Izumi Miyazaki

Soziale Medien bieten viel Freiraum für Kreativität. Eine neue Generation von Netzkünstlerinnen spielt gekonnt damit. Die Japanerin Izumi Miyazaki ist eine von ihnen.

30.01.2019 Text: Birte Mußmann – Foto: Izumi Miyazaki, courtesy bergonzofirstfloor, VFMK Verlag für Moderne Kunst Lesezeit: 4 min

Izumi Miyazaki

Als Anfang der 90er-Jahre das Internet entstand, war dies ein Meilenstein der technologischen Entwicklung. Die Reichweite, die dieses Projekt in kürzester Zeit erzielen sollte, konnten zu dem Zeitpunkt nur die wenigsten erahnen. Heute, knapp 30 Jahre später, hat sich dieses Bewusstsein verändert: Das Internet ist allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken. Aus den rudimentären Websites von damals sind Multimedia-Channels geworden, soziale Netzwerke sind förmlich aus dem Boden geschossen. Es scheint, als wäre unsere Gesellschaft mittlerweile häufiger on- als offline. Dabei gilt der Grundsatz „sharing is caring“: Im digitalen Zeitalter werden Fotos, Videos und Gedanken wie selbstverständlich mit den entsprechenden Fans oder Followern geteilt. Und von der Gegenseite kommentiert – mal wohlwollend, mal unverblümt und kritisch. Diese neu entstandene Welt hat auch Künstler angelockt, die das Internet als Bühne nutzen – wie beispielsweise die japanische Fotografin Izumi Miyazaki.

"Netzkünstlerinnen 2.0"

Die 24-Jährige macht ihre Fotografie über die Blogging-Plattform Tumblr zugänglich. Damit reiht sie sich in eine neue, junge Generation von Künstlerinnen ein, die digitale Plattformen mit der entsprechenden Selbstverständlichkeit der Digital Natives nutzt, obwohl der Schaffensprozess der Kunst nicht von Anfang an darauf abzielt. Trotzdem ein logischer und unausweichlicher Schritt, der Vorzüge mit sich bringt? „Das Internet und die sozialen Medien haben es möglich gemacht, dass sich eine neue Generation Künstlerinnen miteinander vernetzt und Gehör verschafft“, erklärt Anika Meier, die sich für eine Ausstellung  im Museum der bildenden Künste in Leipzig mit dem Thema „Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0“ auseinandergesetzt hat. Auch Werke der jungen Japanerin Miyazaki wurden dort gezeigt. „Diese Netzkünstlerinnen übertragen ihr Leben, spielen Charaktere, schaffen Alter Egos, schlüpfen in Rollen und führen so Stereotype, Klischees und Archetypen vor Augen. Sie verwischen bewusst die Grenzen zwischen Kunst und Leben – manchmal bis zur Unkenntlichkeit.“

Permanente Selbstdarstellung ist meine Art der Satire mit Bezug auf die Selfiegesellschaft der Sozialen Netzwerke.

Izumi Miyazaki

Die Social-Media-Kanäle bieten ausreichend Freiraum, um sich auszuprobieren, Kunst zu verbreiten – und sich dabei gleichzeitig intensiv mit dem Internet und dem Einfluss des genutzten Mediums auf die Kunst zu beschäftigen. So ist eine neue Form des Dialogs entstanden. Kunstgeschichtlich nichts Ungewöhnliches, denn Kunst wurde schon immer diskutiert. Im 21. Jahrhundert geschieht dies vermehrt auf digitalem Wege. Dabei verändern die sozialen Medien nicht nur den Austausch zwischen Kunstliebhabern oder -kritikern, sondern auch das Dargestellte. Die digitale Welt ist schnelllebig, überflutet von Daten und durch entsprechende Sehgewohnheiten geprägt. Es herrscht ein anderes Tempo als in großen, hohen Räumen einer analogen Galerie.

Izumi Miyazakis Verhältnis zu Social Media definiert sie selbst als „mysteriös“ und fügt hinzu: „Soziale Medien bieten Raum für Interaktion. Mir fehlt dabei jedoch das echte Gefühl für die Person, die dahintersteckt. Unmittelbare Emotionen beim Betrachten meiner Arbeiten lassen sich durch die Anonymität des Netzes zum Teil schwer einfangen. Während einer analogen Ausstellung ist das anders.“ Darüber hinaus gilt es eine gewisse Netiquette zu befolgen. Ansonsten droht das Löschen von Arbeiten oder die Sperrung von Profilen. Eine neu definierte Angst der Postmoderne, die einem feministisch-künstlerischen Ansatz im Netz gegebenenfalls Grenzen aufzeigt. In erster Linie, was die Darstellung des weiblichen Körpers betrifft. Daher müssen sich weibliche Künstler oftmals anderer Stilmittel behelfen als in der analogen Welt.

„Die Selbstporträts von Izumi Miyazaki sind grotesk und surreal. Sie karikiert die Selbstinszenierung und überspitzt den Charakter der Performance, den Selfies mit sich bringen, weil sie Auskunft über den Moment geben sollen. Sie porträtiert sich vor dem Spiegel oder mit Essen, so wie Millionen Menschen, die täglich Selfies und Food Porn in den sozialen Medien teilen. Wäre da nicht die ironische Brechung“, beschreibt Anika Meier die Arbeiten der Japanerin in dem aus der Ausstellung über die neue Generation der Netzkünstlerinnen resultierenden Buch. Miyazakis permanente Selbstdarstellung ist ihre Art der Satire, die auf die Selfie-Kultur der sozialen Netzwerke verweist. Die Japanerin begibt sich dafür in die Perspektive der social-media-zugewandten Generation C und wandelt sie in ihren eigenen künstlerischen Ansatz um. „Ich hatte lange Zeit einen Minderwertigkeitskomplex, fühlte mich niedergeschlagen. Dadurch entstand die Sehnsucht, leichte und spielerische Kunst zu schaffen, um auf fröhlichere Gedanken zu kommen. Ich begann also, Selbstporträts zu machen – für mich, nicht für andere“, erklärt Izumi Miyazaki.

Es scheint, als wolle die Japanerin mit ihren Arbeiten die Wahrnehmung des Betrachters herausfordern und für Details schärfen. Sie lädt die digitale Schnelllebigkeit zum Verweilen ein, um in Ruhe die Bildwelt nach Details zu erkunden. Dass die Herangehensweise Miyazakis Zustimmung findet, erklärt sich vor allem mit ihrem Auftreten als durchschnittliches Mädchen. Anika Meier bringt dies auf den Punkt: „Ihre Fotos stillen einen Hunger nach Bildern, die dem Massenphänomen Selfie mit Selbstironie statt Selbstverliebtheit begegnen.“ Obwohl die Blogging-Plattform Izumi Miyazaki zu viel Aufmerksamkeit in der Kunstszene und beim breiten Publikum verholfen hat, gönnt sie sich derzeit eine kleine Netz-Auszeit. Hin und wieder spielen sich eben doch nicht alle Dinge im Leben online ab, sondern auch offline. Ein Leben abseits der Datenflut erscheint immer häufiger wie ein kostbares Gut. Nicht nur für Netzkünstlerinnen.

Izumi Miyazaki

Izumi Miyazaki wurde 1994 im japanischen Yamanashi geboren. 2016 machte sie ihren Abschluss an der Musashino Art University. Bereits während ihres Studiums veröffentlichte sie erste Selbstporträts auf Tumblr. Mittlerweile ist sie eine professionelle Fotografin und stellt ihre Bilder sowohl in Japan als auch in Übersee aus.

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