Idarkopf

Superbiker auf Mondmission

Sam Reynolds ist einer der besten Mountainbiker der Welt – und zugleich einer der führenden Konstrukteure von Hindernisstrecken für Profifahrer. Bei den Audi Nines MTB lässt er seiner Kreativität freien Lauf.

22.02.2019 Text: Stephan Gnir – Foto: Fraser Britton / Monster Energy, Syo van Vliet, Florian Breitenberger, Klaus Polzer, aufmschlau.ch

 „One-Handed Superman Seat Grab“ von Sam Reynolds
Frei wie ein Vogel: Mit Tricks wie diesem lässigen „One-Handed Superman Seat Grab“ wurde Sam Reynolds zum Weltstar. Er liebt die Freiheit, die er beim Mountainbiken ausleben kann.

Mit Vollgas rast er den staubigen Steilhang hinunter. Dann der Absprung von der Rampe. Hoch über dem Canyon streckt er die Beine nach hinten, liegt waagerecht in der Luft. Das Mountainbike hält er nur noch mit den Händen am Lenker fest. Wie Superman fliegt er 22 Meter weit, bevor er sicher auf der anderen Seite der Schlucht landet. Dieser Sprung beim Mountainbike-Event Red Bull Rampage in Utah, USA, hat Sam Reynolds 2015 berühmt gemacht. Das Bild des hoch über einem Graben fliegenden Fahrrad-Superhelden ging um die Welt. Noch heute wird der Brite aus West Sussex häufig darauf angesprochen – für den 27-Jährigen allerdings kein Grund, in Nostalgie zu verfallen: „Es war definitiv ein Höhepunkt meiner Karriere. Aber ich freue mich immer auf neue, einzigartige Tricks“, sagt er. Sam Reynolds ist seit neun Jahren Mountainbike- Profi. Seitdem hat er unzählige internationale Erfolge gefeiert und die Grenzen dessen verschoben, was auf einem Mountainbike möglich ist. Doch neben dem Fahrradfahren selbst pflegt er noch ein weiteres Steckenpferd: Mountainbike-Kurse bauen. Auch im Errichten von Schanzen aus Erde oder Holz gehört er zu den Besten der Welt. Hier wie dort steht eines im Vordergrund: Fortschritt. 

Sam Reynolds

Sam Reynolds

So wurde Sam Reynolds ausgewählt, für die Audi Nines MTB, eine der renommiertesten Mountainbike-Veranstaltungen der Welt, den Kurs zu gestalten. Auf den riesigen Schanzen definieren die eingeladenen Weltklasse-Fahrer zum Ende der Wettkampfsaison die Tricks des nächsten Jahres. Die Event-Serie debütierte 2008 als Freeski-Wettbewerb unter dem Titel „Nine Knights“. Seit 2011 existiert zusätzlich die Sommerversion als Mountainbike-Event der Extraklasse. Zunächst an verschiedenen Orten der Alpen abgehalten, zogen die Audi Nines MTB im September 2018 in die Region Hunsrück-Hochwald um, mitten in Deutschland an der Grenze der beiden Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland. Hier entsteht zurzeit der größte Mountainbike-Vergnügungspark Deutschlands, der Bikepark Idarkopf. In dessen Nähe fanden die Veranstalter der Audi Nines MTB den idealen Schauplatz für den Aufbau eines spektakulären Trick-Parcours: einen stillgelegten Steinbruch nahe der Ortschaft Birkenfeld. „Dort sah es aus wie in einer anderen Welt, einfach perfekt“, beschreibt Sam Reynolds die Steinlandschaft. Ein Motto für die Veranstaltung war schnell gefunden: „Send it to the Moon!“. Reynolds’ Aufgabe bei dieser „Mondmission“: Kursdesigner, Kursbauer, Moderator und Test-Dummy – der routinierte Profi ist immer der Erste, der eine neue Schanze ausprobiert.

Reynolds zeigt einen „No-Foot Can-Can“ auf dem Mountain-Bike
Reynolds tanzt einen „No-Foot Can-Can“.
Stillgelegter Steinbruch
Abflug: In einem stillgelegten Steinbruch schießt sich Sam Reynolds von einer Rampe hoch in die Luft – bei den Audi Nines MTB gewann der Brite mit solchen Sprüngen den Preis für die beste Freeride-Linie.

„Es gibt auf der Welt nur wenige Leute, die solche Schanzen bauen können, auf denen man 18 bis 20 Meter weit springt. Sam hat weltweit am meisten Erfahrung darin“, so Audi-Nines-Veranstalter Nico Zacek, selbst ehemaliger Freeski-Profi. Doch Zacek schätzt Reynolds nicht nur als Kursbauer, sondern auch als Teilnehmer: „Als Mountainbiker verfügt er über unglaublich viel Erfahrung auf riesengroßen Kursen. Er fährt sehr stilvoll und besitzt eine wahnsinnig gute Bikekontrolle.“ Dieses Können führt zu Erfolg. 2018 gewann der Veteran Reynolds den Titel für die beste Freeride-Linie bei den Audi Nines MTB. Das Besondere der Audi Nines ist der Ansatz „von Fahrern für Fahrer“. Der Wettbewerb erstreckt sich über eine ganze Woche. Fotografen und Kameramänner dokumentieren die Läufe der Mountainbiker auf einer Serie von Hindernissen. Externe Kampfrichter gibt es nicht. Am Ende der Woche küren die Teilnehmer selbst anhand der Videoaufnahmen die Sieger in verschiedenen Kategorien. „Von Judges bewertet zu werden, ist ein großes Problem in unserem Sport, weil dies auf sehr persönlichen Meinungen basiert“, erläutert Sam Reynolds. „Aber das Urteil der besten Fahrer kann man kaum anfechten. Sie wissen, was schwierig ist. Es bedeutet mir sehr viel, wenn ihnen gefällt, was ich gezeigt habe.“

Parcours in der Pfalz
Parcours in der Pfalz: Unweit des neuen Bikeparks Idarkopf fanden Sam Reynolds und sein Team ideale Voraussetzungen, um einen eindrucksvollen Kurs zu bauen.

Zum Mountainbiken kam Reynolds bereits als Kind. Freunde hatten ihm gezeigt, dass mit einem solchen Rad weitaus mehr möglich ist, als nur zur Schule zu rollen. „Ich war sofort süchtig“, erinnert er sich. „Es gab mir eine Freiheit und Unabhängigkeit, die ich total liebte.“ Reynolds fuhr zunächst Rennen auf Zeit, wechselte dann aber bald zu Tricks über Schanzen. Nach ersten Erfolgen bei nationalen Wettbewerben wurde er mit 18 Jahren Profi – und schaufelte sich schon früh zu Hause in den britischen Wäldern eigene Rampen und Trails. Seine ersten Riesenkicker errichtete er dann 2014 bei seinem eigenen Event, dem „Darkfest“ in Südafrika. „Das waren die größten Sprünge, die es bis dahin gegeben hatte“, erinnert er sich. Für die Audi Nines MTB baut er seit 2016 die Strecken gemeinsam mit den österreichischen Mountainbike-Profis Andi Brewi und Clemens Kaudela. Sie studieren die Gegebenheiten am Austragungsort und diskutieren die Möglichkeiten. „Dabei schlage ich zunächst meinen absoluten Traumkurs vor. Clemens und Andi entscheiden dann, was zu verwirklichen ist“, erklärt Reynolds. Schließlich wird im Computer eine 3-D-Zeichnung des Kurses angefertigt. Diese dient beim Bau mit Bagger und Schaufel jedoch nur als unverbindliche Vorlage – manchmal lässt sich ein Hindernis nicht verwirklichen, weil unerwartet ein Felsen im Weg liegt. Oder weil während des Baus eine neue Idee entsteht. Reynolds: „Wir passen uns immer an die Bedingungen an. Dabei spielt Erfahrung eine große Rolle.“ Ihr Ziel ist es, jedes Jahr noch größere und kreativere Hindernisse für die AudiNines MTB zu entwickeln.

Progression ist lebenswichtig für das Mountainbiken. Nur so hält man das Interesse der Fans und der Fahrer aufrecht.

Sam Reynolds

Sam Reynolds in der Luft mit Hitnergrund von einer Satellitenschüssel

Mond an Erde: Sam Reynolds und die Audi Nines glänzen immer wieder mit verrückten Einfällen. Das Motto des Events lautete „Send it to the Moon!“. Vom Astronauten im Raumanzug bis zur Satellitenschüssel als Hindernis war alles dabei.

Für ihn ist stetiger Fortschritt der Grund, warum er auch mit 27 Jahren noch im Sattel sitzt. Einen neuen Trick zu landen, sei das beste Gefühl der Welt. Dieses Gefühl immer wieder zu erleben und sich stets verbessern zu wollen, gibt ihm Antrieb und Motivation. Die Audi Nines MTB sind für ihn der ideale Spielplatz dafür. Sein Team justiert die Schanzen dabei so, dass die Fahrer immer neue Tricks einüben können. „Deshalb gibt es hier mehr Trick-Weltpremieren als bei jedem anderen Event“, so Reynolds. „Die Fans in aller Welt sind immer ganz ungeduldig, das neueste Highlight-Video zu sehen.“ Damit betont der Brite eine weitere Besonderheit der Audi Nines: Die Veranstalter setzen voll auf die Verbreitung ihrer Bilder in sozialen Medien – mit großem Erfolg. Millionen Fans weltweit klicken die Videos an. Ungewöhnliche Hindernisse wie früher eine Ritterburg aus Holz oder aktuell eine riesige Satellitenschüssel heizen die Lust der Fans auf die Aufnahmen an. „Die Audi Nines sind definitiv das progressivste Freeride-Mountainbike-Event des Planeten“, schwärmt Reynolds. Ihm gefällt diese perfekte Mischung aus Professionalität und einer kräftigen Portion Verrücktheit: „Die brauchst du, wenn es spannend bleiben soll und du die Grenzen des Sports verschieben willst.“

Als Mountainbiker glänzt Sam Reynolds nicht nur mit seinem ständigen Streben nach Fortschritt, sondern auch mit einer ungewöhnlichen Vielseitigkeit. Normalerweise sind Spitzen-Mountainbiker heute stark auf eine Disziplin spezialisiert. Reynolds dagegen ist auf allen Mountainbikes zu Hause, vom kleinen, wendigen Dirt-Bike bis zum großen, voll gefederten Freeride-Bike, auf dem die Tricks schwieriger umzusetzen sind. „Früher war ich stark auf Wettbewerbe fokussiert. Inzwischen darf ich mich auf allen Bikes und in Videos austoben. Meine Sponsoren unterstützen mich dabei voll.“ Die Abwendung vom reinen Wettkampfgeschehen ist allerdings mit einem schweren Unfall verknüpft: „2012 war ein Wendepunkt, als ich mir in Frankreich bei einem Sturz die Wirbelsäule brach. Das hat meine Perspektive verändert.“ Wie so viele Extremsport-Profis glaubte er vor dem Crash, immer die verrücktesten Tricks riskieren zu müssen. Ihm war nicht bewusst, welchem Druck er sich dabei aussetzte. Seit dem Unfall geht er weiterhin an die Grenzen – aber nur noch nach seinen eigenen Regeln. So erregte er 2016 Aufsehen beim Red Bull Rampage. Ein Jahr nach seinem legendären Superman-Sprung lehnte er die Teilnahme an dem populären und medienwirksamen Wettbewerb ab. Aufgrund fehlender Fangnetze schien ihm die Sicherheit nicht gewährleistet. „Das war die härteste Entscheidung, die ich je treffen musste“, sagt Sam Reynolds und ist mit seiner jetzigen Situation mehr als zufrieden: „Heute darf ich an wunderschöne Orte reisen, um mit großartigen Leuten radikale Sachen zu machen.“ Trotz seiner Erfolge ist Reynolds immer auf dem Boden geblieben, lobt Nico Zacek: „Sam ist ein sehr gut erzogener Kerl, arbeitet sehr professionell und hat verdammt viel drauf. Außerdem ist er hungrig. Er hat permanent neue Projekte im Kopf.“ Man darf also gespannt sein, welche Ideen Sam Reynolds zu den Audi Nines MTB 2019 mitbringen wird.

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