Von Cyborgs und Über-Sinnlichen

Was ist Transhumanismus? Ein Fotoprojekt aus London ging dieser Frage nach und fand Menschen, die unsere natürlichen Limits per Technologie einfach aushebeln.

28.07.2020 Text: Gem Fletcher Foto: David Vintiner Lesezeit: 8 min

Transhumanismus ist die Überzeugung, dass der Mensch dazu bestimmt sei, durch technologischen Fortschritt seine biologischen Grenzen zu überwinden. Transhumanisten glauben, dass unsere körperlichen Voraussetzungen unser Erleben der Realität einschränken. Und sie weigern sich, diese natürlichen Grenzen zu akzeptieren. Von bionischen Augen bis hin zum Designen ganz neuer Sinne und Verlängern der Lebenserwartung – Transhumanisten definieren neu, was es bedeutet, Mensch zu sein.

In Comics und Science-Fiction-Romanen gibt es diese Ideen schon lange, doch nun beginnt die Transhumanismus-Bewegung auch in der Realität, Industrien und Individuen zu beeinflussen – mit bedeutsamen Folgen. Als Architekten des Menschseins stoßen wir nur noch an die Grenzen unserer eigenen Vorstellungskraft. Die Anwendungsgebiete des Transhumanismus sind vielfältig, genau wie die Profile heutiger Transhumanisten: Es gibt sie unter Künstlern wie unter CEOs, unter Akademikern wie unter Freizeit-Hackern.

Das Projekt „I Want To Believe – an Exploration of Transhumanism“ ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Fotografen David Vintiner und dem Creative Director Gem Fletcher. Das Londoner Duo hat die globale Bewegung des Transhumanismus sechs Jahre lang dokumentiert. In ihrem bald erscheinenden Buch gehen sie der Frage nach, wie die Optimierung unserer Gehirne und Körper die Menschheit revolutionieren und neu definieren könnte. Das Kapitel „Testing Ground“ zeigt tragbare Geräte und digitale Werkzeuge, die unsere Sinne und Fähigkeiten auf radikale und doch zugängliche Weise erweitern. Im Kapitel „Patient Zero“ werden Menschen porträtiert, die in eine postbiologische Evolution eingetreten sind, also ihre Sinne über ihre menschlichen Fähigkeiten hinaus erweitert haben – die zu Cyborgs geworden sind, halb Mensch, halb Maschine. Das letzte Kapitel, „Menschlichkeit 2.0“, widmet sich den Themen Lebensverlängerung und Unsterblichkeit.

Testing Ground

Andrew Vladimirov

Andrew Vladimirov / London, UK

Andrew Vladimirov, Doktor der Neurowissenschaften, sammelt und analysiert Hirndaten. Er tut dies, indem er sein eigenes Gehirn oder das von Freiwilligen mit einer Vielzahl von Methoden stimuliert. Er glaubt, dass er Müdigkeit verringern, die Konzentration steigern und das Gedächtnis verbessern kann, indem er einen Laserstrahl auf verschiedene Teile des Gehirns abfeuert.

In der gegenwärtigen technischen Evolution sieht Vladimirov aber auch eine existenzielle Bedrohung – er fürchtet Überwachungsszenarien: „Wenn eine Marketingkampagne tatsächlich genau fühlen kann, wie Sie über ein Produkt denken, kann sie nicht nur Ihr Bewusstsein, sondern auch Ihr Unterbewusstsein dazu manipulieren, es zu kaufen. Und jetzt stellen Sie sich noch vor, es wäre eine politische Kampagne!“

Skinterface

Skinterface / London, UK

Skinterface ist ein tragbarer Anzug, der beidseitige physische Interaktionen in der virtuellen Welt ermöglicht. Er ist mit hochentwickelten Aktoren ausgestattet, die subtile Empfindungen vermitteln und die virtuelle Interaktion in ein physisches Gefühl umwandeln. Entworfen vom Kollektiv F_T_R, ergänzt Skinterface die menschliche Haut, um sie ‘kompatibel’  mit der Technologie der virtuellen Realität zu machen. Er könnte Entertainment-Angebote aufregender, immersiver und erfüllter machen oder dazu beitragen, Fernbeziehungen zwischen Partnern, Freunden und Familienmitgliedern aufrechtzuerhalten.

Dr. Caroline Falconer

Dr. Caroline Falconer / London, UK

Virtuelle Realität wird bereits erfolgreich zur Untersuchung und Behandlung von psychischen Störungen wie Phobien und posttraumatischen Belastungsstörungen eingesetzt, aber selten auf klinisch relevante Emotionen außer Angst und Nervosität angewendet. Doch auch extreme Selbstkritik ist ein allgegenwärtiges Merkmal der Psychopathologie. Sie kann durch eine allmähliche Stärkung des Selbstmitgefühls behandelt werden. „Embodying Compassion in VR“ (2014) erleichtert die Entwicklung von Selbstmitgefühl zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen.

Das Prinzip: In der virtuellen Welt findet der Teilnehmer ein weinendes Kind und muss es trösten. Die Rollen kehren sich daraufhin um – der Teilnehmer verkörpert das weinende Kind und erfährt seine ursprüngliche mitfühlende Reaktion. „Sie erfahren einen Selbst-zu-Selbst-Moment“, erklärt Dr. Caroline Falconer. „Man identifiziert sich mit dem Kind, wenn man es verkörpert, aber man identifiziert sich auch mit sich selbst, während man Mitgefühl erhält. „Es ist, als würde man sich selbst als liebevollem Gesprächspartner begegnen – und zwar physisch.“

EYEsect

EYEsect / Berlin, Deutschland

Dieses experimentelle Gerät, das vom Kollektiv The Constitute geschaffen wurde, soll die Erfahrung nachahmen, die Welt wie ein Chamäleon zu sehen – mit zwei unabhängig voneinander in der Hand gehaltenen, lenkbaren Augen. Der amorphe Helm ist eine tragbare interaktive Installation, die völlig authentisch eine Art Entkörperung simuliert. Indem EYEsect die Art verändert, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, verändert es unsere Version der Realität.

Patient Zero

Moon Ribas

Moon Ribas / Barcelona, Spanien

Seit 2013 fühlt Moon Ribas Erdbeben. Ihr Körper ist durch Implantate in Händen und Füßen mit Online-Seismographen verbunden, die es ihr ermöglichen, die seismische Aktivität des Planeten durch Vibrationen in ihrem Körper wahrzunehmen. Die Art der Vibration, die sie spürt, hängt von der Intensität des jeweiligen Erdbebens ab. Wenn sie beispielsweise in Newcastle steht, kann sie Erdbeben auf der ganzen Welt wahrnehmen – ob in Japan oder Griechenland. Sie beschreibt die Empfindung als zwei Herzschläge – ihren biologischen Herzschlag und den „Erdschlag“, der in ihrem Körper einen eigenen Rhythmus hat.

Moon Ribas ist eine Cyborg-Künstlerin: In der Performance „Waiting for Earthquakes“ interpretiert sie seismische Daten in Tanz, bei „Seismic Percussion“ in Klang. So setzt sie als Komponistin und Choreografin dem Planeten Erde künstlerische Denkmäler. Sie glaubt, dass Künstler Technologie nicht länger als Werkzeug benutzen müssen, sondern sie als Teil ihres Körpers einsetzen können, um unsere Wahrnehmung der Realität zu verändern.

Rob Spence

Rob Spence / Toronto, Kanada

Technologischer Fortschritt ermöglicht es auch Menschen, die an Verletzungen, Unfällen oder Krankheiten leiden, die Kontrolle über ihren Körper wieder zu übernehmen. Und so neu zu definieren, wer sie sind, wie sie die Welt erleben und wie andere sie sehen.

Rob Spence, bekannt als „The Eyeborg“, verlor als Kind ein Auge, als er mit der Schrotflinte seines Großvaters spielte. Inspiriert von seiner Faszination für den bionischen Menschen und seinem Interesse am Dokumentarfilm, modifizierte Spence sein prothetisches Auge im Inneren mit einer drahtlosen Videokamera. Die Kamera ist nicht mit seinem Sehnerv verbunden, sondern sendet Filmmaterial an einen externen Receiver. Im Laufe der Jahre hat er verschiedene Looks für das künstliche Auge designt, von einer realistischen Version bis hin zu einer leuchtend roten Variante.

James Young

James Young / London, UK

Nach einem tragischen Unfall, aus dem er eine Doppelamputation davongetragen hatte, wandte sich James Young der Bionik zu, um seinen Körper neu zu gestalten. Besessen von Computerspielen, arbeitete er mit dem Spielegiganten Konami und der Londoner Prothesenbildhauerin Sophie De Oliveira Barata zusammen, um einen fortschrittlichen bionischen Arm nach dem Vorbild der japanischen Stealth-Game-Serie zu entwickeln. Die 60.000 Dollar teure Gliedmaße aus Kohlefaser ist teils Kunstprojekt, teils technisches Wunderwerk. Der Arm ist mit einer in 3D-Druck entstandenen Hand ausgestattet, die über Sensoren winzige Muskelkontraktionen in Youngs Rücken erkennt.

Der Arm verfügt außerdem über ein USB-Telefonladegerät, eine Social-Media-Anbindung, eine Taschenlampe, einen Herzfrequenzmonitor und eine kleine Drohne. Letztere fungiert als externes Körperteil und erlaubt Young per Kamera eine andere Perspektive auf die Welt. Young ist der Meinung, dass wir alle die Gelegenheit nutzen sollten, unseren Körper individuell zu gestalten und unsere Außenwirkung zu kontrollieren: Über die Funktionalität hinaus habe sein bionischer Arm die Art, wie er von seiner Umwelt wahrgenommen wird, auf bahnbrechende Weise verändert.

Neil Harbisson

Neil Harbisson / Barcelona, Spanien

Neil Harbisson wurde mit Achromatismus geboren, einer seltenen Krankheit, die ihn farbenblind macht. Anstatt aber „nur“ den Achromatismus zu überwinden, schuf Harbisson einen ganz neuen Sinn, der über das menschliche Sehspektrum hinausgehen sollte – 2004 ließ er sich eine Antenne in den Schädel implantieren. Sie ermöglicht es ihm, sichtbare und unsichtbare Farben als hörbare Schwingungen wahrzunehmen. Einschließlich Infrarot und Ultraviolett.

Als Cyborg-Künstler nutzt er seinen neuen Sinn, um die Identität, die menschliche Wahrnehmung und die Verbindung zwischen Sehen und Hören zu erforschen.

Humanity 2.0

Dr. Aubrey de Grey

Dr. Aubrey de Grey (SENS-Forschungs­stiftung) / Kalifornien, USA

Dr. Aubrey de Grey ist biomedizinischer Gerontologe und Chief Science Officer der SENS Research Foundation, einer Wohltätigkeitsorganisation für biomedizinische Forschung, die sich der Bekämpfung des Alterungsprozesses widmet. Grey glaubt, dass Altern lediglich eine Krankheit ist – eine heilbare Krankheit. Seine Roadmap zur Bekämpfung des biologischen Alterns konzentriert sich auf die sieben grundlegenden Wege, auf denen der Mensch auf zellulärer und molekularer Ebene altert, und darauf, wie diese Wege durch eine Reihe von regenerativen Therapien abgewendet werden können. Glaubt man ihm, sind die ersten Menschen, die ein Alter von 1.000 Jahren erreichen werden, bereits geboren worden.

Solche Ideen erscheinen uns Menschen noch extrem und utopisch, sind aber im Tierreich längst Realität: Turritopsis Dohrnii, die „Unsterbliche Qualle“, kann ihre Lebensdauer unendlich verlängern, indem sie sich immer wieder in einen jugendlichen Zustand regeneriert.

KrioRus

KrioRus / Moskau, Russland

KrioRus ist das erste Unternehmen außerhalb der USA, das kryonische Dienstleistungen anbietet, einschließlich der Vorbereitung, Perfusion und Konservierung von Kryopatienten bei ultratiefen Temperaturen. Es hat bisher 71 Menschen und 32 Tiere kryokonserviert. Alle Patienten werden in flüssigem Stickstoff gehalten und warten auf den Moment ihrer Wiederbelebung.

Im Bild: Valeria Viktorovna Udalova, Generaldirektorin von KrioRus

Sophia

Sophia / Hongkong

Hanson Robotics ist ein Unternehmen für KI und Robotik, das sich der Entwicklung sozial intelligenter Maschinen widmet, die unsere Leben bereichern sollen. Ihr fortschrittlichster menschenähnlicher Roboter, Sophia, ist der erste Roboterbürger der Welt und Roboter-Innovationsbotschafterin für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Sophia ist eine Basis für die KI-Forschung mit besonderem Schwerpunkt auf dem Verständnis von interaktiven Beziehungen zwischen Mensch und Roboter und somit potenziellen Dienstleistungs- und Unterhaltungsanwendungen.

Sophia kann menschliche Gesichter, emotionale Ausdrücke und verschiedene Gesten erkennen. Sie kann menschliche Gefühle während eines Gesprächs einschätzen und versuchen, Wege zu finden, um gemeinsam mit ihnen Ziele zu erreichen. Sie entwickelt auch ihre eigenen Emotionen, indem sie grob die menschliche Evolutionspsychologie und verschiedene Regionen des Gehirns simuliert. Als Hybrid aus KI und menschlichem Input stellt Sophia eine Art kollektive Intelligenz dar.

Professor Nick Bostrom

Professor Nick Bostrom (Future of Humanity Institute) / Oxford, UK

Das Future of Humanity Institute ist eine akademische Forschungseinrichtung der Universität Oxford. Das 2006 von Professor Nick Bostrom gegründete 20-köpfige Team konzentriert sich auf die Verbesserung der langfristigen Perspektiven für die Zukunft der Menschheit und die Erforschung von grundlegenden Fragen wie „In welche Richtung soll es für uns gehen?“ und „Welche Maßnahmen sind heute wirklich wichtig?“ Ihre Arbeit beinhaltet die Erforschung existenzieller Bedrohungen des menschlichen Überlebens und der Frage, wie neu aufkommende Technologien die menschliche Existenz verändern könnten. Ein großer Teil der transhumanistischen Bewegung ist unreguliert, und Experten wie Bostrom mahnen zur Vorsicht.

Hightech-Support durch Exoskelette

Weit weniger futuristisch, sondern ganz konkret, nutzt Audi heute schon ähnliche Ansätze, um die Arbeit für Mitarbeiter in der Produktion einfacher und ergonomischer zu machen: Exoskelette könnten sie bei ihrer Tätigkeit in Zukunft gezielt unterstützen und körperliche Beanspruchungen reduzieren – immer dann, wenn andere technische und organisatorische Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Welche Aufgaben in welchem Umfang Exoskelette bei Audi genau übernehmen sollen, wird bereits seit mehreren Jahren immer wieder in eigenen Studien untersucht. Dabei kamen unterschiedliche Systeme zum Einsatz – alle jedoch mit dem gleichen Ziel: die Mitarbeiter körperlich zu entlasten. Kürzlich wurde in einer Vergleichsstudie beispielsweise getestet, wie Exoskelette bei Tätigkeiten im Überkopfbereich unterstützen können. Diese äußeren Stützstrukturen sollen dafür sorgen, dass die Gelenke geschont werden und die Muskulatur nicht so schnell ermüdet. An der Studie nahmen 60 Audi Mitarbeiter über mehrere Wochen an ausgewählten Arbeitsstationen in Montage, Lackiererei und Werkzeugbau am Standort Ingolstadt teil. Das Ergebnis: vielversprechend.

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