Tokio

Die Zukunft der Kunst

Auf einer künstlichen Insel in der Bucht von Tokio hat das Künstlerkollektiv teamLab sein „Mori Building Digital Art Museum: teamLab Borderless“ errichtet. Täglich verlieren sich 7.000 Besucher in den interaktiven Illusionswelten, die mithilfe tausender Computer und Projektoren geschaffen werden.

09.04.2020 Text: Roland Hagenberg Foto: teamLab Lesezeit: 5 min

Digitales Exponat „Erinnerung der Topografie“
„Der schwerelose Wald vom mitschwingenden Leben“. Interaktive Kunstinstallationen als Freizeitvergnügen für Jung, Alt und Instagram. Bei teamLab Borderless im Tokioter Stadtteil Odaiba reagieren schwebende Blasen auf Berührung mit Licht und Sound. Besucher sind aufgefordert zu fotografieren und zu posten.

Sonntag in Tokio. Die ferngesteuerte Yurikamome-Bahn rast fahrerlos über die Rainbow Bridge. Passagiere drängen sich, als wären sie auf dem Weg zur Arbeit. Hinter ihnen die Skyline der 38-Millionen-Metropole. Vor ihnen der im Meer aufgeschüttete Landfleck Odaiba. Auch dort wachen Wolkenkratzer, heißt Freizeit Shoppen, fühlen Japaner Geborgenheit in der Menschenmasse.

Digitale Kunst auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern

Als Orientierungspunkte dienen ihnen Extravaganzen wie der zwanzig Meter hohe Anime-Roboter Gundam – im Kampfmodus. Die Freiheitsstatue aus New York – kopiert. Oder das Fuji-TV-Headquarter – einer futuristischen Kommandozentrale aus Sowjetzeiten nachempfunden. Dazwischen immer wieder Warteschlangen. Vierzig Minuten bei Starbucks. Eine Stunde unter dem Riesenrad. Zwei oder drei vor dem „Mori Building Digital Art Museum: teamLab Borderless“. So heißt die 10.000 Quadratmeter große Entertainmenthalle, der Name lang wie die Reihe der Wartenden – Eltern mit Kindern, Touristen voll digitaler Erwartung und Paare beim Daten.

Die Zukunft der Kunst verlangt, alle Grenzen der Wahrnehmung aufzulösen – deshalb das Wort ‚Borderless‘ in unserem Museum.

Ken Kato, teamLab

„Wandern durch eine Kristallwelt“. Die Skulptur aus LEDs reagiert auf Smartphones der Besucher. So entstehen Abertausende Lichtkombinationen. Hideaki Takahashi komponierte dazu sphärische Musik.

Weltweit hat teamLab, so heißt das Unternehmen, über 400 Angestellte. 80 Prozent davon sind Designer, Ingenieure, Mathematiker, Programmierer und Künstler. Ken Kato, ist einer von ihnen und verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit. Alle müssen anonym bleiben, zeichnen ihre Kunstwerke nur mit „teamLab“. Ausgedacht hat sich das vor siebzehn Jahren der ehemalige Mathematik-, Architektur- und Informatikstudent Toshiyuki Inoko. Unermüdlich treibt der heute 43-Jährige seine Kunstkommunarden an, dreidimensionale, digitale Environments zu gestalten. Sie sollen Betrachter aus der realen Welt reißen, zum Staunen bringen und interaktiv beteiligen. „Denn die Zukunft der Kunst verlangt, alle Grenzen der Wahrnehmung aufzulösen – deshalb das Wort ‚Borderless‘ in unserem Museum“, erklärt Kato.

Rund 7.000 Besucher strömen täglich durch das Digital Art Museum

Auf der Suche nach einem permanenten Zuhause holte sein Boss Inoko den japanischen Immobilienriesen und Museumsbetreiber Mori ins Boot. Gemeinsam eröffneten sie 2018 den Odaiba-Komplex. Ein Riesenerfolg. 7.000 Besucher täglich, die 25-Euro-Tickets auf Wochen im Voraus ausverkauft. Aus seiner grellen Schaltzentrale führt Kato in die pechschwarze Welt von Borderless. In der lauten, sphärischen Musik glaubt man sich zunächst allein. Instinktiv suchen die Augen nach Anhaltspunkten, Füße nach Bodengewissheit und Hände nach Hindernissen – bis die ersten traumwandlerischen Weggefährten erkennbar sind – zehn, fünfzig, dann Hunderte.

Staunend verbringen sie Stunden in einem Labyrinth, wo Essen und Trinken verboten ist, aber Instagram-Fotografieren erlaubt, ja sogar erwünscht – als Teil der Marketingstrategie. Vor dem Blumenfeld zum Beispiel, wo Mütter still stehen und sich Blüten öffnen und Blätter fallen, wenn die Mütter gehen. „Noch einmal, noch einmal!“, ruft ein Kind. Die Mütter drehen um, und das Spektakel beginnt von vorn.

In der Dunkelheit regnet es Schriftzeichen aus zehn Metern Höhe. Kinder versuchen sie einzufangen, doch beim Anfassen zerrinnen die Wörter. Ein leuchtender Schmetterlingsschwarm umhüllt Besucher. Nahtlos überlappen sich Räume und Themen. Der Schaum von meterhohen Meerwellen ähnelt Bildschirm-Schneerauschen. Sie schwappen hinüber zu hügeligen Fußböden mit krabbelnden Eidechsen und einem nebeligen Stroboskop-Gewitter. 

Digitales Exponat „Wald der Lampenresonanzen“
„Wald der Lampenresonanzen“. Steht ein Besucher still und eng bei einer Murano-Glaslampe, beginnt sie in einer bestimmten Farbe zu strahlen. Sie steckt dabei die benachbarten Lampen an, um sich über den gesamten Raum zu verbreiten. Von anderen Besuchern ausgelöste Farben vermischen sich beim Zusammentreffen.
Technologie befreit Kunst vom Material, vom Rahmen, treibt sie vom traditionellen Ausstellungs­raum hinaus in die Welt.

Ken Kato, teamLab

Die Effekte sind atemberaubend und die Grenzen des herkömmlichen Museums tatsächlich gesprengt. Weshalb man versucht, das Ungewohnte auf andere Weise einzuordnen, zum Beispiel an Diskotheken denkt oder Rockkonzerte, Disney World, ein Planetarium oder einen Raumflug im Imax-Format. In der futuristischen Kaleidoskop- Farbenpracht drängt sich sogar ein Vergleich mit den 1960er-Jahren auf. Hätte Hippie-Philosoph Timothy Leary damals die artLab-Technologie zur Hand gehabt (tausende Computer und Projektoren und ebenso viele Bewegungsmelder), hätte er dann seinen LSD-Experimenten abgeschworen?

„Wieder hat Kunst einen Wendepunkt erreicht“, sagt Kato. „Zuerst gab’s nur Kreide in Höhlen. Dann wetterfeste Materialien. Und schließlich Fotografie, was die Hauptfunktion von Malerei infrage stellte: das reine Abbilden. Technologie befreit Kunst vom Material, vom Rahmen, treibt sie vom traditionellen Ausstellungsraum hinaus in die Welt.“ Trocken fügt der Rechtsanwalt hinzu: „Ohne Team und entsprechende Finanzierung werden es Künstler in Zukunft nicht weit bringen.“ 

Anonymität ist ein wichtiger Aspekt für das Kollektiv teamLab

Fabrikmäßiges Kunstschaffen hat teamLab nicht erfunden. Schon Vatikan-Maler Michelangelo produzierte mit Heerscharen von Assistenten vom Band, während Popmeister Andy Warhol oft nur noch signierte. Die Stars von heute sind ihren Fußstapfen gefolgt. Bei Jeff Koons, Damien Hirst, Yayoi Kusama und Takashi Murakami spielen zudem Medienwirksamkeit und Vermarktung eine genauso große Rolle wie die Inhalte ihrer Kunstwerke – wenn nicht noch eine größere. Kein Wunder, dass Murakami als Erster die Arbeiten von teamLab ausstellte. TeamLab-Editionen waren in seiner Galerie Kaikai Kiki für 5.000 Dollar zu haben und sind heute das Zwanzigfache wert. Doch anders als bei Murakami kennt man die wahren Schöpfer nicht beim Namen. Das Kollektiv teamLab muss anonym bleiben.

Ob sich Sammler der Zukunft damit abfinden werden, Kunstobjekte zu besitzen, denen keine persönliche Lebensgeschichte anhaftet, kein über Jahrzehnte aufgebauter Mythos – das wird sich zeigen. Der Mensch war Jäger und Sammler, und in der Digitalwelt darf er es nach Herzenslust wieder sein. Aber er will auch weiter etwas nach Hause bringen, zum Anfassen, zum Aufbewahren einer sonst nur abstrakten Erinnerung. 

Weitere Standorte: Im November 2019 eröffnete das Künstlerkollektiv teamLab in der chinesischen Stadt Shanghai im Bezirk Huangpu sein zweites digitales Borderless-Museum. Auf 6.600 Quadratmetern finden Besucher 50 Installationen. In der deutschen Stadt Hamburg soll der erste europäische Standort einer teamLab Borderless Ausstellung entstehen. Im HafenCity-Quartier ist dafür eine Fläche von 5.000 Quadratmetern in Planung. Hamburgs Bürgermeister unterzeichnete in Tokio eine Absichtserklärung, ein genauer Zeitplan für das Museum steht jedoch noch nicht fest.

Digitales Exponat „Blumentiere. Symbiotisch“
„Blumentiere. Symbiotisch“. Den ewigen Kreislauf von Leben und Sterben erzählt teamLab mit einem blühenden Wald aus Tieren. Sobald Besucher sie kurz berühren, fallen Blätter. Zu lange – und die Blüten lösen sich auf, die Tiere sterben. Immer wieder berechnet dies das Computerprogramm neu, vermeidet so szenische Wiederholungen.

Kultureller Hintergrund der Teekultur

Als hätte teamLab dieses Dilemma erkannt, gibt es im Odaiba-Komplex ein Teehaus. Es heißt „En“, was Kreis bedeutet. Auch hier akzentuieren Lichtspiele die alles verschlingende Dunkelheit, formt sich im Zeitraffer ein meditativer Ring aus Tusche und Pinselspuren an der Wand, durchfluten wundersame Blumen die Tassen – auf den Millimeter genau in den grünen Tee projiziert. Der erste Schluck fühlt sich dann auch an wie geschlürft aus dem Weltall.

„Unser Teehaus gibt es nur einmal und nur hier. Das Erlebnis darf in Zukunft nicht mehr repliziert werden. Ist hier Schluss, vernichten wir Pläne und Programme“, sagt Kato. Ein Projekt, das den kulturellen Hintergrund der Teekultur berücksichtigt und durch praktische Forschung und Experimente versucht, sie durch digitale Kunst neu zu interpretieren und zu erweitern.

Wenn teamLab zertifizierte Programme und Kunsteditionen limitiert, um den Wert zu steigern, geschieht das freiwillig. Nicht aber, wenn eine Installation wie in Odaiba außerhalb Japans erst gar nicht gebaut wird. Zwar ist das noch nicht vorgekommen, andererseits gab es in Europa auch noch nie eine Eins-zu-eins-Übernahme des Odaiba-Projekts (Die Ausstellung „Massless“ im Jahr 2018 in Helsinki zeigte nur Teilaspekte.). 

Digitales Exponat „Der schwerelose Wald vom mitschwingenden Leben“
„Erinnerung der Topografie“. Ein Feld in einer gebirgigen Landschaft mit Insekten und großblättrigen Pflanzen. Im Wandel der Jahreszeiten wechselt das Licht von Kaltblau über Pastellgrün zu herbstlichem Gold. Die Bewegungen der Besucher beeinflussen den Flug der Insekten und den Luftstrom. Blütenblätter verstreuen sich in alle Richtungen. Reishalme beugen sich im Wind.
Jeder Einzelne kann heutzutage die Welt ändern – leichter als je zuvor. Was aber auch bedeutet, dass jeder auf meine eigene Welt viel leichter Einfluss nimmt. Das ist unser Schicksal.

Ken Kato, teamLab

Japaner sind bekannt dafür, dass sie lieber den Müll mit nach Hause nehmen, statt achtlos wegzuwerfen. Finder von Geldbörsen gehen zur Polizei. Menschenmassen stellen sich vor der U-Bahn in Reih und Glied an – unaufgefordert. Respektvoller Umgang mit einer Welt, die alle teilen, gehört zu den Spielregeln. Jeder hält sie ein. Und deshalb überleben in Odaiba die künstlichen Blumenfelder unbeschadet. Auch der Wald aus Kristallstäben bleibt heil, die weichen Teppiche, die Glaslampenschirme aus Venedig, selbst wenn täglich 7.000 Bewunderer hautnah durchmarschieren.

Fraglich ist auch, ob Behörden westlicher Nationen aus Sorge um die Sicherheit der Besucher eine Präsentationsplattform wie diese durchgehen lassen würden. Das dunkle 10.000-Quadratmeter-Labyrinth überrascht mit Unebenheiten und Stufen. Aber vielleicht ist es genau diese Herausforderung, die das Kollektiv braucht, um als Avantgarde glaubwürdig zu bleiben. Was, wenn wirklich alle Grenzen gefallen sind? Wie unterscheidet sich dann teamLab Borderless von Disney World, einer Diskothek oder einem Rockkonzert? Rechtsanwalt Kato sieht es gelassen. „Jeder Einzelne kann heutzutage die Welt ändern – leichter als je zuvor. Was aber auch bedeutet, dass jeder auf meine eigene Welt viel leichter Einfluss nimmt. Das ist unser Schicksal. Ändern können wir es nicht. Warum also Angst haben?“

„Lichtschale II“. Räume und Objekte formen sich aus Lichtlinien, schmiegen sich an die Besucher, die selbst zur Formgebung beitragen und Teil der Installation werden. Auch dafür hat Hideaki Takahashi die Hintergrundmusik komponiert.

Toshiyuki Inoko, Gründer teamLab

Der Gründer von teamLab, Toshiyuki Inoko, ist auf Japans südlicher Insel Shikoku aufgewachsen – Heimat des legendären Bildhauers Isamu Noguchi. Architekt und Pritzker-Preisträger Toyo Ito hat dort 2011 sein Architektur-Museum Tima eröffnet.

Waterfalls Audi

Aus 16 Metern Höhe lässt teamLab einen digitalen Wasserfall auf einen Audi R8 prasseln. Spritzer und Tropfen reagieren interaktiv, und so unterzieht sich der Wasserfall einem ständigen Wandel. Die Kunstinstallation entstand vor einigen Jahren für das Audi Forum Tokyo.

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