Straight outta Vienna

Mavi Phoenix wird als die neue große Musikhoffnung Österreichs gefeiert. Und das in einer Disziplin, die von Männern dominiert wird – dem Rap. Für die junge Künstlerin eher eine Motivation als ein Hindernis. Denn zu ihren Skills gehört vor allem eins: unerschütterliche Zielstrebigkeit.

26.02.2019 Text: Birte Mußmann Fotos: Hanna Putz Lesezeit: 7 min

Mavi Phoenix

Die 23-jährige Österreicherin sitzt auf dem Bett mitten in einem Klamottenberg. Neben dem Bett steht ihr Rollkoffer, der sie auch auf der gerade abgeschlossenen mehrwöchigen Tour begleitet hat. Sie war schon lange nicht mehrere Tage am Stück in ihrer derzeitigen Wahlheimat Wien. Trotz der vielen Termine und dem damit verbundenen Stress wirkt sie entspannt. Lacht viel und erzählt mit einem unverkennbaren österreichischen Dialekt von den Wochen in einem Minivan. „Das Unterwegssein mit der Crew hat mir schon getaugt. Aber ich glaube, ich bin nicht der typische Kandidat, der über Wochen aus dem Koffer lebt.“ Sie grinst mit einem Blick auf die sie umgebende Unordnung, streicht die Haare aus dem Gesicht. Für das anstehende Fotoshooting ist sie nicht aufwendig geschminkt, sondern wie alles an ihr wirkt auch das Make-up unaufgeregt. Dennoch: Ein eigenes Haarspray hat sie dabei, um notfalls kleine, abstehende Härchen ihres blondierten Long-Bobs für die Fotos zu bändigen.

Als Frau erntet man für typische Macho-Posen auf der Bühne auch in der heutigen Zeit noch skeptische Blicke.

Mavi Phoenix, Musikerin

Trotz ihres jungen Alters ist sie in solchen Dingen schon absoluter Profi. Schnell und zielstrebig wählt sie ihr erstes Outfit aus. Mavi Phoenix trägt angesagte Sneaker mit lässig hochgezogenen Sportsocken. An einem Paar ihrer Schuhe befinden sich kleine Applikationen, die sich austauschen lassen. Kombiniert mit Trainingshose, Shirt und Jeansjacke. Dazu verspielte bis coole Accessoires wie eine Gürteltasche in Schlangenleder-Optik oder selbst gemachte Armbänder aus dem Merchandise-Angebot der letzten Tour. Sie experimentiert gern. Das betrifft nicht nur die Musik. „Es geht vor allem um Selbstfindung. Ich bin heute viel näher bei mir als in den Anfängen 2015/2016. Deshalb sehe ich das ganze Ding so positiv, weil ich durch die Musik und durch Mavi Phoenix mehr Selbstvertrauen gewonnen habe. Es ist toll, wenn man vor Leuten stehen kann, einfach so, wie man ist – und dafür akzeptiert wird. Das stärkt einen ungemein“, reflektiert sie. Die Selbstfindungsphase ist nichts Ungewöhnliches für einen Twen. Ihre Musikkarriere dagegen schon. David Bowie, U2 und Queens of the Stone Age – das ist der Soundtrack ihrer Kindheit. Geprägt durch die musikbegeisterten Eltern. Autofahrten spielten dabei eine Schlüsselrolle, denn die Eltern lebten getrennt.

Mavi Phoenix heißt mit bürgerlichem Namen Marlene Nader. Die Entscheidung, sich einen Künstlernamen zuzulegen, steht symbolisch für einen Neuanfang und ist in Anlehnung an den Schauspieler River Phoenix entstanden.

Einen Grammy zu gewinnen ist mein großes Ziel.

Mavi Phoenix

Mavi wuchs bei der Mutter in Linz auf, der Vater wohnte in Wien. Dazwischen lagen zwei Stunden Autofahrt. Nach dem Einsteigen wurde direkt Musik eingeschaltet und mitgesungen. Eine Tradition, die so selbstverständlich für die gebürtige Linzerin war, dass sie sich beim Mitfahren bei Eltern von Freunden stets wunderte, was denn los sei, wenn im Fahrzeug einfach nur Stille herrschte. Und auch die Möglichkeit, via MP3-Player Musik permanent an jedem Ort bei sich zu haben, war quasi eine Offenbarung für sie. Das weckte auch das Interesse an den technischen Möglichkeiten von Sounds. „Ich habe einfach eine Liebe zur Musik in mir. Das ist mein Weg.“ Aus dem ersten zaghaften Wunsch damals, eigenständig Musik zu machen, ist eine unerschütterliche Zielstrebigkeit entstanden: Auf die Frage, wo sich die Österreicherin in zehn Jahren bezüglich ihrer Musikkarriere sehe, antwortet sie mit einem breiten Grinsen: „Also eine der großen Auszeichnungen hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gern.“ Damit ist ein Grammy gemeint. „Oder zumindest eine Nominierung in ein bis zwei wichtigen Kategorien.“

Das mag sich im ersten Moment ziemlich ambitioniert anhören, doch der bisherige Verlauf ihrer musikalischen Karriere unterstreicht, dass dies nicht im Bereich des Unmöglichen liegt: Mavi Phoenix gilt als eine der größten Musikhoffnungen Österreichs. Nicht nur national, sondern auch international. Sowohl 2017 als auch 2018 wurde sie für den österreichischen Amadeus Award nominiert – unter anderem als „Künstlerin des Jahres“. Erste Schritte auf internationalem Parkett hat sie bereits absolviert. Auf der letzten Tour im vergangenen Herbst spielte sie nicht nur in europäischen Städten wie Wien, Paris, Rom oder Barcelona, sondern auch in den USA, in Los Angeles. Für Mavi Phoenix war das aus persönlicher Sicht der bislang größte Erfolg. „Ich liebe die Interaktion mit dem Publikum. Das war in allen Städten toll – aber vor einem Publikum mit Englisch-Muttersprachlern hat das noch mal eine ganz eigene Dimension. Der absolute Wahnsinn. Und natürlich gilt auch: Wer im Musikbusiness ganz vorn mitmischen möchte, der muss in den USA erfolgreich sein. Gerade in meinem Genre“, erklärt die Musikerin. Ihr besagtes Genre: Sprechgesang. Musikalisch einzuordnen im Bereich des Lo- Fi-Pop. Ihre Songs tragen Titel wie „Janet Jackson“, „Bite“ oder „Ibiza“.

Wien ist die derzeitige Wahlheimat der 23-jährigen Künstlerin. In der Stadt an der Donau findet sie die optimalen Voraussetzungen, um ihre Karriere zu pushen. Trotzdem könnte sie sich vorstellen, für die Karriere umzuziehen.

Das aktuelle Album „Young Prophet II“ können sich Fans und Interessierte im Netz über entsprechende Streaming- Dienste anhören oder auf Vinyl erwerben. Nach CDs von ihr kann man lange und vor allem vergeblich Ausschau halten. Ein Medium, das ihrer Künstlergeneration nicht mehr entspricht. Während Vinyl wieder – oder immer noch – einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Texte von Mavi Phoenix sind deutlich und direkt, dabei aber stets eingängig, ohne zu komplex zu werden. „Musik muss mich vom ersten Moment an abholen. Der Beat, aber auch der Text. Er soll nicht sinnleer sein, aber auch nicht völlig verkopft. Dieses Prinzip versuche ich auch auf meine Songs zu übertragen“, erläutert sie. Da Mavi eine englische Schule besuchte und ihr Englisch akzentfrei ist, waren deutsche Lyrics nie eine Option für sie. Auf der Bühne ist die Rapperin energetisch, zeigt lässige Posen oder wirbelt ihre Haare beim Headbangen herum. Sie liebt das Spiel mit dem Publikum – die Interaktion bei frenetischer Stimmung ebenso wie ironische Reaktionen ihrerseits auf die Crowd, die sich vielleicht nicht aktiv für einen Abend mit Mavi Phoenix entschieden hat. Da kann es durchaus mal einen frechen Spruch von der Rapperin geben. Stets mit einem Augenzwinkern natürlich. Denn ihr ist bewusst, dass auch solche Auftritte in den Anfängen dazugehören. Die Musikbranche mag – wie so viele Bereiche – durch die Digitalisierung schnelllebiger geworden sein und durch die Online-Angebote frei zugänglicher. Doch gewisse Grundregeln werden dadurch nicht außer Kraft gesetzt. Die Wahl-Wienerin geht damit gelassen um. Denn sie will schließlich nach ganz oben auf der Karriereleiter. Und dieses Ziel verliert sie niemals aus den Augen.

Ich finde es toll, dass in der heutigen Zeit jeder die Möglichkeit hat, Musik zu machen.

Mavi Phoenix

Auch der Umgang mit Kritik gehört zu ihrem Alltag als Künstlerin – ob in Bezug auf ihre Person oder ihre Musik. Zu den wohl prägnantesten und am häufigsten diskutierten musikalischen Erkennungsmerkmalen der Österreicherin zählt die automatische Tonhöhenkorrektur. Auch als Autotune bekannt. Ein Stilmittel, das sie sich nicht über Jahre angeeignet hat, sondern eher ein Erkennungsmerkmal seit der Stunde null. Denn den Grundstein ihrer Karriere legte damals ein Präsent ihres Vaters: Er schenkte ihr mit elf Jahren ein Apple MacBook. Mit den darauf vorinstallierten Musikprogrammen fing sie an, eigene Tracks zu arrangieren. Als Angehörige der Generation der Digital Natives fand sie durch stetiges Experimentieren leicht einen Zugang zu den technischen Hilfsmitteln. „Ich finde es toll, dass in der heutigen Zeit jeder die Möglichkeit hat, Musik zu machen. Wenn eine Person Spaß daran hat, warum nicht? Ich sehe das eher als Chance und nicht als Problem.“ Implementiert in eines dieser von ihr verwendeten Programme war der bereits erwähnte Autotune- Effekt, den sie bis heute nutzt. „Mir ist bewusst, dass ich nicht zu den besten Sängerinnen auf diesem Planeten gehöre. Daher verwende ich diesen Effekt gern, um aus meiner Stimme noch mehr herauszuholen. Dazu stehe ich. Wer allerdings denkt, dass ich überhaupt nicht singen kann, der irrt sich gewaltig.“ 

 

Fans werden in Zukunft auch Songs ohne Autotune zu hören bekommen. Weil sie sich keinesfalls von Kritikern in eine Schublade stecken lässt. Genau das zeichnet die junge Künstlerin aus: Sie hat eine eigene Meinung und äußert diese. Dabei scheut sie keine Diskussionen, sondern sucht den Dialog. Mavi Phoenix wirkt für einen Twen sehr reflektiert und hinterfragt Positionen. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Hasskommentaren auf Social-Media-Kanälen schenkt sie keinerlei Aufmerksamkeit. Die gibt es leider nicht gerade selten.

Ich möchte authentisch bleiben.

Mavi Phoenix

„Die Anonymität des Internets bietet wirklich den seltsamsten Menschen eine Bühne. Ich versuche solche Dinge nicht an mich heranzulassen. Häufig merkt man, dass sich diese Personen nicht im Geringsten mit meinen Texten oder mit mir als Künstlerin auseinandergesetzt haben.“ Dass das Musikbusiness taff ist, bekommt die junge, zierliche Frau in unterschiedlichsten Situationen zu spüren – beispielsweise auch, wenn sie typische Macho-Posen auf der Bühne zeigt. „Für einen Mann wäre das total normal. Wenn das eine Frau macht, scheint man auch im 21. Jahrhundert dafür hin und wieder noch skeptische Blicke zu ernten. Das ist doch verrückt.“ Mavi Phoenix lässt sich davon nicht beirren, sondern will Botschafterin dafür sein, dass auch Frauen stark sein dürfen. Diese Rolle wurde ihr ein Stück weit auferlegt – wie vieles in ihrer Karriere eher beiläufig, ohne dass sie es großartig eingefordert hat. Eine junge weibliche Rapperin, die ihre Meinung gerade heraushaut – das scheint für viele unausweichlich nach gelebtem Feminismus zu schreien. Das war für Mavi aber nie der Grund, so aufzutreten, wie sie es nun mal tut. Es ist für sie als politischer Mensch einfach selbstverständlich. „Mir ist es wichtig, authentisch zu bleiben.“ Daher hat sie sich auch bewusst für einen Künstlernamen entschieden, der ihrem bürgerlichen Namen ähnelt. Marlene ist Mavi. Mavi ist Marlene. Dabei möchte sie nicht das perfekte Beispiel für eine Frau im Musikbusiness sein. Sondern einfach ihr Ding machen. Zielstrebig. Wie eben für ihr Genre typisch: straight.

Mavi Phoenix
Bis zum Ende der Nacht

Kreativität 10.08.2018

Bis zum Ende der Nacht

Sie gilt als eine der interessantesten Künstlerinnen der internationalen Club- und Technoszene. Nina Kraviz, Produzentin, Sängerin und DJ, begeistert mit der universellen Sprache der Musik weltweit die Massen.

Diese Website verwendet Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Diese können Sie in Ihren Browsereinstellungen ändern.