Natürliche Neugier

Die niederländische Designerin Teresa van Dongen entwirft Lampen. Und bringt diese auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Leuchten. Dahinter verbergen sich unbändiger Forschungsdrang und Experimentierfreude sowie der Wunsch, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in einem Labor verstauben zu lassen.

17.09.2018 Birte Mußmann (Interview) & Linus Bill (Foto), Teresa van Dongen (Video)

In einem ehemaligen Speicherhaus im Amsterdamer Stadtteil Houthaven befindet sich das kleine Atelier von Teresa van Dongen. In dem Raum, den sich die gebürtige Niederländerin mit einer befreundeten Künstlerin teilt, stehen neben einer Staffelei viele Glasgefäße, Plastikbehälter und Reagenzgläser auf einem Tisch und in den Regalen. Dadurch entsteht eine charmante Mischung mit einer Anmutung, die sich irgendwo zwischen Chemielabor und Künstleratelier einordnen lässt. Beim Auseinandersetzen mit den Entwürfen der 29-Jährigen wird schnell deutlich, dass sich diese Kombination aus Wissenschaft und Kreativität wie ein roter Faden durch das Leben von Teresa van Dongen zieht – wie beispielsweise die Wahl ihrer Studiengänge belegt: Nach ihrem Schulabschluss begann die Niederländerin zuerst mit einem Biologiestudium. Nach zwei Jahren wechselte sie dann an die Design Academy Eindhoven, an der sie 2014 ihren Abschluss machte. Das Wissen aus diesen beiden Bereichen vereint sich nun in ihren Lampenkreationen mit natürlichem Licht und selbst designten Glasgefäßen in fließenden, organischen Formen. Die Anfertigungen sind keine Massenware, sondern Projekte und Installationen der Interaktion mit Gleichgesinnten und Wissbegierigen. Im Interview erzählt die kreative Wissenschaftlerin mehr über Materialien, Naturphänomene und ihre Intention hinter dem Design.

Das Audi Magazin: Sie haben mit dem Biologiestudium begonnen und sind dann an die Design Academy gewechselt. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?
Teresa van Dongen:
Das Biologiestudium war sehr spannend, aber oftmals viel zu theoretisch und starr. Die Lektüre von Fachliteratur hat einen großen Teil des Studiums eingenommen. Und das Stehen über einen langen Zeitraum an Tischen, um Dinge durch ein Mikroskop zu analysieren. Das war mir irgendwann zu eintönig. Ich wollte das Gelernte praktisch anwenden und durch Ausprobieren neues Wissen generieren – also eher durch das „Learning by doing“-Prinzip. Nach dem Beenden des Biologiestudiums habe ich mich über einen kurzen Zeitraum mit Szenografien für Theater befasst, und dabei ist eine Bewerbungsmappe für die Design Academy entstanden. Glücklicherweise wurde ich angenommen: Die Kombination aus Forschung, Design und Handwerk hat sich als perfekte Kombination für mich und meine Bestrebungen erwiesen.

Wie würden Sie diese Bestrebungen definieren?
Forschung verlässt sehr häufig nicht die Türen des Labors, oder die Erkenntnisse bleiben nur für eine sehr begrenzte Personengruppe verfügbar. Das ist äußerst schade, schließlich gibt es so viele tolle Phänomene, die durch wissenschaftliche Arbeit bereits erforscht wurden, und es werden immer neue folgen. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dies zu ändern – eben durch die Kombination von Wissenschaft und Design. Die unterschiedlichen Disziplinen bilden dabei die Basis für die Möglichkeit der Interaktion zwischen Objekt und Betrachter. Beispielsweise wird das Leuchten bei einer meiner Lampen (Ambio) durch Bewegung aktiviert. Durch das leichte Pendeln des Leuchtkörpers entstehen Wellen und eine Umwälzung, wodurch wiederum die im Wasser enthaltenen biolumineszierenden Mikroorganismen mit Sauerstoff versorgt werden und zu leuchten beginnen. Dieses faszinierende Naturphänomen wird durch das Design und durch das physikalische Gesetz der Bewegung erlebbar. Durch den haptischen Kontakt mit der Pendellampe sogar greifbar. Ein wichtiger Aspekt, um Menschen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf der meine Arbeiten basieren, spielerisch näherzubringen.

Bleiben wir bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Viele davon befinden sich in einem fließenden Prozess. Der Blick über den Tellerrand der eigenen Arbeit hinweg ist da wahrscheinlich unabdingbar.
Ja, das stimmt. Ich versuche so oft wie möglich mit anderen Wissenschaftlern, Künstlern oder Designern zusammenzuarbeiten und dabei in den Dialog zu treten. Der Austausch hilft natürlich, und hin und wieder braucht es eine andere Sicht auf Dinge, um neue Impulse zu setzen oder einen blockierenden Knoten zu lösen. Meine Arbeit findet nicht nur im Atelier statt, sondern auch in wissenschaftlichen Laboren und zwischenzeitlich in einer Glasbläserei. Auch da treffe ich immer wieder spannende Leute.


In der Glasbläserei haben Sie Techniken durch Workshops erlernt und zwischendurch auf unkonventionelle Weise schlicht und einfach etwas ausprobiert. Woher kommt diese Experimentierfreude?
Ich hatte schon immer diese natürliche Neugier und einen recht starken Entdeckerdrang. Bereits als Kind haben mich Experimente fasziniert: Das habe ich wohl auch ein bisschen meinem Vater zu verdanken, der uns Kinder früher im Alltag mit kleinen Aufbauten zum Staunen gebracht hat. Ich erinnere mich noch an ein Nachbarschaftsfest, bei dem er eine Art Versuch mit Glasgefäßen wie aus einem Labor aufgebaut hat. Dadurch hat er eine Flüssigkeit laufen lassen, die sich langsam eingefärbt hat. Er hat sich zwar nie so ganz in die Karten schauen lassen, aber das kleine Chemie-Experiment hat wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen.


Mittlerweile sind Sie erwachsen und haben viele Erfahrungen gesammelt. Es dürfte also heutzutage etwas mehr benötigen als ein kleines Experiment, um Sie zum Staunen zu bringen. Welche Projekte beeindrucken Sie heute?
Es gibt viele Bereiche, die ich spannend finde – die Weltraumforschung beispielsweise. Auch wenn es nicht unbedingt offensichtlich ist, entstehen dort sehr hilfreiche Erkenntnisse für mich. Viele der Projekte in diesem Bereich befassen sich damit, Energie durch ungewöhnliche Herangehensweisen zu generieren und in einem Kreislauf nicht zu verlieren. Es ist in der Isolation des Weltalls überlebenswichtig, schonend mit den Ressourcen umzugehen. Die Besatzung einer Raumstation kann schließlich nur auf Dinge zurückgreifen, die sich an Bord befinden. Die Forscher entwickeln immer wieder neue Ansätze zur Energiegewinnung. Aber auch hier ist wieder das Problem: Der Fokus liegt häufig auf dem Endresultat. Randerkenntnisse, die beispielsweise sehr gut auf der Erde funktionieren würden, bekommen wenig Aufmerksamkeit. Sehr schade, denn mich hat beispielsweise ein solcher Beitrag mit einem Menschen in Kontakt gebracht, der mir bei der Forschung mit Bakterien für meine „lebende Lampe“ Spark of Life weiterhelfen konnte. Und der Stein des Anstoßes war ein Vortrag über die Energiegewinnung aus Urin.


Material, Funktionalität, Formgebung: Worin sehen Sie die größte Herausforderung bei Ihren Projekten?
Viele meiner Projekte sind Studien, befinden sich also in einem konzeptionellen Status. Die Schwierigkeit besteht darin, sie aus diesem Status herauszuheben und sie ein bisschen pflegeleichter für die Nutzung zu Hause zu gestalten. Wasser hinzufügen oder entnehmen, neue Bakterienkulturen einsetzen. Das ist zugegebenermaßen nicht ganz so einfach. Daher präsentiere ich meine Ideen vorerst hauptsächlich auf Ausstellungen oder Events. Das würde ich gern irgendwann in der Zukunft ändern. Dennoch sollen nicht alle meine Entwürfe zur Massenware werden. Manche Arbeiten bleiben voraussichtlich Einzelstücke oder sind für Menschen bestimmt, die sich gern mit dem wissenschaftlichen Background auseinandersetzen und auch die Geduld dafür aufbringen würden, die Pflegeanleitung genau zu berücksichtigen. Es ist nicht ganz unkompliziert, eine Mikrobiosphäre, die für das Leuchten bei einem Modell wie Ambio verantwortlich ist, im Gleichgewicht zu halten. Das Modell Spark of Life ist schon etwas zugänglicher. Diese Lampe muss einmal pro Woche umsorgt werden. Für mich besteht die größte Herausforderung somit nicht darin, das passende Design zu finden, sondern die Idee über meine Räumlichkeiten hinaus da „draußen“ bestehen zu lassen und ein Teil eines Zuhauses zu werden. Daher versuche ich mit meinen Objekten auch immer eine kleine Geschichte zu erzählen.

Sie sind also nicht nur Wissenschaftlerin und Designerin, sondern betreiben auch Storytelling im Namen der Wissenschaft?
Kunstwerke wie Gemälde folgen meist diesem Prinzip. Das Storytelling verleiht meinen Objekten ebenfalls eine künstlerische Note. Wenn man eine Galerie betritt oder zu Hause seinen Freunden ein neues Lieblingskunstwerk präsentiert, dann kommt es durch das Narrative in der Gruppe zum Diskurs. Das versuche ich mit meinen Objekten ebenfalls zu erreichen: Betrachter sollen sich damit auseinandersetzen, diskutieren, spekulieren, hinterfragen.


Wo finden Sie Inspirationen?
Ich versuche mich stets über neue, spannende Forschungsprojekte in den für mich relevanten Bereichen zu informieren. Dafür nutze ich Fachzeitschriften, gehe zu Vorträgen oder zu Messen. So ergeben sich immer wieder spannende Gespräche – und daraus hin und wieder Kooperationen. Interdisziplinäre Ansätze sind für mich besonders spannend. Der Austausch ist entscheidend, um neue Blickwinkel zu bekommen und diese dann auf meine Arbeit zu übertragen. Manchmal muss ich aber nur die Treppe heruntergehen, um mich mit anderen Künstlern, Designern oder einem Elektriker auszutauschen. In diesem Haus, in dem sich mein Atelier befindet, arbeiten viele kreative Menschen. Und auch hier tauscht man sich aus, unterstützt sich gegenseitig.


Licht ist ein prägnanter Bestandteil Ihrer Entwürfe. Welche persönliche Bedeutung hat Licht für Sie?
Das Licht als Element resultiert aus meiner Faszination für Energie. Mich hat es schon immer interessiert, wie sich das Ganze wissenschaftlich erklären lässt. Wie sie entsteht, wie sie weitergegeben wird, wie man sie nutzen kann. Licht ist eine gute Möglichkeit, um Energie sichtbar zu machen, und natürlich auch ein schönes Designelement. Eine weitere Möglichkeit, Energie darzustellen, ist durch Bewegung – aber in diesem Bereich ist es weitaus schwieriger, eine gängige, brauchbare Umsetzungsform zu finden. Bewegung fällt eher in den Bereich Kunst, Licht in die Kategorie Design.


Die Wissenschaft gibt in gewisser Weise die Form vor. Wie gehen Sie an die Visualisierung der Ideen heran?
Erste Ideen visualisiere ich gern auf Papier. Das hilft mir, über die einzelnen Elemente nachzudenken und ein erstes Gefühl dafür zu bekommen, ob alles stimmig ist und Abläufe theoretisch funktionieren würden. Hin und wieder arbeite ich auch mit Computerprogrammen – vor allem, wenn ich Projekte für Wettbewerbe oder Ausstellungen aufbereite. Das ist wesentlich präziser für den Betrachter. Auch das kleinste Detail lässt sich so ganz genau nachbilden.

Ambio

Ambio

Blau leuchtende Meereswellen in der Dunkelheit der Nacht – jeder, der das jemals erlebt hat, weiß, wie magisch es aussieht. Das Phänomen wird durch biolumineszierende Mikroorganismen im Meerwasser verursacht, die bei jeder Wellenbewegung Licht emittieren, wenn sie mit Sauerstoff versorgt werden. Dieses Prinzip inspirierte die Designerin, ihre Leidenschaft für Design und Biologie in einer biolumineszenten Lichtinstallation zu vereinen. Ambio balanciert zwei Gewichte und eine Glasröhre, die zur Hälfte mit künstlichem Meerwasser gefüllt ist, das eine sorgfältig ausgewählte Art der Mikroorganismen enthält. Ein sanfter Schwung aktiviert das Leuchten.
Lumist

Lumist

Energie ist ein kostbares Gut, aber oft merken wir nicht, wenn es verschwendet wird. Die niederländische Designerin suchte nach einer Möglichkeit, die Abwärme von Halogenlampen zu nutzen, und entwarf daraufhin Lumist – Lampe und Luftbefeuchter in einem. Die Wärme der Glühbirne hält das umgebende Wasser kurz unter dem Siedepunkt und verursacht daher das Verdampfen des Wassers. Durch das angrenzende Reservoir wird ständig mehr Wasser bereitgestellt.

Beeinflussen die Digitalisierung und modernste Technologie wie künstliche Intelligenz Ihre Arbeit auch in anderen Bereichen?
In der heutigen Zeit kann man sich dieser Entwicklung nicht komplett entziehen. Ich nutze die digitalen Möglichkeiten zur Kommunikation nach außen und für die Präsentation meiner Arbeiten – zum Beispiel bei Wettbewerben. An sich lassen sich meine Projekte jedoch eher in die Kategorie „back to the roots“ einordnen, auch wenn ich diesen Begriff nicht so gern mag. Die Energiequellen meiner Projekte sind hauptsächlich natürlicher Herkunft, das würde nicht mit einem digitalen oder technischen Hilfsmittel harmonieren. Eine technische Komponente würde sich wie eine Art undurchsichtige Folie über das Projekt legen, die das Ganze eventuell schwerer greifbar macht oder in seinem Prozess verwässert.


Wie macht sich das bei Ihren Projekten bemerkbar?
Bei dem Modell Ambio habe ich beispielsweise die biolumineszierenden Bakterien anfangs im Labor begutachtet. Damit sie leuchten, benötigen sie Sauerstoff. Dieser wurde über eine elektronische Pumpe hinzugefügt. Ich wollte für die Lampe eine natürlich Weise finden, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Denn für mich war es irgendwie unbefriedigend, dass ein natürlicher Prozess eines technischen, elektronischen Hilfsmittels bedarf. In der Natur wird dieses Phänomen durch Wellengang – der dafür sorgt, dass sich das Wasser mit Sauerstoff vermischt – hervorgerufen. Dieses Prinzip wird bei der Lampe nachempfunden: In einem Glaskörper befindet sich die Flüssigkeit mit den Bakterien und eben Sauerstoff. Wird der Körper sanft in Bewegung gesetzt, entsteht eine Wellenbewegung. Und dadurch entsteht das natürliche Licht. Biologie ist eben eine echte Naturwissenschaft.


Lassen wir abschließend den Blick noch ein bisschen in die Zukunft schweifen. Was wünschen Sie sich für ebendiese?
Ich wünsche mir, dass die Menschen ihre natürliche Neugier beibehalten und nicht aufhören, Dinge verstehen zu wollen, sie zu er- oder hinterfragen. Dabei sollten wir nicht immer alles nur im Internet nachschauen, sondern auch den persönlichen Dialog mit Menschen suchen. Wir sollten das Bewusstsein schärfen für den Planeten, auf dem wir leben. Wissen ist dafür ein guter Schlüssel, denn es fördert nicht nur das Verstehen, sondern kann auch die Verbundenheit mit der Natur verstärken. Ich kann da nur aus eigener Erfahrung sprechen, nicht nur Kinder haben diesen Entdeckerdrang – sondern wir alle. Man muss ihn nur hin und wieder etwas herauskitzeln.

Spark of Life

Spark of Life

Elektrochemisch aktive Bakterien können bei der Reinigung von Abwässern kleine elektrische Ströme in ihrem Stoffwechsel abgeben. Teresa van Dongen hat diese spezifischen Bakterien erforscht, um Elektrizität für den häuslichen Gebrauch zu erzeugen. Die Forschung hat sie dazu gebracht, das Modell Spark of Life zu entwickeln, eine Lampe, die Licht aussendet, ohne einen Stecker zu benötigen. Diese „lebende Lampe“ braucht alle zwei Wochen einen Teelöffel Acetat und jeden Monat etwas neues Wasser.
Ak

Ak

Wasser wird oft wie ein Einwegprodukt verwendet, obwohl diese wertvolle Flüssigkeit der Kern allen Lebens ist. Indem Teresa van Dongen Wasser wie einen guten Wein behandelt, betont sie den Wert dieses Elements. Die Form dieser Gefäße ist so gestaltet, dass das Wasser während des Trinkens oder Gießens in Bewegung bleibt und herumwirbelt.
Lumi

Lumi

Diese Lampe fängt die widersprüchlichen Eigenschaften von Wasser und Licht in einem Glastropfen ein. Er leitet, vergrößert und verbreitet sein Licht – und zusätzlich das Licht der Sonne. Dadurch wandelt sich die Lampe je nach Tageszeit und natürlichen Lichtverhältnissen.

 

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