Das Boot ist ein Biest

Johannes Polgar und Carolina Werner, zwei der besten deutschen Segler, starten in der neuen Mixed-Einheitsklasse Nacra 17. Dieses Katamaran-Boot ist die nächste Evolutionsstufe des Segelns, es gleitet auf innovativen Foils über das Wasser. Das Ziel des Duos Polgar/Werner: die Teilnahme bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Wir besuchten die beiden Mitte Mai im Trainingslager am Gardasee. Dort wurde zum ersten Mal das Audi e-tron Nacra-17-Boot ins Wasser gelassen.

02.11.2018 Text: Bernd Zerelles — Fotografie/Film: Richard Walch

Redaktion: Johannes, du bist als aktiver Regattasegler 2012 „in Rente gegangen“. Wie kam es, dass du im Team mit Carolina noch einmal eine Olympiateilnahme anstrebst?
Johannes: Ich war beruflich bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Im Deutschen Haus traf ich Caro, die ich bis dahin nicht persönlich kannte. Caro segelte in Rio in der Katamaran-Klasse, in der auch ich 2008 bei meiner letzten Olympiateilnahme in Peking angetreten war. Der Argentinier Santiago Lange gewann in Rio im Alter von 54 Jahren die Goldmedaille. Er war in meiner aktiven Zeit einer meiner Trainingspartner und besten Freunde. Sein Sieg war so emotional, dass mich der olympische Geist in Rio wieder komplett erfasst hat. Also sagte ich im Scherz zu Caro: Ich bin seit den Finalrennen in Peking nicht mehr auf einem Katamaran gesegelt, du musst mich mal mitnehmen mit diesem neuen Nacra-Boot. Irgendwann rief mich Caro tatsächlich an und fragte: Was ist jetzt, du wolltest doch mal mit mir segeln?

Carolina, du hast den Faden also aufgenommen und euch als Team zusammengebracht?
Carolina
: Ich hatte mich von meinem alten Segelpartner getrennt, wollte aber eine neue Kampagne angehen. Also überlegte ich: Mit wem kann ich das machen? Auf dem Papier war Johannes Polgar einfach ein sehr guter Segler. Erfahrung ist im Segelsport extrem wichtig und Johannes besitzt sehr viel Erfahrung. Ich testete auch mit anderen Crews, aber menschlich passt es mit Johannes und mir sehr gut. Deshalb ist Johannes die beste Wahl.

Johannes: Caro hat einmal den Transfermarkt gecheckt und sich, warum auch immer, für mich entschieden.
Johannes Polgar, 40

Johannes Polgar, 40

Johannes Polgar

Der geborene Sauerländer ist einer der besten Segler Deutschlands. 2008 bei der Olympiade in Peking im Tornado auf Medaillenkurs liegend, touchierte er ein Stück Treibholz und kenterte mit gebrochenem Leeruder. 2010 wurde er Europameister auf dem Starboot.

2012 beendete Polgar seine olympische Karriere und konzentrierte sich im Automobilkonzern Audi auf seine beruflichen Herausforderungen im Event- und Sportmarketing Deutschland.

Die Perspektive für uns Segler ist spektakulär. Das gesamte Boot schwebt über dem Wasser nur auf diesen vier Flügeln.

Johannes Polgar

In Rio sind die Nacra-Katamarane noch ohne Foils gestartet. Die Entwicklung fand erst nach Olympia statt. Spielte das Thema Foils auch eine Rolle für deine Entscheidung, noch mal anzutreten? 

Johannes: In erster Linie sind es die Olympischen Spiele, die mich noch einmal so sehr reizen. Ab November 2016 war klar, dass die neue Mixed-Klasse auf Foils segeln wird. Damit hätte ich gar nicht gerechnet. Aber das ist der absolute Kick on top. Ich lerne so eine spektakuläre, innovative Art des Segelns kennen und kann mich damit weiterentwickeln. Alle Teams starten beim Thema Foils auf dem gleichen Level, es ist für alle eine ganz neue Art des Segelns. Das ist eine einmalige Chance. Ich habe aus tiefstem Herzen Lust dazu.

 

Was ist so anders beim Foiling, was ist das Besondere?

Johannes: Die Perspektive für uns Segler ist spektakulär. Das gesamte Boot schwebt über dem Wasser nur auf diesen vier Flügeln. Sobald das Boot foilt, wird es wahnsinnig ruhig. Man hört kein Klatschen mehr vom Wasser, nur noch das Pfeifen der Foils. Man hat das Gefühl, nichts steht im Wege. Mit dem bisschen, was von diesen Flügeln noch im Wasser liegt, rast das Boot unheimlich los, der Kat läuft so frei und so viel effizienter. Die extremen Geschwindigkeiten geben den zusätzlichen Kick.

 

Wird das Segeln mit Foils athletischer, schwieriger?

Carolina: Bei unruhigem Wasser ja. Da muss ich mich als Vorschoter permanent über die gesamte Bootslänge bewegen, um es auszubalancieren. Aber vor allem kommt die ganz neue Komponente hinzu, dass Johannes und ich nicht nur die Segel, sondern auch noch die Foils bedienen müssen. Einer stellt die Foils in Lee ein, der andere in Luv. Die Abstimmung untereinander ist extrem wichtig geworden, weil wir nicht nur das Großsegel gemeinsam trimmen, sondern auch das Foilverhalten. Das Segeln ist nicht nur von der Gesamtbedienung, sondern auch vom Hydro-Verständnis des Bootes her deutlich anspruchsvoller geworden.
 

Johannes: Das gemeinsame Verständnis, welchen Bootsmodus wir fahren wollen, ist extrem wichtig. Wenn einer von uns ein Foil in die falsche Richtung ziehen würde, wäre das fatal. Das Synchronisieren, das Ausbalancieren des Bootes, ist die neu hinzugekommene große technische Teamarbeit – zusätzlich zur Taktik auf der Regattabahn.

Was ist die größere Herausforderung: die neue Technologie des Foilings in den Griff zu bekommen oder eure Abstimmung? 

Carolina: Zu Beginn musste ich erst einmal verstehen, was mit dem Boot passiert, wenn ich das Foil in diese oder jene Richtung drehe. Wie spielt das Mainfoil mit dem Ruder zusammen? Wie trimmt man die Segel passend zum Foil? Das haben wir endlich im Griff. Jetzt gilt es, sich perfekt auf dem Boot abzustimmen.
 

Johannes: Die Herausforderung ist, die Gesamtkontrolle über die Plattform und die Segel zu bekommen, um in der Lage zu sein, den Blick aus dem Boot heraus zu richten auf die Windbedingungen, den Gegner und die Regattabahn.

 

Die Nacra-17-Boote sind eine Einheitsklasse, alle Teams segeln auf identischen Booten. An welchen technologischen Stellschrauben könnt ihr überhaupt drehen? 

Johannes: Es gibt festgelegte Vermessungsgrenzen, innerhalb derer es herauszufinden gilt, welche Dinge sich optimieren lassen. Wir können nicht komplett neue Foils bauen, die eine technologische Innovation besitzen. Aber wir können die existierenden Foils tipptopp optimieren. So analysieren wir zum Beispiel mithilfe der Audi Design Abteilung verschiedene Foil-Sets im 3D-Scan. Denn natürlich existieren Fertigungstoleranzen.
 

Carolina: Letztendlich müssen wir die unterschiedlichen Foils dann aber in der Praxis auf dem Wasser vergleichen. Denn die entscheidende Frage ist: Was passt am besten zu unserem Segelstil?

 

Wie ist denn euer Segelstil? 

Carolina: Anfangs waren wir etwas zurückhaltend. Aber jetzt haben wir die Handbremse gelöst, versuchen ans Limit zu gehen und wollen das letzte bisschen Geschwindigkeit aus dem Boot herauskitzeln.

 

Carolina Werner, 24

Carolina Werner, 24

Carolina Werner

Die Teilzeitstudentin der Agrarwissenschaften aus Kiel hat sich in der Segelszene einen Namen als „German Wonder Kid“ gemacht.

Sie wurde mit ihrem damaligen Steuermann Paul Kohlhoff 2014 Europameisterin der Junioren und erreichte 2015 bei der Weltmeisterschaft den 5. Platz sowie bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro den 13. Gesamtplatz – alles auf Booten der Nacra-17-Klasse noch ohne Foils.

 

Wir haben die Handbremse gelöst, versuchen ans Limit zu gehen und wollen das letzte bisschen Geschwindigkeit aus dem Boot herauskitzeln.

Carolina Werner

Man hat auf euren Social-Media-Kanälen relativ viele Stürze gesehen. Gehört das zum Foil-Segeln dazu?
Johannes
: Ich erinnere mich an einen Tag der ersten Trainings in Kiel mit sieben Überschlägen. In diesem Trainingslager am Gardasee sind wir nicht ein Mal gestürzt. Wir machen gerade eine steile Lernkurve durch.

Carolina:
Die ersten Wochen waren hart. Es ist einfach sehr anspruchsvoll, das Boot zu segeln. Bei sieben Knoten Wind fahren wir auf Foils 15 Knoten Bootsspeed. Sobald das Boot von den Rümpfen auf die Foils steigt, wird der Spielraum für Fehler sehr gering.

Johannes:
Dabei ist Caro die Mutige, die Aggressive, die immer pusht, die permanent darauf ausgerichtet ist, das Boot ans Limit zu treiben. Ich bin im Alter vorsichtiger und bedachter geworden und gehe lieber ein kalkuliertes Risiko ein.


Carolina, das hört sich beinahe so an, als wäre Johannes bisher der limitierende Faktor gewesen.
Johannes:
Dazu muss ich ganz ehrlich sagen: Ja, so war es. Als wir die ersten Male mit dem Boot segelten, hatte ich wirklich Angst. Bei 23 Knoten Bootsgeschwindigkeit im Foil-Modus vibriert alles und man merkt, man kommt nah ans Limit. Jeder winzigste Fehler ist fatal. Ich hatte das Gefühl, ich setze mich in ein Auto, gebe Vollgas, irgendwann kommt eine Mauer und ich fahre dagegen. Damit musste ich mich intensiv auseinandersetzen – und ich habe auch Hilfe gesucht bei Audi Rennfahrer Tom Christensen, der mir als Mentalcoach sehr helfen konnte. Tom ist ein extremer Performer, aber mit kalkuliertem Risiko. Er will immer gewinnen, bedingungslos. Er konnte mir seinen Weg schildern, wie er auch nach schlimmen Unfällen zurück ins Cockpit fand. Das half mir enorm, meine Blockade zu überwinden und darauf zu vertrauen, dass ich meine Fähigkeiten auch beim Foilen verbessere.

Carolina:
Es ist gut, dass wir am Anfang vorsichtig waren, denn viele Segler haben sich schon auf diesen Booten verletzt. Die letzten zwei, drei Monate haben wir extreme Fortschritte gemacht, wir sind viel schneller geworden – und auch sicherer auf dem Boot. Wenn man einmal gemerkt hat, es geht, geht es rasant weiter.

Johannes:
Ich besitze aus meiner Erfahrung heraus Geduld, habe ein großes Bild im Kopf und weiß realistisch eingeschätzt genau, wann wir uns bei welchem Step befinden müssen und wie wir dort hinkommen. Caro brennt genauso wie unser Boot. Auf jedem einzelnen Kurs möchte sie das Maximum herausholen – und wird auch mal richtig sauer, wenn etwas nicht so schnell klappt. Für mich fühlt sich das manchmal an, als wolle sie mit dem Kopf durch die Wand. Es ist sehr gut, jemanden zu haben, der so wahnsinnig pusht. Auf der anderen Seite merke ich, dass meine Ausgeglichenheit und meine Souveränität dafür sorgen, dass das Ganze nicht in ein Risiko läuft. Diese Konstellation ist sehr spannend – und auch eine Herausforderung.

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