Nicht zu perfekt

Wie kann Kunst Zukunftsvisionen illustrieren? Und welche Vorteile bietet die analoge Darstellung in einer digitalen Welt? Die Schwedin Anne-Li Karlsson findet Antworten, indem sie Strom mit spezieller Tinte durch eine Stadt aus Papier leitet. Dabei darf die Kulisse eins nicht sein: zu perfekt.



Text: Birte Mußmann, Foto: Anton Renborg, DVA


DAS AUDI MAGAZIN: Kunst ist wie eine Art Visitenkarte des Urhebers. Was möchten Sie Betrachtern mit Ihren Zeichnungen auf den Weg geben?
ANNE-LI KARLSSON:
Bei meinen Arbeiten gilt es zwei Kategorien zu unterscheiden: Zum einen erstelle ich Illustrationen als Auftragsarbeiten – beispielsweise für Magazine oder Unternehmen. Da geht es in erster Linie darum, Geschichten oder Infos mit einer Illustration aufzugreifen und zu verdeutlichen. Sie erfüllen sozusagen eine gewisse Zweckmäßigkeit und folgen Vorgaben. Wenn ich ohne diese Vorgaben an eigenen Projekten arbeite, dann entstehen andere Bilder: meist in Schwarz-Weiß. Bilder mit Ecken und Kanten. Ich liebe es, mit diesen Bildern ein Stück weit zu provozieren.

Was macht für Sie den Reiz dieser Ecken und Kanten aus?
Ich finde Dinge, die nicht hundertprozentig perfekt sind, interessanter als Dinge, die keinen einzigen Makel haben. Ecken und Kanten gehören für mich zum Leben dazu. Vielleicht ist es auch mein künstlerischer Beitrag gegen den in Schweden so geliebten Minimalismus. Er zieht sich erfolgreich durch alle Bereiche – Design, Architektur, Mode. Aufgeräumt, clean, mit gedeckten Farben. Mir liegt er nicht. Ich bin eher eine Sammlerin. Trotzdem finde ich diese Entwicklung faszinierend. Schweden ist ein großes Land im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl. Obwohl viel Platz zwischen den Ballungsräumen liegt, herrscht diese gewisse standardisierte Gleichheit. Der schlichte Hintergrund lässt jedoch auch Raum für eine Nische, um Individualität auszudrücken: mit Accessoires. Eine Freundin von mir trägt in ihrem Job unter den schwarzen Anzügen bunte Socken. Meine Ausdrucksweise: meine Wohnungseinrichtung. Sie ist das genaue Gegenteil von minimalistisch.

In Ihrem Wohnzimmer steht ein großes Bücherregal. Sie zeichnen hauptsächlich mit Stift auf Papier. Die analoge Welt scheint Ihnen am Herz zu liegen.
Ja, das ist richtig. Ich mag die Haptik von Papier und das Gefühl, ein Ergebnis durch einen von Hand geführten Stift zu erzielen. Und mir gefällt, dass die analoge Darstellung nicht immer perfekt ist. Beispielsweise weil eine Linie nicht ganz gerade ist. In der digitalen Herangehensweise wird dies meist durch die Berechnung von Maschinen ausgeklammert. Dank entsprechender Logarithmen erhält man ein sehr präzises Ergebnis. Das ist natürlich in vielen Bereichen sehr wichtig, aber nicht in allen. Ein zu perfektes Bild kann auch abschreckend wirken und unserer Vorstellungskraft den Raum nehmen, sich mit dem Wahrgenommenen frei auseinanderzusetzen. Das Perfekte wirkt häufig sehr final und wird dadurch unantastbar.

Hat die Digitalisierung einen Einfluss auf Ihr künstlerisches Schaffen?
In gewisser Weise schon. Der Großteil meiner Arbeit basiert zwar auf der analogen Herangehensweise, trotzdem lässt sich das Digitale nicht ausklammern. Einerseits hat sich die Kommunikation in diesen Bereich verlagert, ob nun mit meiner Agentin oder Kunstinteressenten. Des Weiteren muss ich die meisten abgeschlossenen Projekte digital als Datei final an Kunden versenden. Die Zeiten, in denen man mit großen Mappen oder Umschlägen seine Arbeiten ausgeliefert hat, sind endgültig vorbei.

Sie haben erst spät mit dem Zeichnen begonnen. Wann kam der Punkt, an  dem Sie wussten, dass Sie sich der Kunst verschreiben wollen?
Mein erster großer Job war die Illustration eines Artikels in dem schwedischen Magazin „Darling“, der sich mit dem Thema Pornografie befasste. Damit fing alles an. Das Magazin setzte in den Anfangszeiten neue Maßstäbe durch progressive Bildsprache und einen frechen Sprachstil.

Die Papierstadt, die Sie für Audi gestaltet haben, musste anschließend nicht versandt werden. Wie sind Sie an dieses  Projekt herangegangen?
Das ganze Projekt war wie eine Art Gruppenaufgabe – bewerkstelligt durch ein mehrköpfiges Team. Es gab Personen, die sich um den Aufbau der Kulissen gekümmert haben, wieder andere um die Beleuchtung oder um die Schienen für die Kamerafahrten. Schließlich sollte das Ganze in einem Film festgehalten werden. Meine Aufgabe war es, die Stadt zu entwerfen – also musste ich mir zu Beginn natürlich Gedanken darüber machen, in welchem Stil ich den urbanen Raum gestalte.

Und nach welchen Kriterien haben Sie die Entscheidung getroffen?
Anfangs verfolgte ich unterschiedliche Ansätze. Doch mir wurde schnell klar, dass der rein elektrisch angetriebene Audi nicht durch eine futuristische Welt fahren soll. Der Schritt hin zu alternativen Antrieben ist etwas, das gerade passiert und in naher Zukunft ausgebaut wird. Daher entschied ich mich dazu, das Fahrzeug in einem Stadtbild der Gegenwart zu platzieren. Dabei inspirierten mich meine Heimatstadt Stockholm und andere skandinavische Städte.

Papier, eine kleine Batterie, ein spezieller Stift und ein Miniatur Audi: Mit dieser Kombination haben Sie Häuser und Straßenlaternen zum Leuchten gebracht. Wie schließt sich der Stromkreis?
Als Energielieferant für die Papierstadt diente eine kleine e-tron Batterie. Mithilfe eines Stiftes, der mit spezieller Tinte gefüllt ist, habe ich die Kontaktpunkte der Batterie mit denen der einzelnen Stationen verbunden – so als würde man Stromleitungen verlegen. Das Vorbeifahren des Fahrzeugs sorgte dafür, dass der Kontakt final verknüpft wurde. Die Energie floss, und die Stadt erleuchtete nach und nach.

Projekte wie die Electric City aus Papier sind ein Ausblick auf eine Zukunft, deren Bild sich gerade erst in den Köpfen der Menschen formt. Sind solche kreativen Kunstprojekte der richtige Weg, um diese Thematik mit einer gewissen Leichtigkeit greifbarer zu machen?
Ich denke, für Menschen, die bislang noch keinen Zugang zu diesem Thema gefunden haben, ist das eine gute Möglichkeit. Dieser spielerische Umgang versieht solche komplexen, hochtechnologischen Themenbereiche mit einer ge­wissen Leichtigkeit. Hin und wieder muss man die Komplexität aufbrechen und vereinfacht darstellen, damit ein erster Schritt der Verständigung möglich wird und ein Bild in den Köpfen der Menschen entsteht. Ein wichtiger Schritt, um die Neugier, das Interesse für etwas zu wecken. So können Fragen entstehen und ein Diskurs über eine komplexe Thematik wie eben die moderne Mobilität.

Welche Bedeutung hat Mobilität für Sie ganz persönlich?
Mobilität unterteilt sich für mich in unterschiedliche Bereiche: In meinem Alltag bin ich aus beruflichen Gründen auf ein Fahrzeug angewiesen. Ich greife dabei auf einen Car Pool zurück, in dem ich Mitglied bin. Im Privaten bewege ich mich gern in Stockholm mit dem Fahrrad fort. Außerdem liebe ich es zu reisen und befasse mich gern mit anderen Kulturen und Bräuchen. Mir fällt der Wandel der Mobilität in den letzten Jahren verstärkt auf. Elektromobilität ist in Schweden und anderen skandinavischen Ländern ein großes Thema. Die Unterstützung bei der Finanzierung durch die Regierung spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Zudem sind wir ein sehr naturverbundenes Land – alternative Antriebe passen zu dieser Lebenseinstellung.

Wenn Sie an die Zukunft der Mobilität denken, welches Bild entsteht daraufhin in Ihrem Kopf?
Ich habe davon ein sehr konkretes Bild. Es stammt aus einem alten Schulbuch. Die Abbildung zeigt Amsterdam in den Niederlanden und geht auf das Problem ein, dass Städte immer dichter bebaut sind. Es sind die unterschiedlichsten Transportmittel alle auf einem Bild zu sehen – Flugzeuge, Schiffe, Züge, Automobile. Sie koexistieren nebeneinander, passend zu den unterschiedlichsten Situationen, in denen sie benötigt werden. Diese Vision fühlt sich für mich realistisch, greifbar an.

Und wenn Sie an Ihre Heimatstadt denken, was erhoffen Sie sich dort für die Zukunft?
Stockholm im Jahr 2040? Meine Stadt wird sich ebenfalls dieser variablen Fortbewegungsmittel bedienen. Aber es wird sich künftig viel verändern. Ich wünsche mir, dass dabei auf globaler Ebene das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit noch stärker wächst.

Anne-Li Karlsson, Illustratorin, 48

 

Die schwedische Künstlerin mit koreanischen Wurzeln wurde im Alter von einem Jahr adoptiert. Seitdem ist Stockholm ihre Heimatstadt. Für Audi hat die Illustratorin im Sommer 2017 eine Stadt aus Papier mit „Electric Ink“-Stromlinien geschaffen.

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