Wenn die Arbeit mitreist

Sie haben ihr Büro im Handgepäck. Digitale Nomaden nutzen die Möglichkeit zu entscheiden, wo sie zum Arbeiten leben möchten und nicht umgekehrt. Zu ihren Lieblingszielen gehört unter anderem die Mittelmeer-Metropole Barcelona.

11.11.2018

An einem milden Dezembermorgen in Barcelona steht Victoria Venn, 36 Jahre alt, auf der Dachterrasse des Cloud Coworking Space mit Blick auf die Sagrada Familia und nimmt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Für die Beraterin im Bereich Online-Marketing ist es ein ganz normaler Arbeitstag, mit dem Unterschied, dass sie selbst bestimmen kann wann und wo er beginnt und wie lange er dauert. Das klassische Nine-to-Five hat die gebürtige Münchnerin vor sieben Jahren gegen die Selbstständigkeit eingetauscht, weil sie sich mehr persönliche Freiheit wünschte. Dann war da noch der Traum, das Reisen mit dem Arbeiten zu verbinden.

 

Die digitale Revolution macht’s möglich. Heute können Freiberufler wie Victoria überall ihren Laptop aufklappen, egal ob in Barcelona oder auf Bali. Sie nennen sich “digitale Nomaden” und arbeiten als IT-Experten, Grafikdesigner, Blogger, Texter, Programmierer, Softwareentwickler, Marketingfachkräfte oder Entrepreneure. Dieses ortsunabhängige und multilokale Arbeitsmodell prognostizierten die Autoren Tsugio Makimoto und David Manners bereits in ihrem 1997 erschienenen Buch “Digital Nomad”. Heute ist der Titel zum Sammelbegriff einer globalen Bewegung geworden. “Ich mag diese Bezeichnung eigentlich nicht besonders,” sagt Victoria. “Die Wenigsten führen ein Nomadenleben wie ein Backpacker.”

Victoria, die in den vergangenen Jahren neben Spanien auch noch in Vietnam, Australien, Kolumbien und den USA lebte, bleibt immer mehrere Monate an einem Ort. In den jeweiligen Ländern sucht sie sich eine Basis, von wo aus sie kleinere Trips in andere Regionen und Nachbarländer unternimmt. Denn alle zwei oder drei Wochen wieder weiterzuziehen würde ihr das Arbeitsleben nur unnötig schwermachen. Auch sie hat Deadlines, muss zuverlässig für ihre Kunden erreichbar sein und immer die jeweilige Zeitverschiebung berücksichtigen. “Man braucht sehr viel Selbstdisziplin,” sagt sie. Das Klischee mit Laptop in der Hängematte am Palmenstrand treffe auf die wenigsten zu.

 

Wer auf Country-Hopping dennoch nicht verzichten möchte, bucht Angebote von Travel-Agenturen wie WiFi Tribe, Remote Year oder Hacker Paradise, die sich auf die Bedürfnisse von digitalen Nomaden spezialisiert haben und ihren Kunden für rund 500 US-Dollar in der Woche Unterkunft und Arbeitsplatz in einer Community von Gleichgesinnten bieten. Gemäß dem Motto: “Zusammen arbeitet man weniger allein”, mieten die Reiseveranstalter Häuser auf der ganzen Welt, die zu Coliving Spaces avancieren. Diese Rundum-sorglos-Pakete seien vor allem praktisch für diejenigen, die gerade erst mit ihrem ortsunabhängigen Arbeitsleben beginnen und ausprobieren möchten, ob es für sie das Richtige ist, sagt Victoria. Sie selbst hat erst mal nicht vor, wieder ihre Koffer zu packen. Die Mittelmeer-Metropole ist ein Hub für digitale Nomaden.

 

“Barcelona bietet eine großartige Lebensqualität, gute Infrastruktur, unzählige Coworking Spaces, Kultur, Kreativität, das Meer, die Berge und eine lebendige Start-up-Szene,” erklärt Victoria.

Das sehen auch die digitalen Nomaden des Dynamite Club so. Jedes Jahr halten sie in der katalanischen Hauptstadt ihre Treffen ab. Mitglied der Community wird nur, wer als digitaler Nomade mindestens 5.000 US-Dollar Umsatz im Monat generiert. Gründer Dan Andrews gibt auf seinem Blog “Tropical MBA” Tipps für ortsunabhängige Entrepreneure. Er ist selbst einer, seine Firma baut mobile Bars. Als Standort hat er Südostasien ausgewählt. Das Wetter ist gut, die Flüge sind günstig und im Vergleich zu den USA oder Europa kann man hier für ein Viertel der Kosten ein eigenes Start-up gründen. Im Ranking der nomadlist, einer Plattform, die die besten Orte für Arbeitsnomaden bewertet, rangieren Bali und Chiang Mai auf den obersten Plätzen. 

 

Derzeit gibt es weltweit schätzungsweise eine halbe Million digitaler Nomaden, Tendenz steigend. Wie beliebt das mobile Arbeiten ist, zeigt auch eine Studie des Beratungsunternehmens PwC, in der sich jeder fünfte Befragte aus der Generation Y vorstellen konnte, von verschiedenen Orten aus zu arbeiten. Die multilokale Ich-AG eignet sich sicher nicht für jeden Lebensentwurf, aber auch Angestellte mit Familie profitieren von den Möglichkeiten, die das mobile Arbeiten von unterwegs oder im Homeoffice bietet. Mehr Flexibilität und Selbstbestimmung fördert die Zufriedenheit der Mitarbeiter und schafft damit auch einen Effizienzgewinn für die Unternehmen.

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