns einerseits, das Bewährte noch besser zu machen, andererseits Premium-Lösungen für Elektromobilität zu gestalten.

Dennoch gibt es nach wie vor Fans kraftvoller Verbrennungsmotoren. Wie können Sie die überzeugen?

Ein Elektroantrieb vereint Fahrdynamik, Sicherheit und Fahrspaß. Ich biete meinen Kollegen von der Fahrdynamik eine Maschine an, die sehr schnell auf ihrem Drehmoment oder auf ihrer Solldrehzahl sein kann. Viel schneller als jeder Verbrenner – und da rede ich über ganzzahlige oder Zehnerpotenzen. Das heißt, ich kann den Zielkonflikt von Fahrdynamik und Fahrsicherheit lösen, weil ich beides gleichzeitig habe. Das Fahrzeug lässt sich agil darstellen, ist aber auch sicher, weil die E-Maschine schnell in ihrer Reaktion ist. Das Fahren wird geschmeidiger.

Können Sie diese Geschmeidigkeit anhand eines Beispiels erklären?

Nehmen Sie den Antrieb im Audi e-tron quattro concept mit seinem Drei-Motoren-Konzept. Dort können wir Differenzmomente einbauen, die das Fahrzeug nicht nur überlegen längs beschleunigen, sondern auch besser in die Kurve eindrehen lassen. Außerdem ist die schnelle Regelstrecke neu. Früher hat der Fahrdynamikregler die Drehzahl vom Rad abgegriffen und zur Steuereinheit gesendet, die die Signale entsprechend verarbeitet. Sie kennen dies vom ESP (elektronisches Stabilitäts-Progamm), wenn Sie im Winter fahren und die Traktionskontrolle eintritt. Das Rad dreht durch, woraufhin das ESP eingreift und das Drehmoment verringert. Erst wenn das Rad wieder Traktion hat, beschleunigt das Rad erneut. Solche Regelkreise spürt man im Fahrzeug. Mit einem elektrischen Antrieb wird das vorbei sein: Die Maschine wird kontinuierlich und zuverlässig an der Traktionsgrenze beschleunigen.

Finden Sie, dass es trotzdem Motorengeräusche für E-Fahrzeuge braucht?

Nein. Die Natürlichkeit des Nichtgeräuschs des elektrischen Antriebs ist eine Tugend und keine Strafe. Die sollte man tunlichst beibehalten. Das ist für den Fahrer und die Umgebung ein toller Nebeneffekt – wohlwissend, dass auf der Autobahn eher die Windgeräusche Lärm machen als die Motorengeräusche.

Wie groß ist das Team, mit dem Sie arbeiten?

Insgesamt sind wir 230 Kollegen, die sich mit elektrischen Antrieben und Antriebsfunktionen beschäftigen. Derzeit ist unsere Hauptaufgabe die Serienentwicklung des ersten BEV Antriebs für den Audi e-tron quattro concept. Ein weiteres Hauptanliegen ist, Leute hinter meine Strategie zu bringen, denn gerade jetzt stellen wir die Weichen für 2020 plus. Aktuell arbeiten wir mit Plug-In-Hybriden und beschäftigen uns mit der Entwicklung neuer Antriebe. Aber ich muss meine Mannschaft darauf vorbereiten, dass die Nachfrage nach Elektroautos und damit auch ihre Produktion steigen wird.

Bereiten Hochschulen und Universitäten den Nachwuchs auf neue Entwicklungen in Ihrem Bereich vor?

Es gibt inzwischen einige Institute, die angehenden Mechatronikern oder Ingenieuren Basiskenntnisse über elektrische Antriebe vermitteln. Dennoch ist es heute noch verstärkt so, dass der Nachwuchs für dieses Thema on-the-job – also direkt bei den Herstellern – ausgebildet wird. Hier bei Audi prägen wir den Fortschritt in dem Bereich mit. Deshalb entwickeln wir unsere Fachkräfte entsprechend weiter und machen sie zu Pioniere der Elektromobilität.

Wie ist der Altersdurchschnitt im Team?

Wir sind ein sehr junges Team von Mitte 30, das Lust hat, neue Wege zu gehen.  Und das ist gut so, denn jeder Mitarbeiter bekommt früh Verantwortung für seine Projekte übertragen und hat dabei den Freiraum, diese auszugestalten. Zwei junge Mitarbeiter beispielsweise hatten die Aufgabe übernommen, die Inbetriebnahme eines Aggregatträgers für ein neues Fahrzeugkonzept durchzuführen. Das heißt, sie hatten einen Audi Q7 zu einem Elektrofahrzeug umgebaut. Er und sein Kollege saßen in dem Fahrzeug auf Campingstühlen, denn in dem Fahrzeug waren noch nicht einmal Sitze eingebaut. Die Steuergeräte waren erst notdürftig angebracht und der Innenraum war voll mit Verbindungskabel und prototypischen Bauteilen. Als plötzlich vorne die E-Maschine lief, waren sie zurecht sehr stolz. Drei Wochen später konnten sie auf dem Prüfgelände mit fast 200km/h durchs Oval fahren. Ich bin ziemlich sicher, dass es für beide eines der bisher spannendsten Ereignisse ihrer beruflichen Laufbahn war.  

Siegfried Pint

Elektrische Fahrzeuge werden sowohl den Verkehr als auch das Fahren in den Städten nachhaltig verändern. In diesem Zusammenhang spielt die Entwicklung von E-Antrieben eine Schlüsselrolle. Denn perfekt konstruierte Maschinen vereinen Fahrdynamik, Sicherheit und Fahrspaß und werden immer mehr Kunden überzeugen.

Siegfried Pint studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen und an der Michigan State University. Nach dem Studium spezialisierte er sich zunächst auf die Entwicklung konventioneller Antriebe, unter anderem für die Formel Eins. Den größten Teil seiner Berufserfahrung sammelte er bei der BMW Group, wo er die Entwicklung elektrischer Fahrzeuge vorantrieb, bevor er als Leiter der Entwicklung Elektrifizierung Antrieb zu Audi nach Ingolstadt wechselte.  

Weitere Informationen