Die Zukunft des Fahrens

Intelligenz & Vernetzung

Wann kommen die ersten autonom fahrenden Autos auf den Markt? Welche neuen Technologien und welcher Grad an Vernetzung sind für sie nötig? Wie gehen wir mit Autos um, die sicherer fahren als wir selbst, und wie werden sie die Gesellschaft verändern?

In der Verkehrsleitzentrale München diskutieren die Audi-Entwickler Marcus Keith und Andreas Reich mit dem Verkehrsforscher Prof. Dr. Michael Schreckenberg. Hier steuern Operatoren von Verwaltung und Polizei rund um die Uhr den Verkehr, jeden Tag müssen sie auf etwa 2.000 Meldungen reagieren. Circa 700 Kameras, die meisten davon in Tunnels, liefern Videobilder, die auf einer 17 Meter breiten Multimediawand laufend überwacht werden.

Der Weg zu pilotiertem Fahren

Etwa vier Millionen Autos bewegen sich jeden Tag auf den Straßen Münchens, und nur ein Bruchteil von ihnen kommuniziert mit der Umwelt. Mit allem Hightech, das der Stadt zur Verfügung steht, kann die Verkehrsleitzentrale in Moosach den Verkehr nur in gewissen Grenzen steuern, eine direkte Kommunikation mit den Fahrzeugen ist heute noch nicht möglich. Audi arbeitet an neuen Technologien, mit denen sich die Autos untereinander organisieren – an einer umfassenden Vernetzung und an neuen Systemen für das autonome Fahren, das bei Audi pilotiertes Fahren heißt.

Modelle wie der neue A4 und der neue Q7 weisen hier bereits heute den Weg. Ihre Online-Dienste, unter der Bezeichnung Audi connect zusammengefasst, verbinden sie mit dem Internet, mit der Infrastruktur und mit anderen Fahrzeugen. Ihre Assistenzsysteme arbeiten prädiktiv – sie können den Fahrer beispielsweise auf eine enge Kurve hinweisen, die hinter einer Hügelkuppe liegt, oder sie übernehmen mit dem Stauassistenten im zäh fließenden Verkehr auf gut ausgebauten Straßen die Lenkarbeit bis 60 km/h. Diese Technologien bilden eine Vorstufe für das pilotierte Fahren, das 2017 mit der nächsten A8-Generation in Serie gehen wird.

„Pilotiert fahrende Autos können Leben retten. Der größte Fehlerfaktor ist nach wie vor der Mensch.“

 

Marcus Keith
Leiter Entwicklung Anzeige/Bedienung/Audi connect, AUDI AG

Können Sie die Audi-Roadmap hin zum pilotierten Fahren skizzieren?

Reich: Wir bewegen uns auf zwei Ebenen auf das pilotierte Fahren zu. Die eine Ebene ist die Autobahn. Hier werden wir sukzessive die Geschwindigkeit erhöhen, den Spurwechsel ermöglichen und komplexe Situationen beherrschen. Die andere Ebene ist das pilotierte Fahren im Parkhaus oder auf dem Parkplatz. Der Fahrer steigt an der Schranke aus, das Auto erledigt alles Weitere allein. Hier ist man mit niedrigen Geschwindigkeiten in einem Umfeld unterwegs, das sich sehr gut kontrollieren lässt. Im Lauf der Jahre werden diese beiden Bereiche zusammenwachsen, mit starker Unterstützung durch die neuen Assistenz- und Sicherheitssysteme.

„Wenn Fahrzeuge selbstständig fahren, wird der Verkehr defensiver werden, und es wird zu deutlich weniger Unfällen kommen.“

Andreas Reich
Leiter Vorentwicklung Elektrik/Elektronik, Audi Electronics Venture GmbH

Defensiv und sicher

Die Monitorwand in der Verkehrsleitzentrale zeigt es in zahlreichen Einzelbildern: Am Dienstagmittag des Audi-Besuchs fließt der Verkehr in München so, wie er soll. Aber nicht nur deshalb, weil sich alle Fahrer an die Regeln halten, sondern auch, weil manche sie etwas freier auslegen und eine durchgezogene Linie schon mal überfahren, um die Spur zügig wechseln zu können. Autonom fahrende Autos tun so etwas nicht – ihre Technik wird laut Marcus Keith selbstverständlich so ausgelegt, dass gesetzliche Vorgaben erfüllt werden.

 

Wie gut wird der Mensch am Steuer künftig mit dem Computer am Steuer auskommen?

Schreckenberg: Der Verkehr heute funktioniert ja, weil sich die allermeisten von uns auf einen gewissen Verhaltenskodex verständigt haben. Dieses Gleichgewicht wird gestört, wenn sich ein Fremdkörper nach anderen Regeln verhält. Das gilt auch für die Person, die im autonomen Auto sitzt: Wenn sie die Verhaltensweisen des Fahrzeugs nicht beeinflussen kann, verliert sie schnell das Vertrauen zu ihm. Deshalb sollten wir versuchen, autonome Autos zu vermenschlichen – vielleicht mit einer Art Humanizer-Taste, die es uns erlaubt, in der Stadt auch mal Tempo 60 zu fahren. Aber wir müssen das Verhalten des Menschen am Steuer erst noch besser verstehen, bevor wir es auf das Fahrzeug übertragen können.

Reich: Ich nehme einen anderen Blickwinkel ein: Wenn Fahrzeuge selbstständig fahren, wird der Verkehr defensiver werden, und es wird zu deutlich weniger Unfällen kommen.  

 

Fahren wir dann signifikant langsamer?

Keith: Das glaube ich nicht – eher fahren wir flüssiger. Ich bin ganz bei Andreas Reich: Pilotiert fahrende Autos können Leben retten. Der größte Fehlerfaktor ist nach wie vor der Mensch.

„Wir müssen das Verhalten des Menschen am Steuer erst noch besser verstehen, bevor wir es auf das Fahrzeug übertragen können.“

Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Professor für Physik von Transport und Verkehr, Universität Duisburg-Essen

HERE – digitales Abbild unserer Mobilität

In München gibt es etwa 1.200 Ampelanlagen, die meisten von ihnen funktionieren automatisch. Audi macht jetzt den nächsten Schritt: In mehreren Städten der USA beginnt 2017 die Vernetzung der Ampeln mit den Autos. Der Fahrer eines neuen Q7 oder A4 bekommt dann im Cockpit angezeigt, welches Tempo er fahren sollte, um die nächste Ampel bei Grün zu erreichen. Der neue Dienst kann den Kraftstoffverbrauch im Stadtverkehr um 15 Prozent senken. Parallel dazu erweitert Audi sein connect-Portfolio in Europa um die ersten Car-to-X-Technologien – die neuen Modelle werden Teil eines Schwarms. Sie melden erkannte Tempolimits oder Gefahrenstellen über das Mobilfunknetz an einen Server in der Cloud. Er sammelt sie, bereitet sie auf und stellt sie anderen Audi-Fahrern zur Verfügung – maßgeschneidert und immer topaktuell.

Die Connectivity und der Bereich Car-to-X sind untrennbare Bestandteile des pilotierten Fahrens – und jetzt erhält das ganze Technikfeld eine neue Plattform. Vor wenigen Monaten hat die AUDI AG gemeinsam mit der BMW Group und der Daimler AG den Kartendienst HERE erworben.

 

Herr Keith, was kann HERE künftig alles leisten?

Keith: HERE hat das Potenzial, ein digitales Abbild unserer Mobilitätswelt zu generieren – extrem präzise durch den enormen Detailgrad der Daten und hochaktuell durch den dynamischen Inhalt. Auf die zentimetergenaue Karte können wir viele Schichten an Informationen packen – von der Ampelschaltung über die Parkplatzinformation bis zum individuellen Verhalten der Fahrer am Steuer, das ein ganz wichtiger Aspekt ist. Für die Algorithmen, die man hier für präzise Vorhersagen braucht, gibt es einige Technologiefirmen in den USA oder auch in China, die sich auf das Gebiet von Artificial Intelligence oder Machine Learning spezialisiert haben – aus meiner Sicht ist es sinnvoll, sich mit einem solchen Anbieter auszutauschen.

 

Die Kommunikation läuft via Mobilfunk über das Backend von HERE, also über einen Server in der Cloud. Wie sicher sind die Daten der Kunden?

Reich: Wir sprechen von Security by Design – wir berücksichtigen das Thema schon ganz zu Beginn der Entwicklung. Und in der Elektronikarchitektur der Autos haben wir Firewalls und voneinander getrennte Steuergeräte, die verhindern, dass ein Hacker an Bremsen, Lenkung und Gaspedal herankommt.

 

Wie sieht es mit der Weitergabe von Kundendaten an Dritte aus?

Keith: Wenn wir heute Bewegungsdaten an einen Verkehrsfluss-Provider weitergeben, werden diese anonymisiert. Das muss auch so bleiben – wir werden weiterhin die personenbezogenen Entertainmentdaten von den Fahrzeugdaten trennen, die wir für Funktionen brauchen. Und von denen gibt es viele, weil unsere Autos lernende Systeme werden. Ein Radar-Tempomat etwa arbeitet künftig noch genauer, wenn wir seinen Regelalgorithmus über das Backend permanent optimieren.

Vision: Pilotiertes Fahren

Die Vision „pilotiertes Fahren“ hat viele gesellschaftliche Dimensionen. Eine davon hat Audi-Vorstandsvorsitzender Rupert Stadler unlängst skizziert: „Wir sehen den Audi von morgen als Arbeitsplatz, als Ort der Entspannung und als Erlebniswelt. Wenn die Autos der Zukunft automatisiert fahren, kann der Mensch seine Zeit an Bord anders nutzen. Er kommt schneller, bequemer und stressfreier ans Ziel. All das spart Zeit, und Zeit ist das größte Geschenk, das man heute machen kann.“

Verwandte Themen