Tallinn

Willkommen in der Gesellschaft der Zukunft

In keiner anderen Stadt der Welt wird Digitalität so konsequent gelebt wie in Tallinn. Wie verändert das die Gesellschaft?

29.10.2018 Text: Dirk Böttcher, Lea-Marie Kenzler, Foto: Matthias Ziegler

Tallinn: Muss uns ein digitales Leben Angst machen?

Tallinn: Muss uns ein digitales Leben Angst machen?

Wir wollen etwas über die Digitalisierung in Tallinn erfahren – und landen zunächst in Ecuador. Im Skype-Video erscheint Marten Kaevats in einem Hotelzimmer von Quito. Mit ihm, so hieß es, müsse man zu diesem Thema unbedingt sprechen. In den 1990er-Jahren war Kaevats Fahrradaktivist und Protestler im weitesten Sinn. Er selbst stellt sich als „Zirkusbär“ vor, ausgebildet ist er zum Architekten und Stadtplaner. Mit seinen strubbeligen Haaren und dem ausgewaschenen T-Shirt sieht er aus wie der Sänger einer Punk-Band – nur nicht wie ein „National Digital Adviser“. Kaevats arbeitet für die estnische Regierung als Berater in digitalen Fragen. Auf Einladung der Asociación Latinoamericana de Exportadores de Servicios wird er heute in Quito vor der versammelten Elite des Dienstleistungsgewerbes von Lateinamerika zu digitalen Services sprechen. Die Digitalisierung ist der wichtigste und einzige Exportschlager Estlands.

Das kleine Land mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern setzt seit den 1990er-Jahren konsequent auf eine digitale Strategie und wächst im Cyberspace längst über seine physischen Ländergrenzen hinaus. Kaevats nennt die Inhalte seiner Arbeit „the cool stuff“. Das coole Zeug ist in seinen Augen vor allem die öffentliche Verwaltung. Charaktere wie ihn werden wir in dieser Geschichte noch häufiger treffen und dabei eine Stadt kennenlernen, die so konsequent digital denkt, dass vieles, worüber anderswo noch diskutiert wird, in Tallinn längst überholt ist. Man arbeitet vielmehr an Dingen, die anderen noch nicht einmal eingefallen sind.

Während etwa andere Staaten beginnen, ihren Bürgern Formulare auch online zum Ausfüllen bereitzustellen, schafft man in Tallinn Antragstellungen per se gerade ab. „Wir ersparen den Bürgern künftig im Zusammenspiel von Big Data und künstlicher Intelligenz die Zeit für das Aus­füllen von Formularen“, sagt ­Kaevats. „Weil unsere Systeme von selbst erkennen, wer etwa einen Anspruch auf Kindergeld hat. Die Eltern erhalten zehn Minuten nach der Geburt ihres Kindes nur noch eine Mail, in der sie beglückwünscht und informiert werden, wann und in welcher Höhe die entsprechenden Beträge überwiesen werden.“
e-Estonia Showroom

e-Estonia Showroom

Tallinn im November – der erste Schnee ist gefallen. Verglaste Hochhausfassaden strecken sich in den Himmel, zu ihren Füßen kauert eine pittoreske Altstadt. Menschen eilen über die Gehsteige – auf den ersten Blick ist in der Hauptstadt des Cyberspace nichts Besonderes zu erkennen. Kaevats hatte gesagt, das Digitale wirke vor allem da, wo man es nicht sieht. Zu erkennen allenfalls in den unzähligen Behördengängen, zu denen sich die Menschen nicht mehr aufmachen, weil niemand mehr Dokumente zu einer Behörde oder einer Bank zu bringen braucht. „Die Digitalisierung“, sagt Kaevats, „gibt den Menschen die Freiheit zurück, das zu tun, was sie tun wollen.“

Der Versuch, die virtuelle Welt in Tallinn greifbar zu machen, führt uns in den e-Estonia Showroom. Wir warten auf einer blauen Couch darauf, dass uns jemand zur Führung abholt. In einer unscheinbaren Wand öffnet sich plötzlich eine Tür, Federico Plantera, Sprecher und Medienbeauftragter, steht im Raum und sagt grinsend: „Herzlich willkommen. Sind Sie das erste Mal bei uns?“ Der Showroom ist eine Art Ausstellung der Gegenwart, hier materialisiert Tallinn seinen Cyberspace. In einem der Räume, der gemütlich wie ein Wohnzimmer anmutet, sind fünf Sitzreihen auf eine große Leinwand ausgerichtet. Überall stehen Dinge: ein kleines Fahrrad, Pflanzen gedeihen unter künstlichem Licht, ein Modell visualisiert in Miniatur das digitale Parksystem. Ein kleiner grauer Kasten mit Rollen stellt sich als Roboter heraus, mit denen in Tallinn Paketzustellungen erprobt werden.

Während des digitalen Gipfeltreffens der EU-Staatspräsidenten im September 2017 versorgten sie die Staatsoberhäupter mit Süßigkeiten. Federico Plantera referiert wortreich über E-Services wie die digitale ID-Karte, die elektronische Krankenakte, Online-Wahlen, die digitale Staatsbürgerschaft oder die Steuererklärungen per Mausklick. Anderswo spricht man damit über die Zukunft, hier über den Alltag. Der 24-jährige Italiener kam als Erasmus-Student nach Tallinn und kommt von der Stadt nicht mehr los. „Man spürt hier ein wahnsinniges Gemeinschaftsgefühl, Hierarchien sind sehr flach oder gar nicht vorhanden.“ Wer will, der macht einfach.
 Indrek Õnnik ist Projektleiter im e-Estonia Showroom, dem digitalen Herz der Stadt. Der Este referiert im Showroom über papierlose Verwaltung, Online-Services und das Leben in einer digitalen Stadt.

Indrek Õnnik ist Projektleiter im e-Estonia Showroom, dem digitalen Herz der Stadt. Der Este referiert im Showroom über papierlose Verwaltung, Online-Services und das Leben in einer digitalen Stadt.

In einem anderen Raum treffen wir Indrek Õnnik, Projektleiter des Informationszentrums. Er wischt über den Bildschirm seines Smartphones, Log-in via Handynummer, zwei weitere Klicks, und es erscheint ein ausgefülltes Formular: die digitale Steuererklärung. Überprüfen, bestätigen, fertig. „Dafür brauche ich genau zwei Minuten“, sagt Õnnik lächelnd und hält dabei ein kleines Plastikkärtchen wie eine Trophäe in der Hand. Die ID-Karte ist das Symbol der digitalen Gesellschaft Estlands. Damit bezahlt man im Supermarkt, sammelt Treuepunkte, sie fungiert als Fahrzeugpapier, Führerschein und digitale Unterschrift. Õnnik führt damit aus Spaß den Verkauf seines Pkws über das Smartphone vor: „Unter der digitalen ID werden alle Daten wie Erst­anmeldung, Kilometerstand und TÜV online gespeichert. Auf dem Internetportal eesti.ee fließen alle Informationen zusammen, dann braucht es nur noch die ID des Käufers, seine Bestätigung, und der Wagen ist verkauft.“ Õnnik kann sich über das Portal auch das Rezept  für ein Medikament ausstellen lassen. Er ruft dann nur bei seinem Hausarzt an, der schaut in seine digitale Krankenakte und stellt ein Rezept aus – natürlich digital. Zu Hause kann Õnnik über die ID-Karte jederzeit nachvollziehen, wer wann auf seine „Health Data“ zugegriffen hat. „Es gibt nur drei Dinge, die nicht online funktionieren“, sagt Õnnik mit einem breiten Grinsen: „Heirat, Scheidung und der Kauf eines Grundstücks.“

Der Showroom von e-Estonia befindet sich im Stadtteil Ülemiste, dem digitalen Herz der Stadt. Das Viertel besitzt einen Kultstatus, weil hier Skype maßgeblich programmiert wurde. Bis heute sollen daraus mehr als 100 Spin-offs entstanden sein. Es ist Mittagszeit, die Menschen strömen aus ihren Büros, kehren mit Sandwiches und Salaten zurück. Während des Digitalgipfels waren nicht weit von hier zwei autonom fahrende Busse unterwegs. Binnen weniger Monate hatte man das System entwickelt, um die vielen Gäste vom Fährterminal in die Innenstadt zu transportieren.
 Robert Krimmer ist Professor für E-Governance an der University of Technology. Für ihn ist Tallinn nur eine „ganz normale Stadt mit digitaler Option“.

Robert Krimmer ist Professor für E-Governance an der University of Technology. Für ihn ist Tallinn nur eine „ganz normale Stadt mit digitaler Option“.

Ganz normale Stadt mit digitaler Option

Für Prof. Robert Krimmer zeigt dieses Beispiel einen sehr wichtigen Wesenszug der Bevölkerung: „Es gibt keine Ängste vor digitalen Anwendungen, man versucht immer die Chancen zu sehen. Entsprechend wird hier, was neu entsteht, immer digital gedacht und umgesetzt. Was sich nicht digitalisieren lässt, macht man halt nicht.“ Der Österreicher lebt seit einigen Jahren in Tallinn, lehrt an der Technischen Universität E-Governance. Tallinn beschreibt er als „ganz normale Stadt mit digitaler Option“. Warum die Menschen in dieser Stadt so geschlossen und konsequent der Digitalisierung folgen, erklärt Krimmer mit der Größe des Landes: „Estland ist eine sehr kleine Gesellschaft, die immer schon eng vernetzt war, jeder kennt hier jeden.“ Er vergleicht den Stellenwert der Digitalisierung mit dem von Mozart in seiner Heimat: „Mit dem Digitalen können sich alle Esten identifizieren.“ Eine weitere Beobachtung, die er der Digitalisierung zuschreibt, ist das Tempo. „Die Gesellschaft ist rasend schnell geworden. Sich zwei Wochen im Voraus zu verabreden, werden Sie mit einem Esten nur schwer hinkriegen, denn da könnte ja noch so viel in der Zwischenzeit passieren.“

Ein Forschungsfeld von Krimmer ist das E-Voting. In Estland wird seit 2005 online gewählt. Wie das funktioniert, kann man in einem Video des 2015 amtierenden Premierministers Taavi Roivas auf YouTube sehen. In der Wahlphase können die Bürger beliebig oft wählen – am Ende zählt die zuletzt vorgenommene Entscheidung. Krimmer sagt, das Verfahren sei absolut etabliert, die Wahlbeteiligung konnte dadurch allerdings nicht nachweislich erhöht werden. „Auch die Erwartung, dass damit die politische Teil­habe zunehmen würde, hat sich bislang nicht erfüllt.“
 Valdek Laur kümmert sich als Adviser for Digital Solutions zum Beispiel um Mobilitätskonzepte mit autonom gesteuerten Fahrzeugen. Privat begeistert er sich aber auch für künstlich hergestelltes Fleisch oder Spielzeug aus dem heimischen 3-D-Drucker.

Valdek Laur kümmert sich als Adviser for Digital Solutions zum Beispiel um Mobilitätskonzepte mit autonom gesteuerten Fahrzeugen. Privat begeistert er sich aber auch für künstlich hergestelltes Fleisch oder Spielzeug aus dem heimischen 3-D-Drucker.

Die Tür zu Valdek Laur und Risto Hansen hat keine Klingel, sie ist geschlossen. Nur ein Anruf oder eine Zugangskarte bringt den Besucher in das Gebäude. Das kleine Gerät an der Tür piept, die Tür öffnet sich. Zwei freundliche Männer führen in den hellen und aufgeräumten Besprechungsraum mit gemütlicher Couch und zwei Sesseln. Laur und Hansen wirken wie junge Tüftler, die in Tallinn ihre Werkstatt gefunden haben. Die beiden reden gleich über Spielzeug aus 3-D-Druckern und in vitro designtes Fleisch – angestellt sind sie bei der estnischen Regierung, im Team der EU-Präsidentschaft, zuständig unter anderem für Anwendungen des autonomen Fahrens. „Als unsere autonomen Busse im August vier Wochen durch die Stadt fuhren, waren sie die Attraktion, die Leute hatten einfach Spaß, sie auszuprobieren.“

Laur sagt, es sei wichtig, dass Menschen Zeit bekommen, neue Tech­nologien kennenzulernen. „Der Schritt, selbstfahrende Autos in die Stadt zu integrieren, ist nun nicht mehr groß.“ Die Bevölkerung sei jetzt dafür bereit. Laur glaubt auch, autonomes Fahren mache die Straßen sicherer. „Und es bringt die Leute zusammen. Wo heute nur einmal am Tag ein Bus aufs Land fährt, können Menschen schon bald mit einem selbstfahrenden Auto zum Arzt oder zu Freunden fahren. Das verbindet die Gesellschaft.“ Herausforderungen, die anderswo Hindernisse sind, gehen die Esten umgehend an: „Wir entwickeln gerade einen rechtlichen Rahmen für selbstfahrende Fahrzeuge. Grundsatz wird sein, dass der, der das Auto fährt, verantwortlich ist, egal ob er das Fahrzeug fahren lässt oder das Steuer hält.“ Das estnische Unternehmen Guardtime hat zudem eine Blockchainbasierte Lösung vorgeschlagen, um ein mögliches Hacking von selbstfahrenden und vernetzten Autos frühzeitig aufzuspüren und abzuwehren.

Ohne ein hohes Maß an Vertrauen können Sie keine digitale Gesellschaft aufbauen.

Prof. Jarno Limnéll
Die Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge sagt viel über die Einstellung der Esten zu Sicherheit und neuen Technologien aus. Prof. Jarno Limnéll, estnischer Experte für Cybersicherheit an der Universität Helsinki, ersetzt das Wort Sicherheit gern durch Vertrauen: „Ohne ein hohes Maß an Vertrauen können Sie keine digitale Gesellschaft aufbauen.“ In anderen europäischen Staaten erlebe er oft Ängste, in Tallinn wird digitalisiert, was digitalisiert werden kann. „Die Bevölkerung ist überzeugt davon, dass die Regierung alles Nötige tut, um die digitale Infrastruktur zu schützen.“ Es existiere auch eine gewisse Resilienz gegenüber möglichen Angriffen. „Die rührt daher, dass wir einerseits über alle Risiken informieren, andererseits auch dafür sorgen, dass die Bürger die nötigen ­Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Technologien besitzen.“ Marten Kaevats hatte gesagt, dass sich in Estland sogar eine umgekehrte Mentalität zu der in den meisten anderen Staaten zeige: Digitale Verträge gelten als viel sicherer, Unterschriften auf Papier ließen sich schließlich fälschen. Zur Mentalität der Stadt gehöre es auch, dass man sich im Beta-Zustand einrichte. „Wir tolerieren Fehler und Störungen, es gibt nicht die perfekte Lösung, sondern Beta-Versionen, die wir beständig verbessern.“ Sich immer wieder auf Neues einzulassen, gehöre zum nationalen Curriculum.

Das erlebt man schon bei den ganz Kleinen. Das Jakob Westholmi Gümnaasium ist eine alte Schule im Stadtteil Kassisaba. Schwere Dielenböden und knarrende Holztüren – an der Eingangstür blitzt ein kleines Kartenlesegerät. Schüler und Lehrer registrieren sich hier und erhalten so ­Zugang zum Schulhaus. Im Unterricht hat jedes Kind ein Tablet vor sich, arbeitet parallel auch mit Schulbuch und Füllfederhalter. Neben der Schiefertafel leuchtet die Projektion des aktuellen Themas.
Fast jede estnische Schule nutzt das digitale Klassenbuch eKool. Geschäftsführer Tanel Keres hat das System in die Schulen gebracht und steht auch selbst als Vater im digitalen Austausch über Noten, Hausaufgaben und Stundenpläne.

Fast jede estnische Schule nutzt das digitale Klassenbuch eKool. Geschäftsführer Tanel Keres hat das System in die Schulen gebracht und steht auch selbst als Vater im digitalen Austausch über Noten, Hausaufgaben und Stundenpläne.

Die Schüler sind mit ihrem Tablet verbunden, tippen Fragen ein, die sie an der Wand wiederfinden, können sie bewerten und kommentieren. Vor der Klasse stehen zwei Lehrerinnen: Kettrud Väisanen unterrichtet Sozialkunde, Aet Mikli ist für die Technik verantwortlich. Immer wieder prüft sie die Tablets der Kinder, wenn sie nicht vorn am Computer sitzt und die Präsentation steuert. „Wo wir mit digitalen Systemen arbeiten können, machen wir es“, sagt die IT-Beauftragte. Smartphones sind nicht ­verboten, sie werden in den Unterricht integriert. „Schüler sollen lernen, die Technik für sich zu nutzen.“

Das Klassenbuch ist digital und kann von den Eltern jederzeit online eingesehen werden. Die entsprechende App stammt vom Unternehmen eKool. Es hat gerade ein neues Büro in Telliskivi, Tallinns Kreativquartier, bezogen. Telliskivi ist ein ehemaliger Industriekomplex mitten in der Stadt. Auf diesem Ideengrund entstehen Ateliers und Studios, ein alternatives Café zieht junge Menschen an. Tanel Keres, Managing Director bei eKool, entwickelte zusammen mit seinem Team das cloudbasierte Managementsystem für Schulen. Dort tragen Lehrer Noten, Hausaufgaben, Fehlstunden und die Themen des Unterrichts ein. Eltern können diese Daten inspizieren, Lehrer kontaktieren und müssen nicht länger in der Schule anrufen, um ihr Kind krankzumelden. Keres hat selbst zwei schulpflichtige Kinder. Er weiß genau, was sie gerade im Unterricht lernen, wann ein Test oder der nächste Elternabend ist – und er bekäme eine Nachricht, wenn seine Kinder dem Unterricht fernblieben. Das digitale Klassenbuch wird von fast allen Schulen in Estland seit 2002 genutzt. Bedenken um den Schutz der Daten hat niemand. „Lehrer können nicht die Leistungen ihrer Schüler in anderen Fächern abrufen. Außerdem wird jeder Zugriff auf das Profil protokolliert“, so Keres. Den Lehrern erspart das digitale Klassenbuch Arbeitszeit, es mache den schulischen Alltag effizient und transparent.
Installation „Data shop“

Installation „Data shop“

Am Abend vor der Abreise treffen wir noch den spanischen Künstler Mar Canet im Kulturkomplex Arsi Maja. Das Gebäude wirkt verlassen und etwas verfallen. Stromkabel beranken die Fassade, Rohre laufen ins Nichts, ein alter Scheinwerfer klappert im Wind. Das Studio 312 ist mit Kisten und Schränken vollgestellt, ein rhythmisches Klicken ist zu hören. Canet gründete zusammen mit Varvara Guljajeva das Künstler-Duo Varvara & Mar. Er sitzt am Schreibtisch und beantwortet E-Mails. Ein Kollege im Raum fotografiert Blechdosen. Dabei handelt es sich um eine Installation mit dem Titel „Data shop“.

Sie symbolisiert einen Laden für den Kauf und Verkauf persönlicher Daten. Auf einem Speichermedium sind in den Dosen die Daten der Künstler von Facebook, Google Takeout, Visa und Mastercard hinterlegt. Das Etikett kennzeichnet den Inhalt. „Wir richten unsere künstlerische Arbeit auf das Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Maschine“, sagt Canet. Die Frage, was mit den eigenen Daten geschieht, wer sie sammelt und nutzt, bezeichnet er als „das Spannungsfeld einer digitalen Gesellschaft“. Das rhythmische Klopfen wird lauter. Zwei Metronome schwingen ungleich, sie sind an ein Gerät angeschlossen, das die Herzfrequenz des Künstlerduos über ein halbes Jahr aufgenommen hat. Ihr Herzschlag komponiert den Rhythmus des Metronoms. Als sich der Takt verlangsamt, weiß Mar: „Jetzt schlafen wir.“

Eine Welt, in der der physische Ort unerheblich ist, weil sich auf die gesamte Welt von überall zugreifen lässt.

Marten Kaevats
Die Hauptstadt des Cyberspace macht Herzklopfen. Das Unsichtbare in Tallinn wurde für uns greifbar. Daran, dass es dank der mehr als 1.000 Hotspots an wirklich jedem Ort der Stadt WLAN gibt, gewöhnt man sich schnell. Die Stadt inspiriert und fasziniert. Sie wirkt jung und lebendig. Marten Kaevats hatte gesagt, auch im Cyberspace bleibe die physische Präsenz wichtig, das gemeinsame Bier, das Treffen in der Stadt. Seine Aufgabe sei es, nicht nur digitale Technologien und Services zu installieren, sondern auch Communities um diese herum aufzubauen. Das Vorurteil, die virtuelle Welt würde die realen sozialen Kontakte aus dem Alltag der Menschen verdrängen, hält er einerseits für begründet – aber auch für leicht zu vermeiden. „Im virtuellen Raum lassen sich auch physische Zusammenkünfte viel einfacher organisieren.“ Vor allem könne man schnell Gleichgesinnte für eine Idee gewinnen und diese unabhängig von Ort und Zeit kreieren. Die Zukunft sieht Kaevats längst über die Stadtgrenzen hinaus wachsen, er nennt es das Hyper-Lokale: „Eine Welt, in der der physische Ort unerheblich ist, weil sich auf die gesamte Welt von überall zugreifen lässt.“ Dann werden die Menschen vielleicht die E-Residency in Estland annehmen, um ein Unternehmen zu gründen, in der Schweiz das Gesundheitssystem und anderswo die Banken nutzen. „Vertrauen werden wir dann zwischen potenziell Fremden aus aller Welt herstellen müssen“, sagt Kaevats. Tallinn ist der Beweis dafür, dass das mit digitalen Technologien funktionieren kann.

Facts & figures

Digitales Europa
Die digitale Gesellschaft ist auch das erklärte Ziel der Europäischen Union insgesamt. In einem offiziellen Thesenpapier zum digitalen Binnenmarkt heißt es: „Der Aufbau intelligenterer Städte, die Verbesserung des Zugangs zu elektronischen Behördendiensten, Gesundheitsdiensten und digitalen Kompetenzen werden eine wirklich digitale europäische Gesellschaft ermöglichen.“
Cyber Security
Die Audi Electronics Venture GmbH entwickelt nicht nur Konzepte für hochvernetzte Fahrzeuge mit intelligentem Datentransfer, sondern auch Lösungen für die Sicherheit der Daten bei Transport und Speicherung. Ziel ist dabei, dass der Kunde ein sicheres, aber hochvernetztes Fahrzeug nutzen kann.


Audi Urban Future Initiative
Die Audi Urban Future Initiative ist seit 2010 Plattform für einen internationalen und interdisziplinären Dialog zur Zukunft der Mobilität. Die Initiative versteht sich als Inkubator für neue Ideen, die den Diskurs über vernetzte Mobilität bereichern und unsere Städte lebenswerter machen.

Der Technologie-Dienstleister
EasyPark hat einen Smart-Citys-Index erstellt, für den 500 Städte nach 19 Kriterien wie Verkehr, Umweltschutz, Bürgerbeteiligung, Carsharing, Internetgeschwindigkeit und Lebensqualität untersucht wurden. Tallinn landete dabei auf Platz 76. Den ersten Platz belegte Kopenhagen vor Singapur und Stockholm.

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