Doctor Speed

Dr. Vincenzo Tota ist leitender Teamarzt von Audi Sport. Der Italiener ist seit rund 30 Jahren Sportmediziner und Unfallchirurg. Fast 20 Jahre lang war er selbst aktiver Motorsportler und dabei zu Land und zu Wasser erfolgreich.

06.03.2019

BERUF RENNARZT

Die Spezialgebiete von Dr. Vincenzo Tota sind Sportorthopädie, Sportpsychologie, Unfallchirurgie und Osteopathie. Medizinische Erfahrungen sammelte der international anerkannte Facharzt und Fachlehrer in verschiedensten Motorsport-Kategorien und in der Raumfahrt.

Wie wurden Sie Rennarzt, Dr. Tota?

Dr. Tota: „Ich war Rennfahrer, als ich jünger war. Ich begann mit Motocross-Motorrädern, machte danach weiter mit Rallye-Autos und bestritt Langstrecken-Rallyes – vor allem in der Sahara. Noch als Student bestritt ich 1987 in Madagaskar die Camel Trophy und gewann dieses Marathon-Event. Das war der Schlüsselmoment meines Lebens. Denn danach entschied ich, meine beiden größten Leidenschaften zu kombinieren: Medizin und Motorsport. Hinzukommt: Ich stamme aus einer Ärztefamilie. Mein Großvater und mein Vater waren Ärzte. Auch das brachte mich zu diesem Beruf.“

Wie viel Vorteil bringt es Ihnen, dass Sie selbst Rennfahrer waren?

Dr. Tota: „Das ist ein Riesenvorteil. Rennfahrer haben mir gegenüber mehr Respekt. Denn sie wissen: Ich weiß genau, was los ist, wenn man den Helm aufsetzt und auf die Piste geht.“

Wann ist für Sie ein Renntag ein guter Tag?

Dr. Tota: „Das Einzige, was ich als Erfolg betrachte, ist der Sieg. Wenn wir alle als Team auf dem höchsten Level unserer Möglichkeiten agieren und den Siegerpokal nach Hause bringen.“

OPERATION AUDI SPORT

Seit 2015 ist Dr. Tota offizieller Teamarzt von Audi Sport. Mithilfe von mehreren Physiotherapeuten, teilweise auch mit weiteren Ärzten, organisiert und liefert er bei Rennveranstaltungen umfassenden medizinischen Service. Überall dort, wo Audi im Motorsport aktiv ist – in der Formel E, in der DTM und im Kundensport.

Wie unterschiedlich sind Ihre Rollen als Arzt in der Formel E, in der DTM und bei Audi Sport customer racing?

Dr. Tota: „Meine Arbeit für diese drei Programme von Audi Sport unterscheidet sich nur wenig. Das gesamte Team ist fantastisch: Ingenieure, Mechaniker, Manager und Fahrer, sie alle sind sehr ähnlich. Der Rhythmus ist allerdings hier und da etwas anders. In der Formel E ist es extrem kompakt. Dort passiert alles innerhalb von anderthalb Tagen. In der DTM sind es dreieinhalb Tage. Bei customer racing gibt es Langstreckenrennen, die bis zu 24 Stunden dauern. Das bedeutet einen ganz besonderen Rhythmus.“

Wie unterscheiden sich aus medizinischer Sicht Sprint- und Langstreckenrennen?

Dr. Tota: „Die physische und mentale Vorbereitung ist komplett anders. Mental betrachtet ist der Druck bei Langstreckenrennen grundsätzlich und über einen langen Zeitraum sehr hoch. Nicht nur beim Rennen selbst, sondern wie bei den 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring oder in Spa auch schon in der Woche davor. Vom Körperlichen her müssen die Fahrer fit sein, um ihre Konzentration aufrechtzuhalten. Sie brauchen außerdem einige Fettreserven, die sie mit ausreichend Energie versorgen und sie durch ein Langstreckenrennen bringen. Sprintrennen erfordern Fahrer, die so schlank wie möglich sind. Sie müssen ihre Stärke und Konzentration in einem kürzeren, dafür sehr intensiven Rennen aufrechterhalten.“

Wie sieht Ihre „Praxis“ an der Rennstrecke aus in den verschiedenen von Audi Sport betriebenen Motorsport-Projekten?

Dr. Tota: „Grundsätzlich ist bei uns alles mobil. Meine Kollegen und ich bringen zu jedem Rennen ein Medizinkit mit, also medizinische Ausstattung. In der Formel E reise ich mit diesem Medizinkit, weil es dort nicht mit dem anderen Material transportiert werden kann. An den Formel-E-Strecken arbeiten wir dann, wo Platz ist. Das ist mal in der Box des Teams, mal in einem Zelt außerhalb. Einen Arbeitsplatz speziell für mich habe ich nicht in der Formel E.“

Dr. Tota: „Ganz anders in der DTM: Dort haben wir den Luxus, im Fahrerlager einen eigenen Medizin-Truck für unsere Arbeit zu haben. Wir nennen ihn „Medi-Truck“. Innen ist er fast wie eine komplette Klinik ausgestattet. Beim Audi Sport customer racing haben wir rund um die Welt einige unserer Medizinkits verteilt, die bei Rennen zu den jeweils passenden Strecken gebracht werden. Für die größeren Kundensportevents in Europa, die 24-Stundenrennen Nürburgring und Spa, haben wir einen ähnlichen Medizin-Truck wie bei der DTM, im Übersee mieten wir einen Medizin-Truck oder Arbeitsräume in den Fahrerlagergebäuden.“

PATIENT RENNFAHRER

Vertrauen ist immer das A und O zwischen Arzt und Patient. Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Rennfahrer, die Sie betreuen?

Dr. Tota:
„Zum einen bin ich ein erfahrener Experte und kenne mich in meinem Beruf aus. Zum anderen testen Rennfahrer dich als Arzt immer wieder – mich auch. Sie wollen sich davon überzeugen, ob du wirklich ein Experte bist und dein Wissen auf aktuellem Stand ist. Also fragen sie dich immer wieder nach jedem Detail. Sie wollen sich sicher fühlen. Das puscht meine Kollegen und mich dazu, immer auf dem neuesten Stand der Technologie und der Forschung zu sein. Ich betrachte Rennfahrer übrigens wie jüngere Schwestern und Brüder. Und ich bemühe mich, ihnen in jeder möglichen Form zu helfen. All das trägt bei zu den Beziehungen, die ich mit Rennfahrern aufbaue. Der Kern ist dabei auf jeden Fall Vertrauen.“

Wie helfen Sie Ihren Fahrern bei der Ernährung?

Dr. Tota: „Das ist keine leichte Aufgabe. Rennfahrer müssen wissen, was sie essen sollten und was nicht. Das ist mal mehr, mal weniger schwer. Je nachdem, welche Verpflegung es am Rennplatz gibt. Das reicht bis zur hauseigenen Zubereitung durch das Hospitality-Team von Audi Sport bei der DTM und bei den 24-Stunden-Rennen von Audi Sport customer racing in Europa. Dort checke ich mit den Köchen vorher ab, dass unsere Fahrer gut verpflegt sind. So können wir sicherstellen, dass sie ausreichende, leicht verdauliche Mahlzeiten im zeitlich passenden Rhythmus bekommen. In der Formel E gibt es dagegen nur einen zentralen Caterer. Da ist es schwierig, die Fahrer essenstechnisch zu managen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Fahrer selbst wissen, was sie tun und wo die Grenzen liegen.“

Sie betreuen Ihre Fahrer auch auf der mentalen Ebene. Was machen Sie da?

Dr. Tota: „Ich unterstütze die Fahrer besonders beim Ärger-Management. Das bedeutet, ich rate ihnen grundsätzlich dies: ,Pack jeden Ärger, der während des Trainings oder Rennens in dir aufkommt, vor deinem geistigen Auge in eine Box! Schließ diese Box ab und stell sie weg!‘ Denn ein Fahrer kann es sich nicht erlauben, in Wut zu geraten, sie zu kompensieren oder darin hängen zu bleiben. Andernfalls sinkt unter Garantie sein Leistungsvermögen. Speziell im Rennen musst du dich auf die nächste Kurve konzentrieren statt auf Fehler, die du bis dahin gemacht hast. Fehler gehören zum Spiel. Und nach Fehlern müssen Rennfahrer so schnell wie möglich wieder nach vorne denken können.“

Wie sehr beeinflussen Ärger und Frust Rennfahrer generell?

Dr. Tota: „Das sind Schlüsselfaktoren, die den einen mehr, den anderen weniger beeinflussen. Das hängt von der Persönlichkeit ab. Der eine Fahrer lebt es aus, der andere nicht. Derjenige, der Ärger und Frust auslebt, zeigt, dass er nicht stark genug ist für den hohen Stress des Rennfahrerdaseins. Solche Fahrer brauchen Hilfe, um in diesem Punkt stärker zu werden.“

Sie lassen Rennfahrer auch Kick- und Thaiboxen trainieren. Welchen Nutzen hat das?

Dr. Tota: „Ich habe früher viele Motorrad-Rennfahrer für Lang- und Rundstrecke trainiert. Sie brauchen Speed, Wendigkeit, Koordination, Flexibilität und Rhythmus. Meiner Meinung nach verhilft dazu nichts besser als Kick- oder Thaiboxen. Natürlich nur die verschiedenen Trainingselemente, nicht der Zweikampf. Damit bekommst du eine komplette und gründliche Übungsroutine, die die Koordination des gesamten Körpers inklusive der Augen umfasst. Also genau das, was auch Autorennfahrer generell zum Beherrschen ihres Rennwagens brauchen.“

Wie ist die physiotherapeutische Arbeit bei Audi Sport organisiert?

Dr. Tota:
„Wir haben ein Team von Physiotherapeuten, das mit uns Ärzten zusammenarbeitet. Wegen des engen Zeitplans und des knappen Arbeitsraums bei den Formel-E-Rennen gehört dort Physiotherapie nicht zum Standardprogramm. Wenn Lucas (di Grassi) oder Daniel (Abt) aber zum Beispiel eine Massage brauchen, dann kriegen sie die am Abend vorher im Hotel. Bei der DTM und den großen Events von Audi Sport customer racing haben wir, wie schon erwähnt, unsere speziellen Behandlungsräume. Ein Physiotherapeut ist für einen Rennfahrer so wichtig wie ein Mechaniker für einen Rennwagen. Salopp ausgedrückt: Feintuning sorgt hier wie da dafür, dass die Maschine weiter perfekt arbeitet. Rennfahrer müssen sich immer wohlfühlen und fit sein. Physiotherapie hilft, dass all ihre Muskeln und Gelenke schmerzfrei sind und auf höchstmöglichem Level leistungsfähig.“

Welche Anforderungen im Rennwagen sind höher, die physischen oder die mentalen?

Dr. Tota: „Ein Rennwagen fordert einen Rennfahrer zuerst körperlich. Also muss er fit sein, um diesen Anforderungen standzuhalten. Das variiert von Rennauto zu Rennauto. In der DTM und im GT-Sport beispielsweise hat das Auto ein geschlossenes, deshalb mehr aufgeheiztes Cockpit und erzeugt höhere Fliehkräfte beim Beschleunigen, Bremsen und in den Kurven. Im Formel-E-Auto, mit offenem Cockpit und geringeren Fliehkräften, sind die Belastungen geringer. Die physische Kraft wird immer ergänzt durch die mentale Kraft. Es gibt im Motorsport viele Racer, aber nur wenige Champions. Champions sind diejenigen, die körperliche und geistige Stärke auf der Strecke in maximale Performance umsetzen können.“

Die Autos der DTM haben mit den dort 2019 neu eingeführten Turbomotoren 100 PS mehr Leistung. Wie reagieren Sie als Teamarzt auf damit verbundenen neuen Anforderungen an die Fahrer?

Dr. Tota: „Bei solchen massiven Veränderungen werden wir bei Audi Sport schon früh miteinbezogen. Jetzt sind die DTM-Fahrer neuen Kräften und neuen Vibrationen ausgesetzt. Dabei wird auch die Ergonomie innerhalb des Autos berücksichtigt: Kopfstütze und Sitz zum Beispiel. Auch, wie das Auto das Fahren über Randsteine verträgt und überträgt. Um all das kümmern wir uns beim Testen, lange vor dem ersten Rennen. Und wir stellen sicher, dass wir Mediziner immer an all diesen offenen Diskussionen teilnehmen. Das ist ein permanent weiterlaufender Prozess. Das Beste an der neuen Situation ist aber: Je mehr Motorleistung du Rennfahrern gibst, je besser finden sie das.“

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