Zen of sailing

Marc Lichte, Leiter Design der AUDI AG, ist Segler. Durch und durch. Auf seinem Boot, seinem Rückzugsort, findet er den Halt, um vorwärts zu denken.

10.07.2018 Text: Bernd Zerreles, Foto: Rouven Steinke

Meist sind es die kleinen Dinge, die viel über einen Menschen aussagen. Die Windmessanlage im Top des Mastes von Marc Lichtes Segelboot zum Beispiel: „Schau, bei allen anderen Booten steht der Windmesser gerade aus dem Mast oder zeigt unmittelbar nach vorn. Ich aber wollte, dass er genau dem Verlauf des Mastes nach oben folgt, sich aerodynamisch biegt und erst dann nach vorn zeigt. Nur so steht er perfekt im Wind und misst exakt. Ich habe ihn selber gestaltet. Er ist ein Unikat. Er ist perfekt.“ Marc Lichte zeigt mit dem linken Arm und ausgestrecktem Zeigefinger über den Kopf hinauf, während er mit der rechten Hand die Kurve seines Windmessers nachfährt, der dort oben formvollendet in den Wind lugt. Weiter im Stakkato: „Oder das Bugstrahlruder, auch das ist einzigartig bei diesem Boot. Ich segele öfter allein. Da hilft es beim An- und Ablegen. Die Werft versprach mir, es mit nur einem Millimeter Fuge einzubauen. Ich war selbst dabei und habe das überwacht. Sie haben es tatsächlich geschafft. Ein Millimeter – einfach unglaublich. Für Regatten entferne ich natürlich die Batterien, um Gewicht zu reduzieren.“

Das Ding ist so steif, da gibt nichts nach. Jede kleine Windböe wird in Geschwindigkeit umgesetzt. Ein unvergleichliches Segelgefühl.

Marc Lichte
Mit Marc Lichte, 48, gilt es Schritt zu halten. So ruhig seine blauen Augen hinter der randlosen Titanalbrille – „ein Stück Hightech, leicht wie eine Feder“ – schimmern, so ungebremst sprudeln die Worte aus ihm heraus. Eine Verabredung zum Segeln mit dem Leiter Design der AUDI AG, dessen neue Designstrategie erstmals im Audi A8 Ausdruck in der Serie findet und dessen Zukunftsvision von automobiler Mobilität im Konzeptauto Audi AICON zu bestaunen ist. Der durchgetaktete Kalender Lichtes ließ nur freie Zeit für ein Treffen an seinem Hideaway, einem Yachthafen einer kleinen deutschen Ostseegemeinde, in dem sein Segelboot liegt. In lässigem Freizeit-Style – barfuß, olivfarbene Chinohose, dunkelblauer Wollpullover – bittet Lichte auf sein Schiff, eine X-Yacht Xp 38. Ein Boot, das Europas Fachmedium „Yacht“ so beschreibt: „Schnörkellos schnell – ein Performance-Cruiser, der die Konkurrenz auf der Regattabahn das Fürchten lehren wird.“ Doch Lichtes Yacht ist nicht wie jede andere Xp 38. Bis auf den Rumpf ist fast alles aus Carbon gefertigt: Käfig, Kiel, Mast, alle Anhänge, Ruder sowie die nachgerüsteten Segel von Doyle.
Die Linien, Flächen und die Proportionen sind das Wichtigste auf einer Yacht – genau wie beim Interieur des Audi A8. Eleganz und wiederkehrende Designprinzipien in Kombination mit Technologie schaffen Großzügigkeit und vermitteln Progressivität.

Die Linien, Flächen und die Proportionen sind das Wichtigste auf einer Yacht – genau wie beim Interieur des Audi A8. Eleganz und wiederkehrende Designprinzipien in Kombination mit Technologie schaffen Großzügigkeit und vermitteln Progressivität.

Leistung zählt für den leidenschaftlichen Sportsegler, der mit sechs Jahren schon im Optimisten saß. Es folgte die klassische Karriere eines Regattaseglers: Laser, Jollenkreuzer, Vierteltonner-Racer. Lichte gewann dreimal die Kieler Woche in seiner Klasse, ist zweimaliger Deutscher Vizemeister. Auch als Manager einer Designabteilung mit 440 Mitarbeitern versucht Marc Lichte zu segeln, wann immer es seine Zeit zulässt – gern auch auf kleineren Booten wie dem von Deutschlands bestem Starboot-Segler Johannes Polgar oder einhand mit einem Laser – „das trainiert die Bauchmuskeln“ – am Starnberger See, dem Hausrevier seines Heimatvereins Bayerischer Yacht- Club, dessen Logo sich natürlich auf Lichtes Yacht an der Ostsee findet.

Kraftstoffverbrauch kombiniert *: 5.9-5.6 l/100kmCO₂-Emissionen kombiniert *: 157-148 g/km

Kraftstoffverbrauch kombiniert *: 5.9-5.6 l/100kmCO₂-Emissionen kombiniert *: 157-148 g/km

Bei einer Yacht sind die Linien das Wichtigste – Länge und Proportionen –, genau wie bei einem Audi.

Marc Lichte
Doch Marc Lichte ist vor allem natürlich eines: Designer. Auch aus diesem Grund ist sein Boot ein Unikat – „farblich habe ich alles so abgestimmt, dass es aus einem Guss ist“ –, individualisiert von der Persenning bis zum Ruder, von der Reduktion auf zwei Farben im Interieur bis zur RAL-Farbe des Rumpfes. Der schimmert nicht weiß, wie der aller Xp 38, sondern schwarz – „nein, nein, das ist nicht schwarz. Schwarz würde nicht richtig aussehen, viel zu hart. Carbon ist ja auch nicht schwarz. Und der Rumpf muss schließlich zum Aufbau passen.“ Also suchte Lichte verschiedene RAL-Töne, normierte, exakt definierte Farbmischungen, heraus, die zu Carbon passen könnten. Diese ließ er dann auf ein mal ein Meter große Kunststoffplatten lackieren und hielt sie bei unterschiedlichsten Tageszeiten und Lichtstimmungen vor Ort im Hafen ans Schiff, um die Farbwirkung zu testen. Erst dann gab er die Freigabe zum Lackieren. „Dieses dunkle Grau passt jetzt perfekt zum Carbon und lässt das Schiff richtig edel wirken – schön, nicht wahr?“ Lichtes Anspruch an sein Boot ist ganz einfach: „Die Performance muss erstklassig sein – genau wie die Ästhetik. Die Xp 38 erfüllt das. Sie lässt sich traumhaft segeln und hat fast zeitlose Linien – das war für mich ganz wichtig. Das ist die Parallele zum Fahrzeugdesign. Bei einer Yacht sind die Linien das Wichtigste – Länge und Proportionen –, genau wie bei einem Audi.“

Marc Lichte ist ein Maniac, ein wunderbar Verrückter, der sich mit nichts weniger als der maximalen Perfektion zufriedengibt. Seinen Maßstab an Performance und Optik könnte man in der Audi Sprache auch übersetzen mit: immer auf der Suche nach Vorsprung in Technik und Design. Segeln und Automobildesign sind die zwei großen Themen im Leben des Marc Lichte. Als Schüler schon verbrachte der Sauerländer jede Minute seiner Freizeit in einem Boot auf dem Möhnesee. Langweilige Unterrichtsstunden vertrieb er sich mit Zeichnen: „Auf die linke Seite der Bücher skizzierte ich Autos, auf die rechte Segelyachten.“

Ich wollte dieses Geld, und ich wollte es nur, um mir davon ein Schiff zu kaufen.

Marc Lichte
Und der unbedingte Wunsch nach seiner ersten eigenen Yacht führte Marc Lichte auch ganz nebenbei zu seinem ersten Job als Automobildesigner. Zu Beginn seines Design-Studiums an der Hochschule Pforzheim war ein Designwettbewerb ausgeschrieben. Das ausgelobte Preisgeld: 25.000 Mark. „Ich musste erst einmal die interne Ausscheidung gewinnen, Pforzheim zu vertreten, und dann gegen Designschulen aus Kalifornien, der Schweiz und London antreten. Aber auf einen Schlag an so viel Geld zu kommen, war eine irrsinnige Gelegenheit.“ Also vergrub sich Lichte ein ganzes Jahr lang, um sein Designkonzept samt Modell zu kreieren. „Ich wollte dieses Geld, und ich wollte es nur, um mir davon ein Schiff zu kaufen.“ Dieser bedingungslose Wille hatte Erfolg. Lichte gewann den Wettbewerb – und leistete sich vom Preisgeld sein erstes eigenes, gut sieben Meter langes Segelboot. Was ihm damals gar nicht so wichtig schien: Die Jury des Wettbewerbs bestand aus Designern aller wichtigen Automobilmarken. Dort auf ihn aufmerksam geworden, hatte Lichte bald sein erstes wichtiges Engagement. Heute schmunzelt er darüber: „Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, was da alles beruflich dranhängen könnte.“  
Der Audi A8 ist als erstes Serienauto unter der neuen Design-Philosophie von Marc Lichte entstanden. In Zukunft wird jedes Modell einen eigenen Charakter ausdrücken und das Markenbild verkörpern.

Der Audi A8 ist als erstes Serienauto unter der neuen Design-Philosophie von Marc Lichte entstanden. In Zukunft wird jedes Modell einen eigenen Charakter ausdrücken und das Markenbild verkörpern.

Und genauso herzlich lacht der Designer heute darüber, wie er sich ab da das weitere Studium mit Erlkönig-Zeichnungen für Automagazine finanzierte. Der neue Audi A8 ist als erstes Serienauto unter der neuen Design-Philosophie von Marc Lichte entstanden. In Zukunft wird jedes Modell einen eigenen Charakter ausdrücken und das Markenbild verkörpern. Ausgefallen: „Mein Gesellenstück war für die damalige Zeit sehr innovativ. Ich verzichtete auf Knöpfe und Griffe, nutzte stattdessen Schattenfugen, um Schubladen und Türen zu öffnen.“ „Seinerzeit gab es 3.500 bis 4.000 Mark pro Bild. An einem Motiv saß ich ungefähr eineinhalb Tage.“ Und wer ihn am Tisch seines Bootes in flinken Linien Autoformen aufs Papier bringen sieht, könnte auch glauben, es wäre deutlich weniger gewesen.

Kraftstoffverbrauch kombiniert *: 5.9-5.6 l/100kmCO₂-Emissionen kombiniert *: 157-148 g/km

Kraftstoffverbrauch kombiniert *: 5.9-5.6 l/100kmCO₂-Emissionen kombiniert *: 157-148 g/km

Ich bin so ein Typ, der immer unter Strom ist. Alles inspiriert mich: was ich sehe, esse, mit wem ich mich unterhalte, wohin ich reise

Marc Lichte
Aber jetzt: genug geschnackt. Lasst uns in See stechen. Marc Lichte verschwindet in der Kajüte, um kurz darauf in seewetterfester Seglerklamotte wieder aufzutauchen. Das Display des Windmessers zeigt 22 bis 27 Knoten – stramme 6 Beau fort. Der Westwind treibt die flachen Cumuluswolken tanzend über den blauen Ostseehimmel. Bestes Segelwetter. Strategisch liegt der kleine Hafen an der Kieler Bucht ideal. Bei wenig Wind lockt die freie See. Bei guter Brise wie heute ist die geschützte Kieler Förde ein ideales Revier. Lichte bereitet die Segel vor, wirft den Motor zum Ablegen an, holt die ersten Fender ein. Jeder Handgriff sitzt. Geschickt manövriert er seine Yacht aus dem verwinkelten Hafen hinaus und stellt das Boot in den Wind, um die Segel zu hissen. Für eine entspannte Spazierfahrt wie heute würde es ausreichen, nur die Genua aufzuziehen. Doch Lichte setzt auch das Großsegel. Zusammen gut 100 Quadratmeter Carbon flattern steif im Wind – grenzwertig viel Segelfläche für diesen Wind, aber, hey, es sind ja Gäste an Bord, die sollen ruhig Sport erleben. Der Skipper fällt ab, bis sich die Xp 38 freudig krängt. Die Gischt gurgelt in Lee des Bootes. Die Wanten pfeifen im Wind. So geht es dahin. Und es fällt in erster Linie auf: Was für eine Verwandlung dieser Mann hier an Bord durchmacht. An Land immer unter Strom, ist er auf dem Wasser wie in sich gekehrt. Fokussiert prüft er mit schnell wechselnden Blicken permanent den optimalen Stand der Segel, sucht die Wasseroberfläche nach Böen ab und hält die Yacht mit kleinen Bewegungen auf optimalem Kurs. Den Mitseglern gibt er nur kurze, klare Anweisungen: „Du holst die Schot nach der Halse ein.“ „Bitte setz dich nach oben für besseren Gewichtstrimm.“ Kein unnötiges Wort zu viel.
Der Laser, den Marc Lichte hier am Starnberger See segelt, ist eine sportliche Einhandjolle, die früh ins Gleiten kommt. In Starnberg ist Lichte Mitglied im Bayerischen Yacht-Club.

Der Laser, den Marc Lichte hier am Starnberger See segelt, ist eine sportliche Einhandjolle, die früh ins Gleiten kommt. In Starnberg ist Lichte Mitglied im Bayerischen Yacht-Club.

Wenn man Marc Lichte so am Ruder seiner Yacht sieht, kommt einem ein Elektroauto in den Sinn, das nach einem langen Tag im Großstadtgewusel beim Batterieaufladen zur Ruhe kommt. Er scheint die ultimative Freiheit auf dem Wasser ganz für sich allein auszukosten, die theoretische Möglichkeit zu genießen, mit seiner Yacht überallhin segeln zu können, jetzt, sofort, an jeden Ort dieser Erde, der ihm gerade in den Sinn kommt. Mit seinem Schiff könnte er das sogar machen, es ist dafür gebaut.

Später, nach dem Festmachen im Hafen, beim traditionellen „Anlegerbier“ wird Marc Lichte dann sagen: „Ich bin so ein Typ, der immer unter Strom ist. Alles inspiriert mich: was ich sehe, esse, mit wem ich mich unterhalte, wohin ich reise. Das Wichtigste für meine Kreativität ist, den Kopf freizubekommen. Und das gelingt mir hier auf dem Boot. Es ist ruhig, nur der Wind. Genau das Gegenteil von meinem Alltag.“ Sein Schiff trägt den Namen „Heima“ am Heck. Das ist Isländisch und bedeutet: Zuhause.

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