Detroit

The new beat

Eine Stadt erschafft sich neu. Auferstanden aus Ruinen, wirkt die Kraft lokaler Initiativen wie ein Magnet auf die kreative Klasse der USA. Detroit war immer härter, herausfordernder, wilder als andere. Eine Reise in eine Stadt voller Hoffnung – und zu den Wurzeln des Techno.

01.03.2019 Text: Sabine Cole und Jan Schlüter, Fotos: David Fischer, Video: Simon Roloff, Musik: Juan Atkins Lesezeit: 8 min

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"Aus Detroit kam immer bahnbrechende Musik. Vielleicht ist es die besondere geografische Lage oder die Tatsache, dass die Stadt auf indianischen Kriegsgründen gebaut ist. Sicher ist: Detroit ist prädestiniert für Kreativität."

Juan Atkins - The Originator of Techno

„Wer kommt, um einen Beitrag zu leisten, wer uns wertschätzt, wer zu uns ins Viertel ziehen möchte, um mit uns zu leben, den empfangen wir mit offenen Armen. Wer sich bereichern will oder nur mal gucken, der bleibt besser weg.“ Ein Satz, der wohl auf die Gemütslage aller Detroiter zutrifft. Wir folgen Mose Primus, genannt Ambassador Mose, durch Yorkshire Woods. Es braucht wenig Fantasie, um sich hier eine ehemals schmucke Idylle aus Backsteinhäusern vorzustellen. „Früher war das eine lebendige Nachbarschaft. Dann verloren die Leute ihre Jobs und ihre Häuser. Die Finanzkrise 2007 gab uns den Rest. Vor ein paar Jahren haben wir beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wir reißen die Ruinen ein. Wir mähen den Rasen. Überall. Auch bei den verlassenen Häusern. Wir wollen die ehemalige Schule kaufen und renovieren. Auf dem Sportplatz werden wir wieder Baseball spielen!“ Erst einmal aber soll ein Community Space geschaffen werden, wo sich die Menschen aus der Nachbarschaft treffen und austauschen können. Unterstützt werden Mose und seine Mitstreiter von Detroit Future City. Die Stiftung versteht sich als Think Tank sowie strategische Hilfsorganisation und spielt eine entscheidende Rolle in der Revitalisierung von Detroit. Pier Amelia Davis ist zuständig für eines der sieben Stadtgebiete. Als „Land Use & Sustainability Coordinator“ sorgt sie dafür, dass lokale Projekte technische Ausstattung und finanzielle Unterstützung erhalten. Die Projekte bewerben sich selbst um eine Förderung. So wird sichergestellt, dass Hilfe nicht von oben aufgezwungen wird, sondern nur gefördert wird, was die Communitys selbst entschieden und geplant haben. Pier arbeitet seit einem halben Jahr bei Detroit Future City. Ihr Studium beendete sie vor nicht allzu langer Zeit. Pier kommt aus Michigan und hat sich bewusst für Detroit entschieden. „Hier habe ich die Möglichkeit, etwas zu gestalten. Ich kann einen Unterschied machen.“ Diesen Satz werden wir noch öfter hören. Junge, gut ausgebildete Menschen, die alle Optionen haben, aber eben auch das Bedürfnis, etwas zu verändern, sie entdecken Detroit für sich.

Juan Atkins auf einem Parkdeck in Downtown
Juan Atkins auf einem Parkdeck in Downtown Detroit am Detroit Institute of Music Education, in dem er früher unterrichtete. Die verspiegelte Sonnenbrille ist Markenzeichen aller Artists, die bei Deep Space Radio performen.

Terrence West ist Marketing- und Kommunikationsmanager am Michigan Science Center. Als wir ihn im Artist Village Detroit treffen, will er aber für sich persönlich sprechen. Denn Terrence ist genau da aufgewachsen, wo Detroit wehtut. Damals und heute immer noch. Old Redford heißt das Viertel, in dem Terrence als eins von neun Kindern – man muss es wohl so sagen – ums Überleben gekämpft hat. Er zeigt uns sein Lieblings-Graffiti. Ein Junge sitzt auf der Spitze eines Balkens, dem Himmel nahe. Er ist dort oben, weil eine Gruppe von Kindern unten den Balken wie eine Wippe festhält. Terrence liebt die Analogie dahinter. „Meine Hood hat dafür gesorgt, dass ich nach oben gekommen bin. Die anderen haben hier ausgehalten, damit ich gehen konnte, sie haben mich unterstützt. Ich bin der Junge oben auf dem Balken.“ Terrence erkannte seine Chance, sah, was man erreichen kann, und auf welche Art dies gelingen kann. „Die Kids hier haben ja keine positiven Beispiele. Woher sollen sie wissen, wie arbeiten geht, wenn keiner da ist, der Arbeit hat und es ihnen vormacht? Wie sollen sie wissen, wie ein sehr gutes Sandwich mit tollem Rindfleisch schmeckt, wenn sie nie eins probieren können? Man muss raus hier, die engen Grenzen überwinden, um zu wissen, wofür es sich überhaupt zu kämpfen lohnt.“

 

Für ein Porträt bittet er uns in eine kleine Gasse, an die das Artist Village Detroit grenzt. Der erfolgreiche Künstler Chazz Miller unterstützt das Nachbarschaftsprojekt. Er hat die Wände hier gestaltet, sein Atelier befindet sich um die Ecke. An den Wänden der Gasse verewigte er die Götter Motowns in Graffitis: Michael Jackson und Prince. Armut ist in Detroit allgegenwärtig. Musik aber genauso, sie ist der Stolz der Menschen hier. Ob er Techno hört, wollen wir zum Abschied wissen, die Musik, die erfunden wurde, als Motown irgendwann keine neuen Ideen mehr hatte. Er grinst breit. „Natürlich. Aber wir hier hören Ghetto Tech.“ Die Dance Moves dazu sähen einfach besser aus. In Detroit gibt es trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen Härte einen kreativen Geist, der immer wieder zu vor allem musikalischen Innovationen führte. Als wichtigsten Beitrag zum aktuellen Neuanfang darf man wohl die Erfindung des Techno anführen. Techno ist schwarz. „Black music from Motown, Detroit.“ Unbestreitbar erfunden vor rund 35 Jahren von einem Mann, den sie heute den „Originator“ nennen. Juan Atkins.

 

Wir treffen Juan in Downtown Detroit in einem Café, das temporär eine kleine Internet-Radiostation beheimatet: 313.fm. Schlicht benannt nach der Telefonvorwahl von Detroit. Hier wird ausschließlich elektronische Musik gespielt, hauptsächlich Techno in allen Varianten. An diesem Wochenende ist das Line-up an internationalen DJ-Topstars bei der kleinen Radiostation beeindruckend. Das Movement Festival zieht unzählige Techno-Fans aus dem In- und Ausland an. Die ganze Stadt vibriert. Juan Atkins begrüßt den lokalen Radiomoderator und DJ Brent Scudder. Der nickt zur Begrüßung lässig. In Europa wäre Juan Atkins ein VIP mit Star-Appeal, dem man sich mit gebotener Ehrfurcht nähern würde. „Hier treffen wir die Stars im 7-Eleven um die Ecke. Die Szene in Detroit ist sehr klein“, erklärt Brent, der wie Juan ein Sohn der Stadt ist. Wir ziehen uns in den geheimen kleinen Techno-Club im Keller des Urban Bean Coffee zurück. Während des Movement Festivals finden dort inoffizielle Partys für die Techno Locals statt. Der Eingang ist in der Ecke einer dunklen, heruntergekommenen Parkgarage versteckt.

 

Die Frage, ob er den Titel „The Originator of Techno“ als Last empfände, lächelt er gelassen weg. „Ich weiß, dass damit viele Erwartungen verknüpft werden, aber es gibt Schlimmeres, als ‚Originator‘ genannt zu werden. Ich halte das gern aus.“ Atkins geht es ohnehin immer darum, Grenzen auszuloten und innovativ zu sein, die Vergangenheit ist ihm herzlich egal. Als Pate der schwarzen elektronischen Musik zeichnete er bereits 1981 mit seinem ersten Musikprojekt Cybotron die Blaupause für Techno und beeinflusste viele junge Musiker, die die damals aktuelle Generation von Synthesizern bedienen konnten und nach dem Neuen suchten. Seinen ersten Synthi, einen Korg MS-10, schwatzte Juan übrigens seiner Oma ab, bei der er aufwuchs. Die Großmutter spielte selbst Hammond- Orgel und sah das technische Gerät, das ihr Enkel sich wünschte, als legitime Fortsetzung mit anderen Mitteln. Die ersten musikalischen Einflüsse von Juan Atkins waren, neben den deutschen Elektropionieren Kraftwerk, vor allem Parliament und Funkadelic mit ihrem Mastermind George Clinton, der seine Kreativität ebenfalls in Detroit auslebte.

Die Flutlichtmasten des Comerica Park
Die Flutlichtmasten des Comerica Park, wo Baseballfans ihre Heimmannschaft anfeuern.
Audi RS 3 Limousine hinter einer Wasserdampfwolke

Kraftstoffverbrauch kombiniert*: 8,5–8 l/100kmCO₂-Emissionen kombiniert*: 194 g/km

Kraftstoffverbrauch kombiniert*: 8,5–8 l/100kmCO₂-Emissionen kombiniert*: 194 g/km

Über Detroit sagt Atkins: „Aus Detroit kam immer bahnbrechende Musik. Vielleicht ist es die besondere geografische Lage oder die Tatsache, dass die Stadt auf indianischen Kriegsgründen gebaut ist. Sicher ist, Detroit ist prädestiniert für Kreativität.“ Vielleicht liegt es auch an einer der größten schwarzen Gemeinden, die es in den USA gibt. Vielleicht aber auch an dem Leid, das dem jahrzehntelangen Untergang der Stadt zuzuschreiben ist. An den ausgebrannten Häusern, den vielen Industriebrachen und der Tatsache, dass man die Ablenkung in sich selbst suchen muss. Niemand trifft den anderen einfach so. In dieser leeren Stadt läuft niemand herum. „Wo keiner geht, geht auch nichts“, stellt Atkins trocken fest.

 

1981 gründete Juan Atkins mit Richard Davis alias 3070 die Band Cybotron. Von der ersten Maxi verkauften sie 15.000 Stück, lösten sich nach dem ersten Album aber wieder auf. Zu Beginn der 80er-Jahre war Techno nicht nur revolutionär modern, geradezu futuristisch, die Pioniere ahnten auch das digitale Zeitalter voraus. „Hätten wir damals schon die digitalen Möglichkeiten von heute gehabt, wir hätten nicht so viel Zeit auf die technische Umsetzung unserer Ideen verwenden müssen“, beneidet Atkins die aktuelle Generation von Musikern. „Andererseits konnten wir uns voll auf unsere Musik konzentrieren. Es gab einfach keinerlei Ablenkung in dieser kaputten Stadt.“

 

Nachdem der melodiöse Soul-Sound nicht mehr angesagt war und das renommierte Detroiter Label Motown keine kreativen Impulse mehr setzen konnte, war es Zeit für etwas Neues. Techno ist die Musik des Aufbruchs, der Hoffnung und des Glaubens an eine positive Zukunft. Der auf einem Viervierteltakt beruhende kalte und monotone Techno-Beat ist eine treffende Reminiszenz an den stampfenden und harten Rhythmus der Motor City und seine gigantischen stählernen Autofabriken. Die Kompositionen von Juan Atkins klingen manchmal hart und rau, aber auch elegant und fast verspielt. Ein musikalisches Spiegelbild seiner Heimatstadt Detroit. „Ich habe Musik immer intuitiv gemacht. Meine Stimmung spielt beim Komponieren natürlich auch eine Rolle. Außerdem war das Musikmachen eine perfekte Möglichkeit, aus dem Alltag zu flüchten und den widrigen Umständen, die hier in der Stadt herrschten, zu entkommen.“

Man kann einfach nicht leugnen, was Techno und die Künstler dazu beigetragen haben, Detroit international bekannt zu machen.

Juan Atkins

Einer, der nicht nur dem Techno und damit auch Detroit viel zu verdanken hat, ist der Berliner Kulturmanager Dimitri Hegemann. Hegemann ist Besitzer des legendären Berliner Clubs Tresor und vermarktet das gleichnamige Musiklabel. Juan Atkins und Dimitri Hegemann kennen sich seit Anfang der 90er-Jahre, damals veröffentlichte Tresor ein Album, bei dem Atkins als Komponist mitwirkte. Die „Detroit-Berlin Connection“ besteht nun seit fast 30 Jahren, und es hat eine gewisse Selbstverständlichkeit, die zwei Metropolen in einem Atemzug zu nennen. Beide Städte stehen für Aufbruch und kreative Energie. Neben der Liebe zur Musik und der Zugehörigkeit zur Counterculture, wie Gegenkultur in den USA genannt wird, ist es das Wissen um die positive Energie, die Kultur und besonders Musik freisetzen kann, das Atkins und Hegemann verbindet. In einer urbanen Landschaft, die sich neu erfinden muss, ist das Leben günstig.

 

Es zieht die Jugend an und die, die etwas gestalten und verändern wollen. „Ich eröffne hier sofort einen Tresor Detroit, wenn die Sperrstunde gefallen ist.“ Um dies zu erreichen, spricht Hegemann regelmäßig mit dem City Council von Detroit und ist mit Bürgermeister Mike Duggan persönlich im Dialog. Der Kulturmanager Hegemann rechnet vor: „20 Prozent der Touristen in Berlin kommen wegen des Nachtlebens, das sind rund acht Millionen Menschen pro Jahr – ein profunder Wirtschaftsfaktor. Natürlich müssen die Clubs bis in den Morgen geöffnet haben.“ Er nennt das Night Economy. Durch das internationale Engagement von Menschen wie Dimitri Hegemann ist der Stellenwert der Musiker und des Techno in Detroit massiv gestiegen. Das weiß auch Juan Atkins: „Man kann einfach nicht leugnen, was Techno und die Künstler dazu beigetragen haben, Detroit international bekannt zu machen. Hier passierte die Evolution der elektronischen Musik.“ Einen Standort für ein Kreativ- und Ausgehviertel hat die Gruppe schon ausgemacht. Die Milwaukee Junction im Norden von Downtown. Hier haben das Label Underground Resistance und andere Musikschaffende ihre Heimat gefunden. Und hier würde Hegemann gern den Tresor Detroit eröffnen. Er ist sich sicher, es würde der erfolgreichste Club der Welt werden. Zukunftsmusik.

 

Ohnehin scheint die Stadt Detroit endlich aufgestellt für die Zukunft. Der Urban Designer Julio Cedano ist im jungen Team des Bürgermeisters gemeinsam mit Architekten und Städteplanern dafür zuständig, die Viertel der Stadt zu stärken, die sich in der Vergangenheit am zähesten und erfolgreichsten gegen den Niedergang gewehrt haben. „Die Viertel, die genug Kraft hatten, 30 Jahren Abwärtsbewegung zu trotzen, werden die Stadt wieder nach vorn bringen. Die Leute dort sind tief verwurzelt, sie wissen am besten, was sie brauchen, um es wieder nach oben zu schaffen. Sie werden die anderen mitziehen.“ Und hier schließt sich der Kreis. Die Menschen Detroits finden ihre Energie wieder. Detroit steckt an. Julio stammt aus Boston. Warum, um Himmels willen, hat er sich für Detroit entschieden? „Hier beginnt gerade etwas Großes. Und ich möchte ein Teil davon sein und etwas bewegen.“ The beat goes on.

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