“Die Gleich­berechtigung von Frauen muss selbst­verständlich sein”

Marianne Heiß, Aufsichtsrätin der AUDI AG, spricht über Herausforderungen von Dual Career-Couples, Gleichberechtigung von Frauen im Job und den Umgang mit unbewussten Vorurteilen.

09.12.2019 Lesezeit: 4 min

Frau Heiß, Ihr Ehemann und Sie arbeiten als Führungskräfte in unterschiedlichen Unternehmen. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für Dual Career Couples?
Marianne Heiß:
Ich sehe hier drei Ebenen: die private, die gesellschaftliche und die berufliche Herausforderung. In der Partnerschaft geht es darum, Einigkeit und Rückhalt zu gewährleisten. Auf der politischen Ebene brauchen wir strukturelle Anpassungen, um umfassende Betreuungsangebote für Kinder jeden Alters sicherstellen zu können. Auf der Unternehmensseite braucht es für Männer und Frauen gleiche Chancen.

Wie schaffen Sie als Dual Career Couple mit zeitintensiven Berufen die richtige Balance?
Für mich ist der Sinn des Lebens, auf eine selbstbestimmte Art zu leben. Dabei sind mir Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität sehr wichtig. Die berufliche Verwirklichung ist nur eine von mehreren maßgeblichen Komponenten. Um ausreichend Zeit für Familie, Freunde, Sport und kulturelle Erlebnisse zu finden, stimmen mein Mann und ich uns viel ab.

“Wohl kaum jemand ist völlig frei von Vorurteilen. Wichtig ist, dass man seine Urteile stets spiegelt und immer wieder einem Realitätscheck unterzieht.”

Marianne Heiß, Aufsichtsrätin AUDI AG

Sie haben 2011 das Buch "Yes she can" geschrieben. Darin erklären Sie, warum weibliche Führungskräfte für den langfristigen Erfolg eines Unternehmens maßgeblich sind. Was hat sich bei der Chancengleichheit in Führungspositionen bereits getan?
Frauen, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, haben gezeigt, dass sie große Verantwortung übernehmen und führen können. Auch im Corporate-Bereich finden wir immer mehr Frauen in Top-Management-Positionen. Das hat den gesellschaftlichen Wandel beschleunigt und nachhaltig in Politik, Wirtschaft und Unternehmen hineingewirkt. Parallel dazu haben gesetzliche Frauen-Quoten und Initiativen wie „Chefsache“ wichtige Impulse gesetzt. Viele Unternehmen sehen Diversität inzwischen als Bestandteil ihrer Unternehmenskultur. Das ist gegenüber 2011 ein deutlicher Fortschritt – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch tun, damit Gleichberechtigung von Mann und Frau auch aktiv gelebt wird?
Wir dürfen jetzt nicht stehen bleiben. Wir sollten darauf drängen, dass Gleichberechtigung tatsächlich so selbstverständlich wird. Frauen und Männer sollten gemeinsam darauf achten, dass das Bekenntnis zur Vielfalt auch tatsächlich überall gelebt wird und zwar auf allen Ebenen und vorurteilsfrei.

Bei der Besetzung einer Stelle muss es um die beste und passende Qualifikation gehen und nicht um das Geschlecht.

Marianne Heiß, Aufsichtsrätin AUDI AG

Stichwort unbewusste Vorurteile im Joballtag: Diese sind immer noch ein Grund dafür, dass Frauen seltener Karriere machen. Was tun Sie persönlich gegen solche Vorurteile?
Bei der Besetzung einer Stelle muss es um die beste und passendste Qualifikation gehen und nicht um das Geschlecht. „Frau sein“ darf keinesfalls ein Malus sein, worauf ich als Frau natürlich besonders achte. Generell ist es wichtig, dass man seine Urteile stets spiegelt und immer wieder einem Realitätscheck unterzieht. Wenn Schubladendenken zu einer falschen Entscheidung führt, ist es meiner Meinung nach wichtig, diese Entscheidung zu korrigieren.

Sie sind nun etwas mehr als ein Jahr Aufsichtsrätin bei der AUDI AG. Welche Ziele sind Ihnen in dieser Rolle wichtig?
In den vergangenen 23 Jahren, in denen ich internationale Erfahrungen bei BBDO gesammelt habe, konnte ich mir vor allem in der Automotive-Industrie einen guten Überblick verschaffen. Als Mitglied des Aufsichtsrats setze ich mich mit folgenden Schwerpunkten auseinander: Was sind die automobilen Herausforderungen der Zukunft? Wie lässt sich der notwendige Wandel erfolgreich gestalten? Und welchen Beitrag kann ich in meiner Aufsichtsratsfunktion leisten, um diesen Wandel mit zu begleiten? Auf diese Fragen möchte ich Antworten geben.

Marianne Heiß

Marianne Heiß

Marianne Heiß wurde 1972 in Krems an der Donau (Österreich) geboren. Ihr Betriebswirtschaftsstudium mit den Schwerpunkten Unternehmensrechnung und Revision sowie Management-, Personal- und Organisationsentwicklung absolvierte sie an der Fachhochschule Wiener Neustadt. Nach der Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung übernahm sie die Betriebsbüroleitung des Dorint Hotels in Hameln. Im März 1996 stieg sie bei BBDO, einer der größten Werbeagenturen weltweit, ein. Dort hat sie bis heute verschiedene Führungspositionen durchlaufen und ist seit März diesen Jahres CEO bei BBDO Deutschland.

Seit Mai 2018 sitzt sie im Aufsichtsrat des Volkswagen Konzerns. Aktuell liegt der Anteil der Aufsichtsrätinnen in DAX-Unternehmen bei rund 30 Prozent.

Ihren Lebensmittelpunkt hat Heiß nach wie vor in Wien und pendelt regelmäßig in die österreichische Hauptstadt. Neben Ihrer Karriere setzt sie sich als Autorin für Diversität ein und schrieb unter anderem eine Kolumne über die Werbeindustrie im Handelsblatt.

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