Wien

Digitalisierung und Kunst

Die Galeristin Nathalie Halgand eröffnete 2016 ihre eigene Galerie in der Nähe des Wiener Naschmarkts. Damit beendete sie in der österreichischen Metropole eine Phase von knapp zehn Jahren, in der keine Galerien von jungen Unternehmern gegründet wurden. Ein Interview über die Kunstszene im Zeitalter von Digitalisierung und Social Media.

28.03.2019 Text: Birte Mußmann
Fotos: Hanna Putz Lesezeit: 6 min

Galerie Halgand Wien

Mit Ihrer Galerieeröffnung haben Sie frischen Wind in die Wiener Szene gebracht. Braucht auch eine gut aufgestellte Branche von Zeit zu Zeit neue Impulse?
Nathalie Halgand:
Ja, auf jeden Fall. Für die Szene im Allgemeinen war das ein guter und wichtiger Impuls. Wien ist ja irrsinnig spannend als Kunststadt. Gerade im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Es gibt viele Institutionen und Project Spaces. Darunter sind auch viele gewagte Sachen. Die Institutionen zeigen Ausstellungen auf höchstem Niveau. Außerdem ist ein notwendiger Dialog zwischen jungen und alten Galerien entstanden. Wir wurden wirklich sehr nett empfangen. Und wir hatten großen Respekt vor den Betreibern der alten Galerien, denn sie haben einiges geleistet. Das Galeristendasein ist wirklich ein taffes Business.

Was macht denn dieses Business so taff?
Es ist harte Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Der klassische 24/7-Job. Zudem ist es sehr teuer, eine Galerie zu betreiben. Es dauert eben, einen Nachwuchskünstler entsprechend aufzubauen. Bis die Nachfrage nach Werken da ist, können mehrere Jahre vergehen – drei oder vier, manchmal auch zehn. Das geht keinesfalls von heute auf morgen. In Österreich kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, der das Business so taff macht: Bei uns gibt es keine stark ausgeprägte Sammlerkultur wie in Deutschland, England oder Frankreich. Daher muss eine Galeristin oder ein Galerist in Österreich viel unterwegs sein und sich auf internationaler Ebene präsentieren. Vieles findet auf Messen statt – dort ist der Wettbewerb intensiv. Da sind Einfallsreichtum und Durchsetzungsvermögen gefragt, um sich gegen seine Mitstreiter durchzusetzen, wenn das Interesse an einer kunstschaffenden Person besteht.

Nicht nur die Kunst muss mich überzeugen, auch die Person dahinter.

Nathalie Halgand

Galeristin Nathalie Halgand

Nathalie Halgand in ihrer Galerie am Wiener Naschmarkt.

Wie handhaben es denn die Galerien: Gehen Sie auf die Kunstschaffenden zu? Oder sollten diese den ersten Schritt in ihre Richtung wagen?
Es gibt ein unausgesprochenes Gesetz: Ich finde den Weg zu den Künstlern. Es ist quasi ein No-Go, dass die Künstler die Galerie anschreiben. Erfahrungsgemäß ist das nicht oft von Erfolg gekrönt. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Ich bekomme schon recht häufig Portfolios. Aber häufig passen sie überhaupt nicht zu der individuellen Linie meiner Galerie. Das lässt den Eindruck entstehen, dass die Person sich damit nicht ausreichend auseinandergesetzt hat. Das finde ich schwierig. Da höre ich lieber darauf, wenn mir Künstler von anderen Künstlern berichten, die ganz toll sein sollen. Oder auch Kuratoren. Da wird meist sehr kritisch begutachtet und nur eine Empfehlung ausgesprochen, wenn der Tippgeber wirklich überzeugt ist. So eine Empfehlung geht dann meist auf.

Welche Rolle spielt der Faktor Mensch bei der Auswahl?
Dieser Faktor ist mir sehr wichtig. Nicht nur die Kunst muss mich überzeugen, auch die Person dahinter. Die Chemie muss einfach stimmen. Ansonsten kann daraus nicht das notwendige Vertrauensverhältnis entstehen. Es gibt in unserer Branche keine Vertragskultur, da muss in den meisten Fällen eine bloße Absprache ausreichen.

Die Digitalisierung macht Kunst greifbarer.

Nathalie Halgand

Kommen wir vom Mensch zur Technik: Hat die Digitalisierung einen Einfluss auf die Galerielandschaft?
Die Digitalisierung hat einen großen Einfluss. Das wurde beispielsweise durch die Einführung von Instagram ziemlich deutlich. Hier in Österreich waren wir ein wenig später dran als in den USA. Mittlerweile nutzen jedoch viele Galerien diesen Kanal als Marketing-Tool. So entsteht die Möglichkeit, Interessenten die Räumlichkeiten, Ausstellungen und Künstler näherzubringen. Das macht das Ganze greifbarer. Und das Konzept geht zumindest auf digitaler Ebene auf: Die Follower-Zahlen steigen. Denn hauptsächlich nutzen Menschen das Internet und Social Media, um sich über Künstler und Werke zu informieren. Der Verkauf erfolgt jedoch größtenteils über die Galerien – also persönlich. Auch wenn die Online-Verkaufszahlen in den letzten Jahren ein wenig gestiegen sind.

Die Follower-Zahlen steigen. Wie sieht es denn mit den Besucherzahlen in den Galerien aus?
Es gibt leider die Tendenz, dass Menschen immer weniger in Galerien gehen. Das liegt allerdings aus meiner Sicht nicht an Online-Auftritten oder den Social-Media-Kanälen. Für mich ist das Überangebot der Branche daran schuld. Neben den Ausstellungen und einem bunten Potpourri an Events gibt es weltweit fast wöchentlich zusätzliche Kunstmessen. Und die erfreuen sich großer Beliebtheit. Das führt dazu, dass alle auf den Messen sind, aber fast niemand mehr in die Galerien kommt. Diese Problematik hat dazu geführt, dass sich bereits Initiativen bilden: Ich weiß beispielsweise von einer Kollegin aus Zürich, dass sie sich mit zwei weiteren Galeristinnen einen Space mietet. Sie teilen sich eine Praktikantin, teilen sich das Lager. Alle zwei Wochen bespielen sie diese Räume. Nebenbei haben die Galeristinnen dann dank Arbeitsteilung genügend Zeit, um zu reisen. Dadurch können sie Messen besuchen und neue Künstler und Kunstinteressenten akquirieren.

Das heißt, die Branche braucht eine Überarbeitung?
Ja, zumindest werden die Stimmen lauter, die solche Maßnahmen fordern: Immer mehr Galerien hinterfragen, ob so viele Kunstmessen wirklich die optimale Lösung sind. Es ist das oft thematisierte Überangebot. Anstatt ständig herumreisen zu müssen, würden es viele bevorzugen, sich verstärkt und in Ruhe auf Projekte und Kollaborationen im Rahmen der eigenen Galerien konzentrieren zu können.

Galerie Halgand Wien
Nathalie Halgand möchte ihre individuelle Linie in der Galerie zum Ausdruck bringen.
In Asien entsteht eben­falls ein riesiger Markt.

Nathalie Halgand

Galeristin Nathalie Halgand

In Zukunft wird sich Nathalie Halgand auf projektbezogene Ausstellungen ohne festen Ort fokussieren.

Lässt sich die moderne Kunstwelt überhaupt noch in klassische Strukturen unterteilen?
Ich habe das Gefühl, alles ist sehr weit und offen. Früher wurde der abstrakte Expressionismus in New York verortet, die Kubisten in Paris. Diese extremen abgegrenzten Ballungsräume gibt es nicht mehr. Auch nicht die klassischen Kunstzentren oder -schulen. Das hat sich alles etwas aufgelockert. Das mag mit der Globalisierung zusammenhängen. Trotzdem wird New York natürlich niemals seinen Ruf als Kunstmekka verlieren. Aber auch in Asien – beispielsweise in China – passiert ziemlich viel. Da entsteht ein riesiger Markt. Südafrika ist derzeit auch im Trend. Es gibt immer gewisse Hypes und Tendenzen – so wie unter anderem die digitale Kunst. Sie war eine Zeit lang ein großes Thema, das ist sie aktuell nicht mehr. Es lässt sich nichts exakt festlegen. Alles ist im Wandel. Alles ist im Fluss.

Analog versus digital: Was macht für Sie den Reiz aus, Kunst nicht auf einem Bildschirm anzusehen?
Ich finde, dass man Kunst erleben muss. Auf einem Bildschirm sieht Kunst ganz anders aus. Erst wenn du davorstehst, kannst du alle Details erfassen und diese gewisse Aura spüren. Meist ist das Werk bei einer Ausstellung eingebunden in einen Kontext, den du oftmals im Internet nicht hast. Und man hat die Möglichkeit, den Künstler oder die Galeristin zu treffen. Das Vermitteln spielt schon eine wichtige Rolle.

Trotzdem bin ich auch der Überzeugung, dass moderne Technologie in diesem Bereich mehr und mehr Einzug halten wird. Ich denke dabei an Augmented Reality, Virtual Reality und künstliche Intelligenz. Es gibt bereits Museen, die so etwas nutzen. Irgendwann wird die Technologie so gut sein, dass dem physischen Raum nicht mehr so eine wichtige Bedeutung zukommt.

Abschließend noch eine persönliche Kunstfrage: Wenn Sie sich ein Kunstwerk Ihrer Wahl aussuchen dürften, um es in Ihr Wohnzimmer zu hängen, von welchem Künstler oder welcher Künstlerin wäre es?
Da muss ich nicht lange überlegen: definitiv von Agnes Bernice Martin! Sie ist 92 Jahre alt geworden und hat bis zum Schluss gemalt. Ich finde Künstlerinnen sowieso faszinierend, aber Agnes Bernice Martin hat es mir besonders angetan. Sie hat sich in einer Männerdomäne nicht unterkriegen lassen. Das bewundere ich sehr. Ihre Werke strahlen so eine Ruhe aus. Sie haben so etwas Kontemplatives. Werke von Agnes Bernice Martin haben sie, diese faszinierende Aura. Es passiert zwar nicht so viel auf dem Bild, aber es strahlt. Von weitem wirken sie sehr perfekt, wenn man näher rangeht, sieht man Bleistiftstriche und Imperfektion. Das gefällt mir. Sie hat zeitlose Kunst geschaffen. Und irgendwie haben diese Werke eine Zen-Wirkung auf mich. Das ist ein guter Kontrast zu der Schnelllebigkeit unserer modernen Welt, die ein immer rasanteres Tempo an den Tag legt.

Galerie Halgand Wien
Nathalie Halgand schwarzweiß Portrait

Nathalie Halgand

Die 35-Jährige ist in einem internationalen Kontext zwischen drei Welten aufgewachsen. Und auch die Liebe zur Kunst findet ihre Wurzeln in der Familiengeschichte: Vater und Tante widmeten sich der Malerei. Nathalie Halgand begann nicht mit einem Kunst-, sondern mit einem Wirtschaftsstudium. Es sollte ein kurzer Ausflug bleiben. Nach ein paar Monaten entschied sie sich gegen die Wirtschaft und für die Kunstgeschichte. Gegen Ende ihres Diplomstudiums ergab sich dann mehr oder minder zufällig eine gute Gelegenheit: Während ihrer Abschlussarbeit, lernte sie Nicholas Platzer kennen. Dieser fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, mit ihm einen Project Space zu betreiben. Darauf folgten rund fünf Jahre, in denen sie erste wichtige Erfahrungen in den Bereichen Projektmanagement, Kommunikation mit Künstlern und Beantragen von Fördermitteln sammeln konnte – frei nach dem Prinzip „Learning by Doing“. Diese Erfahrung erwies sich als ein wichtiger Grundstein für ihren heutigen Status als eigenständige Galeristin und Art Consultant.

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