Linz

Kreative Kollisionen öffnen neue Sichtweisen

Können Roboter kreativ sein? Fühlen? Lieben? Und warum sind viele von ihnen inkognito unterwegs? Ein Gespräch mit Christopher Lindinger, Director Research & Innovation am Ars Electronica Futurelab in Linz, über jene Maschinen, die unsere Zukunft maßgeblich gestalten werden.

09.01.2019 Interview: Jan Strahl – Illustration: Sucuk und Bratwurst
Foto: Erwin Rachbauer, Hertha Hurnaus und AUDI AG Lesezeit: 8 min

Linz CityRender Illustriert

Das Ars Electronica Futurelab in Linz versteht sich als Atelier und Labor, das die Bereiche Technologie, Gesellschaft und Kunst konstruktiv verbindet. Es genießt europaweit bei Kreativen wie Managern hohes Ansehen und wird von Unternehmen als Beratungsinstanz für Zukunftsfragen geschätzt.

 

Herr Lindinger, Sie forschen seit über 20 Jahren an den gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien. Wie definieren Sie einen Roboter?

Christopher Lindinger: Es gibt unglaublich viele, sehr unterschiedliche Definitionen zum Begriff Roboter. Das umfasst die Bandbreite vom historischen Bild einer Maschine, die quasi Zwangsarbeit für uns verrichtet, bis hin zum populären Verständnis eines humanoiden Ebenbildes von uns. Die Deutsche Industrienorm definiert einen Roboter als Maschine mit einem gewissen Automatisierungsgrad, die bestimmte Lasten heben kann – eine extrem technische Herangehensweise. Im Gegensatz dazu beschreibt die japanische Industrienorm den Roboter – vereinfacht gesagt – als Maschine mit einem gewissen Automatisierungsgrad, die uns Menschen mehr Lebensqualität beschert. Das zeigt, wie Definitionen unterschiedliche Aspekte betonen können. Ich ziehe die japanische Definition vor.  

 

Deutsche Ingenieursgenauigkeit versus japanisches Technikvertrauen – zeigen diese unterschiedlichen Definitionen, wie offen Gesellschaften gegenüber technischem Fortschritt sind? 

In der japanischen Kultur schwingt immer die Idee des Shintoismus mit, dass Objekte beseelt sein können. Das hat Einfluss auf den allgemeinen Umgang mit Maschinen, aber insbesondere auf die Roboterdiskussion. Interessant ist in diesem Zusammenhang noch etwas Historisches. Als es in den 1970er-Jahren zur Einführung der ersten Industrieroboter kam, wurde in Europa und Amerika viel diskutiert, was das für die Arbeitnehmer bedeuten könnte, deren Aufgaben die Roboter übernehmen sollten. Am Ende kamen die Roboter, und die Menschen verloren ihren Job. Die Angst vor dem Roboter als Arbeitsplatzzerstörer war in der Welt. In Japan einigten sich die Unternehmen darauf, für jeden Roboter, der installiert wurde, Qualifikationsmaßnahmen einzuleiten und einen neuen Arbeitsplatz für den verdrängten Menschen zu schaffen. Ist es verwunderlich, dass die japanischen Arbeitnehmer ein besseres Verhältnis zu ihren Roboterkollegen aufbauten? Die Japaner pflegen auch in ihrer kulturellen Historie eher das Bild des menschenfreundlichen Roboters, beispielhaft verkörpert durch die berühmte Manga-Figur Astro Boy. Im westlichen Kulturkreis überwiegen Dystopien wie „Terminator“, in denen intelligente Roboter die Menschen unterjochen wollen.

 

Also hat Hollywood mit Filmen wie „Terminator“ oder „I, Robot“ die westliche Sicht auf Roboter beeinflusst?

Dadurch wurde schon ein Bild geprägt, aber das würde ich gar nicht komplett negativ bewerten. Tatsächlich kann ein differenziertes Bild zu neuen Technologien hilfreich sein, das nicht völlig naiv ist und auch mögliche Gefahren beinhaltet. Im Hinblick auf Robotik kommt die Diskussion über Probleme und Risiken oft zu kurz. 

Die visuellen Visionen zur Zukunft der Robotik in diesem Beitrag stammen vom Kreativstudio Sucuk und Bratwurst der Designer Alessandro Belliero, David Gönner, Denis und Lukas Olgac. Die auf 3D-Grafiken und -Animationen spezialisierten Künstler haben bereits Kampagnen für internationale Unternehmen wie Nike, Adidas und Axe entwickelt und arbeiten regelmäßig für Magazine wie „032c“, „Indie Magazine“, „Sleek“ oder das „Zeit Magazin“.

Worauf spielen Sie an? Ein Terminator wird wohl kaum in unserer Realität auftauchen, außer er reist tatsächlich aus der Zukunft an.

Filme haben seit „Metropolis“ 1927 das Bild des humanoiden, also menschenähnlichen Roboters geschaffen. Aber dieses Bild führt uns in die Irre. Roboter werden und sollten vielfältige Formen annehmen, um ihre Funktionen erfüllen zu können. Denken Sie nur an die Armroboter in der Industrie oder die recht einfachen Staubsauger- oder Rasenmäherroboter. Doch auch hier gibt es Tendenzen, diese Roboter zu anthropomorphisieren, also ihnen menschliche Züge zu verleihen, was nicht immer von Vorteil ist. Eine US-Firma hat beispielsweise einen Rasenmäherroboter mit einfachem Kindchenschema auf den Markt gebracht und in der Werbung als Familienmitglied platziert. Das führte zu einer steigenden Unfallrate mit diesem Roboter, da die Gefahren, die von so einer Maschine ausgehen, schlichtweg unterschätzt wurden. Daher ist es ganz wichtig, sich zu überlegen, wie wir Roboter für zukünftige Anwendungen designen müssen, damit eine Kooperation mit dem Menschen gelingen kann.

 

Tatsächlich begegnen uns im Alltag aber noch recht wenige Roboter. Wird sich das bald ändern?

Da wir auf dieses Bild des humanoiden Roboters fixiert sind, werden uns die vermehrt im Alltag auftauchenden Roboter wahrscheinlich erst einmal gar nicht auffallen. Sie sind für uns sozusagen inkognito unterwegs. 

 

Würden Sie auch ein selbstfahrendes Auto als Roboter definieren?

Ja. Die Autos, die sich, mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, in naher Zukunft ohne Fahrer bewegen werden, sind nach meinem Verständnis Roboter.

 

Wenn sich intelligente Roboter irgendwann allein und autonom bewegen, benötigen Gesellschaften dann neue Regelungen wie die berühmten Robotergesetze des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov?

Asimov formulierte seine drei Grundregeln bereits 1942. Sie besagen, dass ein Roboter einem Menschen keinen Schaden zufügen darf beziehungsweise nicht zulassen darf, dass er Schaden erleidet, dass er dem Menschen gehorchen muss und an dritter Stelle auch seine eigene Existenz schützen soll. Dieser Ansatz ist immer noch aktuell, und obwohl er aus der Science-Fiction stammt, bereichert er den Diskurs über das Thema. Seit geraumer Zeit wird in der EU über den Umgang mit Robotik in der Gesetzgebung diskutiert. Dort tauchen die Robotikgesetze von Asimov in den offiziellen Texten auf.

Meine persönliche Zukunftsvision wäre, dass uns die Roboter vor dem Untergang retten.

Christopher Lindinger

Sie haben am Futurelab den Begriff Robotinity entwickelt. Was verbirgt sich dahinter? 

Das Wort soll einen Gegenpol zum Ausdruck Humanity bilden, also die Natur des Roboterseins hinterfragen. Der Begriff ist eine gezielte Provokation. Wer das Fremde, das Wesen der Roboter, verstehen möchte, der muss sich erst einmal bewusst über die eigene Menschlichkeit sein und diese definieren. Erst dann lässt sich beides in Beziehung setzen. Aber es geht uns nicht nur um die Provokation oder Philosophie, sondern das ganze Projekt ist auch ergebnisgetrieben. Dahinter steht die Frage, wie die Kollaboration von Mensch und Roboter am besten funktioniert. Die Grundeinstellung der Ingenieure dazu lautete lange: „Wir automatisieren alles, was sich automatisieren lässt.“ Als wir zusammen mit Industrieunternehmen erarbeiteten, wie Humanity und Robotinity aufeinandertreffen und wer was im Prozess am besten kann, ergab sich auch für die Ingenieure ein überraschendes Bild. Die  Abläufe werden effizienter, die Produktqualität wird höher undder wirtschaftliche Erfolg größer, wenn Menschen und Roboter sich die Aufgaben im Workflow aufteilen. 

 

Die Ars Electronica wirkt mit ihrer interdisziplinären Annäherung an technologische Fragen über Kunst und Kreativität sehr modern und weist Parallelen zu den Vorgehensweisen des Silicon Valley auf.

Unternehmen können sich heutzutage gar nicht mehr leisten, nicht innovativ zu sein, sie müssen also auch die Kreativität der Mitarbeiter fördern. Wir setzen Kunst ein, um eine Verschiebung der Perspektive zu erreichen, mit der man etwas betrachtet. Dabei sprechen wir in unserem Labor auch von kreativen Kollisionen, die neue Sichtweisen eröffnen. Kreativität ist ein sozialer Prozess: Je mehr unterschiedliche Sichtweisen sich begegnen, je mehr Disziplinen aufeinandertreffen und sich aufeinander einlassen, desto überzeugender und innovationsträchtiger sind die Ergebnisse. Wichtig ist bei unserer Herangehensweise, dass eine Idee immer in die Realität umgesetzt, zum Beispiel ein Prototyp gebaut wird. Erst wenn etwas in die Praxis geht, tauchen die Fragen auf, die sich in der Theorie nie gestellt hätten. Wobei es für uns sekundär ist, ob wir das entstandene Objekt dann als einen technischen Prototyp verstehen oder als Kunstwerk. Im Unterschied zum Ansatz des Design Thinking, das als zentrale Vorgehensweise der Unternehmen im Silicon Valley populär wurde, nennen wir unseren Ansatz Art Thinking. Ich würde den Unterschied etwa so beschreiben: Beim Design Thinking stellt sich ein Flugzeughersteller die Aufgabe, ein neues Modell zu entwickeln. Mit aller Offenheit und Kreativität, aber das Ziel bleibt ein bestimmtes Produkt. Beim Art Thinking würden wir sagen, wir versetzen uns in die Gebrüder Wright und versuchen das Flugzeug zu erfinden. Vielleicht sehen unsere Flugzeuge dabei am Ende ganz anders aus als erwartet.

Christopher Lindinger

Christopher Lindinger

Wenn sehr rational denkende Techniker ihre Kreativität schulen können, wie sieht es dann mit Robotern aus? Können die auch kreativ werden? Auf der Ars Electronica zeigen Sie gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Kreative Robotik“.

Dort verrichten Industrieroboter abseits ihres natürlichen Umfeldes, der Fabrikhallen, scheinbar kreative Tätigkeiten. Aber das ist mit einem Augenzwinkern beziehungsweise metaphorisch gemeint. Wenn man sich die Projekte genauer anschaut, erkennt man, dass die Roboter als Werkzeug der menschlichen Kreativität dienen. Auch langfristig sehe ich nicht, dass uns Roboter diese Domäne streitig machen. Gestalterische Kreativität wird den Menschen vorbehalten bleiben. Man kann Robotern einspeisen, was wir Menschen als schön empfinden, welche Kunst wir als ästhetisch betrachten, welche Sinfonien wir harmonisch finden. Aufgrund solcher Eingaben können Roboter uns Ergebnisse liefern, die wir auch als ansprechend beurteilen, aber das ist nur eine Simulation von Kreativität. Das gilt übrigens auch für Emotionen. Roboter können mit ihren Sensoren Menschen erkennen und nach der Mimik sogar herauslesen, wie sich diese fühlen. Wenn sie über entsprechende Körperteile verfügen, können sie solche Gefühle auch spiegeln oder mit Emotionen reagieren. Aber auch das funktioniert mit Variablen und Algorithmen. Zwischen Mensch und Roboter kann es keine symmetrische Beziehung geben, in die man etwas hineingibt und herausbekommt. Emotionen werden das bleiben, was uns Menschen menschlich macht. 

 

Wenn die Roboter nicht wirklich menschlich werden, kann sich der Mensch dann dem Roboter annähern? Werden wir Menschen unsere Körper mit technischen Hilfsmitteln optimieren und so zu Mensch-Maschinen werden? 

Auch das ist noch Zukunftsmusik. Noch sehe ich keine Optimierungen des Bewegungsapparates, die besser wären als das, was die Natur uns gegeben hat. Auch ein Brain-Computer-Interface, also eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer, funktioniert noch nicht befriedigend. Von der Umsetzung der Idee, das eigene Gehirn  oder sogar das Bewusstsein auf eine Platine zu spielen, sind wir noch sehr weit entfernt. Etwa so weit wie der Abakus von einem Smartphone. Höchst erfreulich ist natürlich, dass es Innovationen gibt, von denen Menschen mit Beeinträchtigungen profitieren können. Ein roboter-gesteuertes Exoskelett kann Querschnittgelähmten helfen, wieder zu gehen. Von einer Annäherung des Menschen an einen Roboter lässt sich deshalb allerdings nicht sprechen.

“Die Robotik wird in den nächsten Jahren rasante Fortschritte machen. Neue Werkstoffe, stärkere Akkus und künstliche Intelligenz mächtiger Cloudserver werden künftige Roboter extrem verbessern.”

Christopher Lindinger

Dennoch entwickelt sich die Robotik rasant. Mit welchen Fortschritten können wir in naher Zukunft rechnen?

Die Robotik berührt viele technologische Bereiche, die gerade große Fortschritte machen. Ein zentrales Thema ist die Stromversorgung. Akku- und Ladetechnologien von Robotern werden, auch wegen der Elektromobilität, gerade optimiert. Neue Werkstoffe, Smart Materials, sorgen für Entwicklungen in der Soft Robotic, die es erlauben, den Körperbau von Robotern dem von Organismen nachzuahmen. So sind neue Antriebsformen möglich, die der Fortbewegung von Schlangen oder Raupen ähneln. Das größte Thema hängt aber gar nicht mit dem Körper des Roboters zusammen, sondern mit der künstlichen Intelligenz, die ihn steuert. Hier geht der Trend dahin, dass diese nicht mehr nur als Prozessor im Roboter selbst stecken wird, sondern auch in mächtigen Cloud-Servern, die sich ganz woanders befinden als die Hülle, mit der wir kommunizieren.

Wir sind also noch weit davon entfernt, dass intelligente Roboter eines Tages die Weltherrschaft übernehmen? Glauben Sie an ein Happy End im Zusammenleben von Mensch und Maschine?

Ich bin ein Fan von Science-Fiction-Literatur und Filmen. Meine persönliche Zukunftsvision wäre, dass uns die Roboter vor dem Untergang retten. Sie können Aufgaben übernehmen, denen wir mit unseren zerbrechlichen Körpern und der limitierten Lebenszeit nicht gewachsen sind. Wer weiß vielleicht werden sie uns eines Tages den Weg auf andere Planeten ebnen.

 

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