Übersteigt Technologie unsere Fantasie?


Zukunftsvisionen sind Einstellungssache

Nimbus Karijini, 2017, Foto: Bewley Shaylo Realisiert von: FORM – Building a state of creativity, Australia


Wer einen detaillierten Blick auf die Welt nach den Vorstellungen der Elite des Silicon Valley werfen möchte, sollte sich an der Singularity University einschreiben. Ihr Businessplan lautet: ungebrochener Optimismus.

Text: Steffan Heuer, Installationen: Courtesy Berndnaut Smilde und Ronchini Gallery

Foto: Bill Wadman

Als Ray Kurzweil die Bühne betritt, um neben einem auf dem Flachbildschirm flackernden künstlichen Kaminfeuer seine optimistische Sicht der hochtechnisierten Zukunft zu beschreiben, fällt Schweigen über die Runde von knapp 100 Führungskräften aus 38 Ländern. Smartphones werden gezückt, um jedes Wort des Technologen und Erfinders aufzuzeichnen, der als Chefentwickler für Google arbeitet. Eine gute Stunde spricht Kurzweil vor den Teilnehmern des Executive Programs der Singularity University im Zentrum des Silicon Valley über den unaufhaltsamen Vormarsch künstlicher Intelligenz und mikroskopisch kleiner Nanoroboter. Diese werden, so der 69-jährige Informatiker, schon in wenigen Jahren durch den menschlichen Körper strömen, um unser Immunsystem umzuprogrammieren und das Gehirn mit der Cloud zu vernetzen.

„Unser Gehirn wird eine Mischung aus biologischem und nicht-biologischem Denken sein. Dieses Upgrade wird uns als Menschen lustiger und intelligenter machen“, sagt Kurzweil im nüchternen Brustton der Überzeugung eines Mannes, der sein Leben der Forschung an der Synthese von Mensch und Maschine gewidmet hat. „Das Zeitalter der spirituellen Maschinen“ war einer seiner Bestseller, gefolgt vom Buch „Menschheit 2.0. Die Singularität naht“. Damit meint Kurzweil den nicht allzu fernen Zeitpunkt, an dem wegen des immer schnelleren technischen Wandels keine Unterscheidung zwischen dem biologischen Wesen Mensch und digitalen Systemen aus Hardware und Software möglich ist.  Der Wendepunkt, an dem Atome und Bits eins werden. „Die Singularität“, argumentiert der Visionär in seinem 650 Seiten dicken Werk aus dem Jahr 2005, „wird uns erlauben, die Einschränkungen unserer biologischen Körper und Gehirne zu überwinden.“

„BIS 2045 WERDEN WIR DIE KOLLEKTIVE INTELLIGENZ UNSERER ZIVILISATION AUS MENSCHEN UND MASCHINEN UM DEN FAKTOR EINE MILLIARDE STEIGERN. DANN BEGINNT DIE TECHNISCHE SINGULARITÄT – EINE ZUKUNFT, DIE UNSER VORSTELLUNGSVERMÖGEN ÜBERSTEIGT.“


- Ray Kurzweil

Wer schon heute lernen will, wie Kurzweil und andere Singularianer denken, und sich und sein Unternehmen auf den dramatischen Wandel in allen Lebensbereichen vorbereiten möchte, der kann dies an der Singularity University tun. Die 2009 gegründete Organisation hat sich zu einem der bekanntesten Thinktanks für digitale Transformation entwickelt, die nicht nur Hunderte von Spitzenmanagern nach Kalifornien lockt, sondern auch Konferenzen von Berlin bis Sydney organisiert, um die Menschheit für die „großen Herausforderungen“ der Zukunft zu sensibilisieren und gemeinsam über unkonventionelle Lösungen nachzudenken. „Wir sind im Grunde genommen Optimisten, die daran glauben, dass Technologie zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden kann. Deswegen wollen wir Menschen weiterbilden, inspirieren und in die Lage versetzen, exponentielle Technologien zu verstehen und einzusetzen“, erklärt Carin Watson und meint damit Technologien wie Mikroprozessoren, deren Leistungsfähigkeit sich fast im Jahresrhythmus verdoppelt.

Nach 20 Jahren als Managerin bei Großunternehmen ist Watson heute bei Singularity für die Themen Weiterbildung und Innovation zuständig. Sie sieht erheblichen Nachholbedarf, die Gesellschaft auf eine allgegenwärtig vernetzte Zukunft vorzubereiten, in der sich fast jede Frage und selbst eine komplizierte medizinische Diagnose mit einem dichten Netzwerk aus Sensoren und intelligenten Geräten beantworten lässt. „Sobald ich von einer Hochschule abgehe, ist mein Wissen schon veraltet. Es wäre naiv, neuen Technologien magische Kräfte zuzuschreiben. Aber sie können neue Chancen eröffnen, um die großen, ungelösten Herausforderungen der Menschheit anzupacken – von Armut und Hunger über Bildung bis zur Gesundheit. Wir glauben“, schiebt Watson mit einem entwaffnenden Lächeln nach, „an eine Zukunft des Überflusses, nicht des Mangels. An dieser Zukunft sollten wir alle mitbauen.“

Nimbus De.Groen, 2017, Foto: Cassander Eeftinck Schattenkerk


Eine Zukunft, in der es dank Technik niemandem an etwas mangelt, ist auch das Lieblingsthema von Peter Diamandis, neben Kurzweil der zweite Mitgründer der Singularity-Bewegung. Der kalifornische Serienunternehmer hob unter anderem einen weltweiten Ideenwettbewerb namens X-Prize aus der Taufe und hat ein Buch mit dem Titel „Überfluss. Die Zukunft ist besser, als Sie denken“ verfasst. Mit seinem optimistischen Grundton ist es eine Art Manifest der Organisation. Die Basis dieses positiven Ausblicks stammt aus exponentiellen Technologien, also all jenen Neuerungen, die nicht linear oder schrittweise wachsen, sondern in großen Sprüngen vorankommen. „Die Welt verändert sich schneller, als wir uns alle bewusst sind“, argumentiert Diamandis. „Wenn ich linear denke und 30 Schritte einen nach dem anderen tue, bin ich am Ende 30 Schritte oder 30 Meter weiter. Wenn ich aber 30 exponentielle Schritte tue, also die zurückgelegte Entfernung bei jedem Schritt verdopple, bin ich nach 30 Schritten eine Million Kilometer weiter – sprich, ich habe 26-mal die Erde umrundet.“ Dieser Unterschied verlangt vom Einzelnen ein radikales Umdenken, was das Tempo und Ausmaß von Veränderungen angeht. Für Unternehmen kann es die oft zitierte Disruption oder sogar den Untergang ihres Geschäftsmodells bedeuten – vom Siegeszug der digitalen Fotografie bis zu neuen Transportmöglichkeiten, die sich mit einer App bestellen lassen. Für den Planeten, so Diamandis, sind exponentielle Technologien – von der Fertigung über Robotik bis hin zur Gentherapie – eine gewaltige Chance, Milliarden zusätzlicher Menschen ein Leben ohne Armut, mit Zugang zu sauberem Trinkwasser und verlässlicher medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Sobald etwa das Internet die Erde flächendeckend umspannt, wäre auch die beste Elite-Uni in Amerika von jedem Dorf in Afrika nur ein paar Klicks auf dem Smartphone entfernt.

Nimbus Roebourne, 2017, Foto: Bewley
Shaylo Realisiert von: FORM – Building a state of creativity, Australia


Welche Folgen das Nachdenken über exponentiellen Wandel hat, kann der Singularity-CEO Rob Nail bezeugen. Der Stanford-Absolvent verkaufte sein Biotech-Start-up 2007 an ein Großunternehmen und war auf der Suche nach der nächsten Herausforderung, als er das erste Sommerprogramm an der frisch gegründeten Singularity University besuchte. „Mir ging sofort auf, dass ich nicht einmal in meinem eigenen Gebiet wusste, was da wie schnell auf uns zukommt. Das war ein unglaubliches Aha-Erlebnis“, erinnert sich Nail. Aus der anfänglichen Verblüffung wurde 2011 ein Vollzeitjob als Singularity-Chef. „Wir wollen der ständigen Untergangsstimmung in den Medien etwas Positives entgegensetzen. Damit wir in einer Welt ohne Mangel leben können, müssen in den nächsten 30 Jahren viele Dinge in Bewegung gesetzt werden – von Regierungen und Politikern, großen Unternehmen und Start-ups, Akademikern und Stiftungen sowie Kapitalgebern. Alle diese Gruppen wollen wir zusammenbringen, damit sie weit über ihr Tagesgeschäft hinausdenken, unkonventionelle Ideen entwickeln und sie in ungewöhnlichen Partnerschaften umsetzen“, sagt Nail. Aus dem Appell, die Zukunft aktiv zu gestalten, ist in den vergangenen neun Jahren eine weltweite Bewegung geworden. Das Zentrum befindet sich auf dem ehemaligen Militär- und NASA-Stützpunkt Moffett Field südlich von San Francisco. Direkt neben einem historischen Luftschiff-Hangar der US-Marine hat Singularity drei Gebäude gemietet, in denen die Verwaltung, das Tagungszentrum und ein Inkubator für Start-ups aus aller Welt untergebracht sind. Alle paar Monate werden knapp 100 Führungskräfte aus aller Welt zu einem Executive Program nach Kalifornien eingeladen, um in einer Woche möglichst viele Denkanstöße rund um die drohende Disruption aufzusaugen und zu diskutieren.

Nimbus Himalayas Museum, 2015, Foto: Nina Chen


Bislang haben rund 3.000 Teilnehmer die teuren Intensivkurse im Schatten von Technologiegiganten wie Google, Apple und Facebook durchlaufen. Wer in diesen kleinen Kreis aufgenommen werden will, muss sich bewerben und unter anderem die Frage beantworten, wie er oder sie persönlich die Welt verbessern will. „Es ist eine einmalige Gelegenheit, Fragen rund um exponentielle Technologien zu stellen und den unglaublichen Innovationsgeist des Silicon Valley zu spüren“, sagt Tobias Regenfuß, der beim Beratungshaus Accenture in München den Bereich Cloud & Infrastructure Services leitet und am letzten Executive Program im Winter 2017 teilnahm. „Egal ob man die Vision der Singularity nun 1:1 teilt – die Geschwindigkeit, mit der sich Dinge verändern, haben wir alle in der Ver­gangenheit unterschätzt. Was ich hier mitnehme, kann ich auf meine Arbeit und für meine Kunden anwenden“, lobt Regenfuß. Pinar Emirdag, eine aus der Türkei stammende Physikerin, schätzt vor allem, dass sie mit einem frischen Blick auf die Welt zu ihrem Job als Leiterin eines kleinen Innovationsteams der State Street Bank in London zurückkehren wird. „Es ist enorm wichtig, dass man die größeren sozialen und ökonomischen Folgen von technischen Neuerungen begreift. Aber erst einmal muss man sich öffnen und seine gesamte Sicht- und Denkweise ändern.“

Um den Wandel auf breiter Front zu beschleunigen, fördert Singularity seit Kurzem auch vielversprechende Start-ups von Kenia bis Kalifornien und investiert in sie. Teams, die innovative Ideen zu den großen Themen wie Armut, Gesundheit und Bildung vorschlagen, können ein sieben Wochen langes Programm im Singularity-Inkubator absolvieren, bevor sie ihre Konzepte und Prototypen auf einer „Demo Fair“ präsentieren. Sobald aus der Idee ein Start-up geworden ist, beteiligt sich Singularity Ventures an der Neugründung und stellt wertvolle Kontakte zu Mentoren, potenziellen Geschäftspartnern und Kapitalgebern her. Seit seiner Gründung 2016 haben insgesamt elf Teams den Inkubator durchlaufen, berichtet Ventures-Chefin Monique Giggy. Die Mehrzahl von ihnen wurden anschließend zu Portfolio-Firmen. Insgesamt hat Singularity Ventures in 58 Start-ups investiert, die bislang 220 Millionen Dollar Kapital eingesammelt und mehr als 500 Arbeitsplätze geschaffen haben. Zu den Erfolgen des Programms gehören der Drohnen-Pionier Matternet und Majik Water, mit dessen Technologie arme Kommunen in Kenia natürlich vorkommende Luftfeuchtigkeit in Trinkwasser umwandeln können. „Start-ups, die zu uns finden“, sagt Giggy, „sind mit unglaublicher Leidenschaft bei der Sache, um einen Unterschied in der Welt zu machen.“ Ab 2018 sollen diese Gründer ihren Elan auch den Teilnehmern des Executive Programs nahebringen. Führungskräfte können dann in Moffett Field den direkten Kontakt zum Nachwuchs herstellen, damit die Vision eines einvernehmlichen Miteinanders von Mensch und Maschinen noch schneller Realität wird.

Die Nimbus-Kunstwerke von Berndnaut Smilde inszenieren Augenblicke flüchtiger Präsenz an ausgewählten Orten. Smilde interessiert vor allem der temporäre Charakter seiner Werke: „Seit jeher empfinden die Menschen eine starke metaphysische Verbundenheit mit Wolken, und über die Zeit hinweg haben sie viele Vorstellungen auf sie projiziert. Die Installationen existieren nur für wenige Sekunden und lösen sich dann wieder auf. Man kann sie als Darstellung der Vergänglichkeit oder der Entstehung auffassen oder aber Fragmente klassischer Gemälde darin sehen. Der physische Aspekt ist elementar, aber die Arbeit besteht am Ende nur als Fotografie weiter. Die Fotos fungieren als Dokumentation eines Ereignisses, das an einem bestimmten Ort stattgefunden hat und mittlerweile Vergangenheit ist.“

Nimbus Probe, 2010, Foto: Berndnaut Smilde

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