Audi connect


Lernende Flotte

Ein Gespräch mit Martin Deinhard, Entwickler Audi connect Infotainment und Apps


Herr Deinhard, das Thema digitaler Wandel hat Sie und Ihre Abteilung bei Audi fest im Griff. Immer wieder kommen neue Apps und Online-Dienste auf den Markt. Wie schnell lassen sich eigentlich neueste Entwicklungen in Serie bringen?

Das ist für uns eine der größten Herausforderungen. In der Serienentwicklung eines Fahrzeugs haben wir vergleichsweise lange Entwicklungszyklen und müssen zudem beachten, dass unsere Angebote auch während der Fahrt sicher bedient werden können. Um neue digitale Services schnell im Auto bereit stellen zu können, gestalten wir unsere Elektronikarchitektur sehr flexibel, denn viele Kunden sind heute rund um die Uhr online und möchten ihre digitale Lebenswelt auch im Auto nutzen. Mit unserem modularen Konzepten schaffen wir es mit der schnellen Welt der Consumer Elektronik mitzuhalten und binnen weniger Monate neue Dienste in unseren Fahrzeugen anzubieten.

 

Und wie wird ein großer Konzern diesem Anspruch gerecht?

Bei der App-Entwicklung, die ich verantworte, sind wir nah dran an den Kunden und an der digitalen Entwicklung. Wir nutzen das daraus entstehende Potential und verstehen uns selbst als Gestalter von smarten Lösungen. Deshalb ist mein Team interdisziplinär und vielfältig. Darüber hinaus arbeiten wir international mit vielen Start-ups zusammen und integrieren auch gute Ideen, die junge Entwickler haben.     

 

Wie müssen wir uns das Team vorstellen?

Die Kolleginnen und Kollegen kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Bei uns arbeiten Physiker, Elektrotechnik Ingenieure sowie viele Informatiker. Andere haben bereits in der Wirtschaft Erfahrung gesammelt, haben Start-ups gegründet oder bringen einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund mit. Im Zuge der Digitalisierung wachsen wir sehr stark. Vor zwei Jahren sind wir mit wenigen Leuten gestartet, heute besteht das Team schon aus über 20 Mitarbeiter/innen und ist international breit aufgestellt. Mein Team ist sehr jung, der Altersdurchschnitt liegt derzeit bei 31 Jahren.

Derzeit hat man den Eindruck, dass die Nachfrage nach Apps selektiver wird. Kunden nutzen nur noch das, was ihnen wirklich Mehrwert bietet. Welche Vorteile bieten neue digitale Dienste?

Die Angebote werden immer personalisierter und sind genau auf die Kunden zugeschnitten. Ich kann nicht nur meine Lieblingssongs oder meinen Radiosender abspielen. Apps lernen auch meinen Geschmack, sodass ich weitere Songs oder Sender vorgeschlagen bekomme, die ich vorher nicht kannte – da sind dann oftmals tolle Sachen dabei, die sich manchmal sogar zu einer Lieblingsband entwickeln. Ein anderes Beispiel: Digitale Dienste suchen mir die nächste Pizzeria in einer fremden Stadt und wissen, ob es in der Nähe noch einen freien Parkplatz gibt, der sich in naher Zukunft auch bargeldlos bezahlen lassen wird.

 

Welcher digitale Trend wird unser Fahren in den nächsten Jahren am meisten verändern?

Ein wichtiges Thema ist die Nutzung von Schwarmdaten. Autos verfügen dann nicht mehr nur über die Informationen, die sie aus ihrer direkten Umgebung selbst mittels Sensoren oder Kameras erkennen und verarbeiten, sondern sie teilen diese Informationen über die Cloud mit anderen Fahrzeugen. So können wir im ersten Schritt neue Services anbieten, die den Verkehr sicherer machen. Auf lange Sicht sind Schwarmdaten in Verbindung mit Machine Learning Komponenten eine unabdingbare Voraussetzung für selbstfahrende Fahrzeuge. Das ist einer der wichtigsten Trends, die wir vorantreiben.

Eine Grundlage für pilotiertes Fahren sind exakte Kartendaten. Audi setzt mit anderen Fahrzeugherstellern auf den ehemaligen Kartendienst von Nokia. Ist „HERE“ die Zukunft der Kartendienste?

Wir befinden uns vermutlich im radikalsten Umbruch, den die Automobilindustrie bisher erlebt hat. Beim Kartendienst HERE arbeiten wir daher sehr eng mit den Kollegen von BMW und Daimler zusammen und lassen die Plattform auch für weitere Hersteller offen. So können wir den Vorteil einer großen Schwarmintelligenz aktiv für die Entwicklung der digitalen Zukunft der Automobilindustrie nutzen und unseren Kunden neue Services bieten.

 

Pilotiertes Fahren soll ja den Verkehr vor allem sicherer machen. Viele sprechen sogar von der „Vision Zero“, dem Ziel, irgendwann Null Verkehrstote zu haben. Wie nutzen Sie Schwarmdaten, um solche Ziele zu erreichen?

Wir generieren jetzt schon Funktionen, die mehr Sicherheit in den Straßenverkehr bringen. Ein Beispiel ist die Adaptive Cruise Control – kurz ACC. Wenn Sie heute mit aktiver ACC fahren, geben Sie eine maximale Geschwindigkeit vor, die das Fahrzeug dann einhält, sich darüber hinaus hinsichtlich Bremsen und Beschleunigen am vorausfahrenden Fahrzeug orientiert sowie den Streckenverlauf mit berücksichtigt.Jetzt kann es aber sein, dass auf der Strecke ein Unfall passiert ist oder die Fahrbahn glatt oder vereist ist. Das weiß das Auto heute noch nicht. Durch die intelligente Verarbeitung von Schwarmdaten, können Fahrer und Fahrzeug frühzeitig vor solchen Gefahren gewarnt werden.

 

Wie genau funktioniert die lokale Gefahreninformation?

Stellen Sie sich Folgendes vor: Es ist Winter und auf einer bestimmten Strecke greift bei sehr vielen Fahrzeugen die ESC (Electronic Stability Control) ein, um in der Kurve nicht von der Straße zu rutschen. Das ist ein klarer Hinweis auf Glatteis an genau dieser Stelle. Wir machen uns diesen Hinweis zu Nutze, in dem wir die vom Fahrzeug erkannte Information „ESC greift an genau diesem Streckenabschnitt ein“ anonymisiert an unser Audi IT-Backend senden. Dort laufen dann alle diese Meldungen ein und wir können über die Cloud eine aktive Gefahrenwarnung an alle Fahrzeuge senden, die sich ebenfalls auf dieser Strecke befinden. Der Anwendungsfall lässt sich natürlich auch auf andere Beispiele wie auf eine Unfallstelle, schlechte Sicht durch z.B. Nebel oder starken Regen anwenden. So können wir aktiv dazu beitragen, den Straßenverkehr sicherer zu machen.

 

Fahrzeuge vernetzen sich nicht nur mit dem Handy, sondern auch mit Wearables. Diese Devices sind in der Lage, bei Bluthochdruckpatienten den Puls oder den Herzschlag zu messen. Ist es denkbar, dass hier Fahrzeuge künftig eingreifen und autonom in die Notaufnahme fahren?

Das könnte kommen, aber im Moment ist das wohl noch fernere Zukunftsmusik. Zum einen sind die Pulsmesser der Wearables noch nicht ausgereift genug und zum anderen ist natürlich gerade der Stadtverkehr ein extrem komplexes Umfeld in Bezug auf selbstfahrende Autos.Den Aspekt „My Audi cares for me“ betrachten wir dennoch heute schon in der Entwicklung, nicht nur für die Erkennung von Notfällen. Das Auto als privater und zugleich vernetzter Raum eignet sich ideal für Fitness- und Gesundheits-Monitoring. Die Vision von Audi ist ein Fahrer, der am Ziel entspannter aus dem Auto steigt, als er eingestiegen ist. Wir nennen das Projekt Audi Fit Driver.

Martin Deinhard

Martin Deinhard hat Wirtschaftsingenieurwesen mit einer Spezialisierung auf Fahrzeugtechnik studiert. Über das internationale Traineeprogramm stieg er vor neun Jahren bei Audi ein und war in diesem Rahmen in der Logistik und im Produktmanagement tätig. Der im Programm integrierte Auslandsbaustein verschlug ihn für einige Monate nach Peking. Zurück in Ingolstadt verantwortete er zunächst in der Abteilung „Entwicklung Gesamtfahrzeug“ die Produktkostenoptimierung für Elektrik/Elektronik Umfänge. Der Elektronikprojektleitung des Audi TT folgte die für den Audi A4, A5 und Q5.

Seit 2014 leitet Deinhard die Abteilung „Entwicklung Audi connect Infotainment und Apps“ und koordiniert ein Team von über 25 Mitarbeitern.

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