Los Angeles

Architektur für den Menschen

Aufregende Privathäuser, vielfältige Kulturbauten, aber vor allem innovative und hochwertige Projekte für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen – der Architekt Michael Maltzan baut in Los Angeles Oasen für die Lebensform unserer Zukunft.

24.10.2018 Text: Niklas Maak, Fotos: Iwan Baan / Ron Eshel

Los Angeles: Wie gestalten wir die Gemeinschaft von morgen?

Es ist eine ganz erstaunliche Villa, die da im Norden von Los Angeles am Rand eines Waldgebiets, mit weitem Blick über die funkelnde Stadt, auf einem Felsen schwebt wie ein Raumschiff, das gerade gelandet ist und sein Dach auffaltet, um mit der Welt Kontakt aufzunehmen. Man fährt eine bröckelige alte Teerstraße hinauf und sieht ein weißes Oktogon. Nach außen wirkt es fast abweisend und vollkommen uneinsehbar – aber dann, wenn man drinnen ist, ist alles aus Glas und offen; das Haus faltet sich um einen Innenhof zu einer Terrasse auf. Es ist eine besondere Kunst, wie es Michael Maltzan gelingt, in dieser Villa, die er 2009 für die Künstler Lari Pittman und Roy Dowell baute, die beiden Grundqualitäten eines Hauses zu vereinen: Einerseits den Schutz, den es bieten muss, andererseits die Öffnung zur Welt und das Gefühl, nicht eingesperrt zu sein. Man kann in diesem Haus nackt herumlaufen, ohne gesehen zu werden – und gleichzeitig den Blick in die Ferne, auf die Zigtausenden glitzernden Lichter und Fenster von Los Angeles, genießen. Doch dieses Haus allein hätte Michael Maltzan nicht zu der mit Preisen geradezu überschütteten Ausnahmefigur der Gegenwart gemacht, die er ist. Die Häuser, für die der 1959 auf Long Island östlich von New York geborene Architekt so viele Auszeichnungen und Preise erhält wie kein anderer, sehen oft aus wie edle Villen, seine extravaganten Kulturzentren wie Skulpturen – aber das sind sie nicht, und sie stehen auch nicht in vornehmen Villenvierteln und an glamourösen Boulevards. Sie ragen zwischen Parkhäusern, Lagerhallen und Schnellstraßen hervor. Sie stehen wie weiß leuchtende Burgen an Ausfallstraßen und Freeways, im Niemandsland der großen Städte. Es sind Häuser für Kinder aus sozialen Brennpunkten und Bauten für Obdachlose. Dass Michael Maltzan als wichtigster amerikanischer Architekt unserer Zeit gilt, liegt auch daran, dass er wie kaum ein anderer für eine soziale Wende in der Architektur steht – für den Glauben, dass Architektur für alle da ist und nicht nur für eine Elite von Menschen, die das Geld und die Zeit haben, sich an schön gestalteten Flughäfen, eleganten Privatvillen oder extravaganten Museumsbauten zu erfreuen.
Entwurf für Inner City Arts

Entwurf für Inner City Arts

Maltzan studierte in Harvard und kam 1988 von der amerikanischen Ostküste nach Kalifornien, um bei Frank Gehry  zu arbeiten. Viele junge Architekten im  Büro Gehry träumten davon, wie ihr Lehrer mit Entwürfen für Kulturzentren,  Museen oder Konzerthallen berühmt  zu werden. Und vielleicht wäre auch Maltzan diesen Weg gegangen, hätte ihm nicht der Zufall seine ersten Auftraggeber vor die Füße gespült, die ihn mit einer  auf den ersten Blick wenig glamourösen Bauaufgabe betrauten – dem Entwurf für Inner City Arts, einer außerschulischen Betreuungseinrichtung, wo jährlich zehntausend Kinder aus weniger wohlhabenden oder sozial gefährdeten Familien nach der Schule malen und zeichnen, töpfern und Theater spielen. Was Maltzan 2008 ablieferte, machte ihn schlagartig bekannt: Es war eine kleine Oase aus weißen Bauten mitten in der Stadt, eine Art Dorf aus vielen Häusern mit kleinen Plätzen, in dem nichts an das Elend draußen erinnert. Maltzan baute keine Festung, sondern einen Ort, der einladend auf jeden wirkt, fast wie ein mediterranes Dorf mit einem kleinen Theater, Werkstätten, Filmateliers. Schon für diese Architektur der Inklusion, die Kinder ermutigen soll, zu kommen und mitzumachen, gewann Maltzan zahlreiche Preise, die Fachpresse und die Öffentlichkeit staunten: Da war es jemandem gelungen, mit einfachsten Mitteln eine warme, einladende Atmosphäre herzustellen. Da baute einer eine Anlage, die auch ein luxuriöses Hotel oder eine edle Privatresidenz sein könnte – aber es war ein Haus für die Ärmsten des Landes, für die Schutzlosen und ­Vergessenen. Das Haus wurde 2009 im New Yorker MoMA ausgestellt, und der Architekturhistoriker Nicolai Ouroussoff schrieb in der „New York Times“, Maltzan sei der einzige amerikanische Architekt, der sich überzeugend auch um die Armen kümmere. Maltzan hatte mit nur einem Bau eine Schubumkehr in der Gegenwartsarchitektur eingeleitet: Seine meist strahlend weißen, reduziert gestalteten Häuser erinnern nicht nur an die Formen des Bauhauses, sondern auch an dessen sozialen Anspruch – dass  Architektur das Leben aller Menschen und nicht nur das einer wohlhabenden Elite verbessern, vereinfachen, es leichter und schöner machen kann.

Architektur für alle

Es folgten Bauten für den Skid Row Housing Trust, der in Downtown Los Angeles Unterkünfte für Obdachlose und für Menschen baut, die nach der Finanzkrise 2008 ihre Häuser verloren hatten und sich mit ihren Kindern ebenfalls auf der Straße wiederfanden. Maltzan baute die Carver Apartments, einen riesigen Rundbau direkt am Freeway 10 gelegen, der von außen wie ein riesiges Stacheltier aussieht. Im Zentrum des Baus befindet sich ein Innenhof, auf dem Dach gibt eine gemeinsame Dachterrasse, wie man sie sonst nur in luxuriösen Hotels findet, den Blick auf die Stadt frei – und führt vor, wie man Obdachlosen eine Zuflucht  gewährt und gleichzeitig dafür sorgt, dass sie im Wortsinn eine Perspektive bekommen und den Kontakt zu anderen Menschen in der Stadt nicht verlieren. Ähnlich funktionieren Maltzans Rainbow Apartments, deren 87 Wohneinheiten sich um eine große Treppe und einen Hof im ersten Stock herumgruppieren, auf dem sich die Obdachlosen treffen  und geschützt vor den Blicken der Menschen auf der Straße miteinander Zeit verbringen können. Auch hier gibt eine große Geste den ins Unglück geratenen Menschen Würde und auch Selbstvertrauen: Die Schönheit des Bauwerks, das ästhetische Erlebnis, das berühmte „Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper“, wie Le Corbusier gute Architektur definierte, dient hier dazu, den Menschen ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben. Maltzan entwarf auch die Crest Apartments für Veteranen, die ihre Häuser verloren hatten; sein bisher spektakulärster Bau ist aber der Star-Apartment-Komplex mit 102 Wohneinheiten, Gemeinschaftsküche, Basketballfeld, Fitnessstudio, Bücherei und Gemeinschaftsgärten. Der Bau, der mit vorgefertigten Elementen auf ein bestehendes einstöckiges Gebäude aufgesetzt wird, hat im Erdgeschoss eine Gemeinschaftszone, in der die früheren Obdachlosen sich mit potenziellen Arbeitgebern treffen können, wo sie Zeit verbringen und Zugang zum Internet haben – denn auch das vergisst man immer schnell: Wer sein Haus verliert und seine Kreditkarte, kommt auch nicht mehr ohne Weiteres ins Internet und ist von Jobsuche und Kommunikation abgeschnitten.

 

Vielleicht ist Maltzans Idee einer „Architektur für alle“, sein soziales Engagement und sein Glaube daran, dass Architektur das Leben aller Menschen, egal wie arm oder reich sie sind, verbessern kann, auch etwas typisch Amerikanisches. Denn die meisten Amerikaner haben Vorfahren, die einst vor Hunger und Verfolgung in die Neue Welt flohen, woran nicht zuletzt das Gedicht von Emma Lazarus an der Freiheitsstatue in New York erinnert. „Give me your tired, your poor / Your huddled masses yearning to breathe free / the wretched refuse of your teeming shore“, heißt es da. Es ist eine amerikanische Tradition, an all diese Müden, Armen, Beladenen, Zurückgewiesenen, von der Gesellschaft Ausgestoßenen und Vergessenen zu glauben.

Foto: Ron Eshel

Foto: Ron Eshel

„Ich will Gebäude entwickeln, die eine zweckorientierte Beziehung zum Menschen aufnehmen, ästhetisch und emotional befriedigen und den Rahmen für einen modernen, urbanen Lebensstil bilden.“

Grundlegend neues Raumdenken

Grundlegend neues Raumdenken

Maltzans Häuser sind aber nicht nur deswegen so wichtig, weil sie den Ärmsten ihre Würde und Chancen wiedergeben. Gerade die Apartmenthäuser, die er für den Mittelstand baut, sind auch Entwürfe für das Ende einer Konsumwelt, wie man sie seit den 50er-Jahren kennt. Jede Familie kaufte sich einen Bungalow, zahllose elektronische Geräte und mindestens zwei Autos, um aus den Suburbs zur Arbeit zu kommen, und die Zahl der Konsumenten wuchs schon allein durch die Notwendigkeit, alle diese Dinge jeweils einzeln zu kaufen. Seither wird ein Großteil aller Gehälter für Miete oder Immobilienkredite, Autos und Einrichtung ausgegeben. Könnte das auch anders aussehen? Könnte man ein entspannteres Leben führen, wenn man Dinge und Räume intelligent teilt und mitten in der Stadt wohnt, statt stundenlang am Morgen aus dem Umland zur Arbeit zu pendeln? Maltzans gebaute Antworten, seine Wohnkomplexe, stehen für ein grundlegend neues Raumdenken. In Japan sind es Architekten wie Ryue Nishizawa, Yoshiharu Tsukamoto oder Sou Fujimoto, in Amerika vor allem Maltzan und seine Mitarbeiter, die quasi im Alleingang unsere Idee von urbanen Räumen über den Haufen werfen: Statt eine Stadt in Straßen, Plätze und Wohnungen zu unterteilen, bauen sie Häuser wie kleine Städte, in denen acht Kinder aus vier Wohneinheiten in einer geschützten Hoflandschaft spielen können, Mikrodörfer, in denen der Rentner, die anderen Kinder, die alleinstehende Grafikerin eine Ersatzfamilie bilden für das Kind, dessen Vater von Montag bis Freitag in einer anderen Stadt arbeitet, den Witwer, den Besucher. Diese neuen Lebenswelten sind herumgebaut um eine neue Kultur der Gastlichkeit, der Hospitality mit restaurantartigen Kollektivküchen und loggienartigen, halb offenen Räumen für mehrere Wohneinheiten, in denen man im Sommer gemeinsam grillen kann. In diesen neuen Clustern soll man in der Arbeitspause nach den Kindern oder den Eltern schauen oder Freunde auf parkartigen Dachlandschaften treffen können, die Gebäude passen sich den wechselnden Wohnbedürfnissen an: Die Trennung von Arbeiten und Wohnen ist so weit wie möglich aufgelöst, ein Raum kann zum Büro, zum Apartment für einen Freund, aber auch zur Werkstatt werden.

 

In den Boxen können aber auch unkonventionelle „postfamiliäre Gruppen“ untergebracht werden – was immer wichtiger werden wird: Der Anteil von Familien an der Bevölkerung liegt in vielen Städten mittlerweile unter dreißig Prozent. Und dass vielleicht ein Rentner oder ein alleinerziehender Vater gar nicht in einer Singlekiste, sondern lieber in anderen Strukturen leben möchte, wird von vielen Architekten nicht bedacht: Es gibt zum Beispiel keine Entwürfe für acht Achtzigjährige, die nicht ins Heim, sondern in einer Art Wohngemeinschaft zusammenleben möchten; es gibt keine Entwürfe für drei Alleinerziehende, die ihre Kinder gemeinsam aufziehen wollen. Wie könnte man Häuser so bauen, dass wieder sowohl Klein- als auch Großfamilien, Singles in großfamilienartigen Verbänden, die Oma und die geschiedene Freundin mit Kind in ihnen wohnen können? All diese Personen sind keine Sonderfälle, sondern Teil einer neuen Bevölkerungsmehrheit. Und über Jahrhunderte waren solche „erweiterten Familien“ der Normalfall: In einem Handwerkerhaus, auf einem Bauernhof, lebte die Kernfamilie eng zusammen mit Knechten und Mägden, Lehrlingen und wechselnden Gästen. So gesehen sind die futuristischen kleinen weißen Dörfer, die Maltzan im Niemandsland von Los Angeles als Oasen anlegt oder als freundliche, einladende Burgen auftürmt, auch eine Erinnerung an eine uralte Lebensform, die vielleicht auch unsere Zukunft ist.

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