Der Pionier

Candide Thovex hat das Skifahren revolutioniert und ist mit seinen 34 Jahren bereits eine Legende unter den Freeskiern. Mit der Kamera auf dem Helm lässt der Regisseur Candide Thovex seine Fans zudem an seiner spektakulären Interpretation des Sports teilhaben.

 

Sabine Cole (Text), Christoffer Sjostrom (Fotos)

Und wer kreativ ist, der fährt auch mal ohne Schnee Ski und macht einen Backflip mitten im Feld - zum Beispiel beim Dreh zum Audi Q7 Film.

„Das ist einer dieser Tage.“  

Das sagt man gern mal so dahin, wenn morgens der Toaster durchglüht, mittags das Handy in den Gulli fällt und abends in der Post ein unangenehmer Steuerbescheid steckt. Würde man diese Unbillen des Alltags mit einem Video dokumentieren, wäre das im glücklichsten Falle ein Zeitzeugnis. Von geringem Interesse für die Allgemeinheit in jedem Fall.

Wenn Candide Thovex unter dem Titel „One of these days“ ein Video veröffentlicht, dann stürzen sich seine Fans darauf, als gäbe es kein Morgen. Candide Thovex ist Skifahrer. Genauer gesagt Freerider, noch genauer gesagt: eine Freeride-Legende. Candide Thovex fährt nicht einfach nur Ski, er springt, er bewältigt Hänge im nahezu freien Fall, er reitet über Berge, durchfährt Täler und macht noch Saltos oder Schrauben dabei. Wenn Candide Thovex einen „of these days“ hat, dann schnallt er sich eine Helmkamera auf den Kopf, rast zwischen Bäumen hindurch, überspringt auch mal die sich drehenden Rotorblätter eines Hubschraubers oder durchfährt mauselochgroße Schneehöhlen. In den sozialen Netzwerken sind seine Filme der Megahit.

Über 100 Millionen Menschen haben sich bisher seine Skivideos im Netz angeschaut – das ist gewaltig für eine Sportart, deren professionelle Gemeinde eher klein ist. Der Freerider fängt da an, wo der normale Skifahrer aufhört. Es braucht technische und athletische Brillanz und natürlich Mut, um sich Salto drehend über einen sogenannten Kicker nach oben zu katapultieren und sicher wieder zu landen. Für das „Big Mountain“-Freeriding sind zusätzlich extrem viel Erfahrung am Berg, Kenntnisse von Wetter und der Beschaffenheit von Schnee, von Winden, Lawinen und Felsen nötig, um sich abseits der Pisten auf 3.000 Meter Höhe in den Pulverschnee zu wagen. Und Geduld und Leidensbereitschaft. Freerider sind keine verzärtelten Athleten mit Entourage. Selbst die ganz Großen schleppen ihre Ausrüstung, schippen Schnee und packen mit an, wo es etwas anzupacken gibt.

Ungeachtet seiner großen Erfolge, für Candide Thovex geht es nicht um Wettkampf und Medallien. Beim Skifahren geht es ihm darum, Dinge anders zu machen. Skifahren ist Kreativität.

Wenn Candide Thovex einen „of these days“ hat, dann schnallt er sich eine Helmkamera auf den Kopf, rast zwischen Bäumen hindurch, überspringt auch mal die sich drehenden Rotorblätter eines Hubschraubers oder durchfährt mauselochgroße Schneehöhlen.  

Candide Thovex ist der Erfolgreichste unter ihnen. Als einziger Skifahrer in der Geschichte des Freeskiings hat er alle Disziplinen und Wettbewerbe gewonnen, die es gibt – und Rekorde für die Ewigkeit aufgestellt. Er war 16, als er Chad’s Gap, eine 36 Meter breite Felsspalte in den Rocky Mountains, als erster Skifahrer erfolgreich übersprang. Im Jahr 2000, mit gerade mal 17 Jahren, gewann Thovex die Goldmedaille bei den X Games in der Disziplin Big Air. 2003 gewann er dort außerdem in der Halfpipe. Bei den X Games 2007 stellte er mit 95 von 100 Punkten einen Rekord beim Slopestyle auf. 2010 dann die Weltmeisterschaft bei der Freeride World Tour. Es war seine erste Teilnahme. Normalerweise dauert es Jahre, um den Sprung vom Freestyler zum Big-Mountain-Profi zu schaffen – viele versuchen den Schritt erst gar nicht. Candide gelang es auf Anhieb. Mit perfekten Abfahrten, die seiner Konkurrenz ein ums andere Mal die Tränen in die Augen trieben.

Das hört sich wie eine logische Abfolge an. Ein herausragendes Talent, ein Bergjunge aus Aravis, Haute-Savoie, Frankreich, dessen Fähigkeiten früh entdeckt wurden. Die Eltern: Skilehrer. Der Junge: Mit zwei Jahren zum ersten Mal auf Skiern, die schönsten Gipfel der französischen Alpen vor der Haustür, fast das ganze Jahr Schnee garantiert. Und doch steckt so viel mehr dahinter. Auch Rückschläge. Im Jahr 2007 sprang er über den Rekordkicker „Big Bertha“. Freunde und Kollegen raunten ehrfurchtsvoll, diese Rampe sei die Hölle. Die Fahrer, die sich trauten, den 40-Meter-Kicker zu nehmen, waren froh, überhaupt irgendwie sicher wieder unten anzukommen. Candides Sprung war zu kurz, die Landung ging schief. Und alle, die das sahen, waren sich sicher: Das war’s. Er brach sich den Rücken. Millimeter fehlten zur Querschnittslähmung. Mühsam rappelte sich der damals 25-Jährige wieder auf. Unendlich fühlten sich die Monate in der Reha an, nicht wissend, ob, und wenn, auf welchem Niveau, er jemals wieder würde Ski fahren können. 2008 stand er wieder auf den Brettern. Aber fuhr nur noch im weichen Pulverschnee. Abseits der Piste sowieso, aber nur da, wo niemand ihn sehen konnte. Begleiten ließ er sich nur von seinem langjährigen guten Freund, dem Kameramann Simon Favier. Die beiden probierten aus, was Candide als zweite Leidenschaft für sich entdeckt hatte: Filme machen. Candide fuhr, Simon begleitete ihn mit der Kamera. Daraus entstand ein erster Film: „Candide Kamera“. Man sieht Thovex durch den Pulverschnee einen Berghang hinabhüpfen, wie ein Eichhörnchen über schneebedeckte Tannenzweige. Er berührt kaum den Boden, schon fliegt er wieder, und nur ein bisschen Pulverschneestaub umweht seine Spur. Mit diesem Film meldet sich Candide zurück. Zurück im Schnee mit der gleichen Bewegungsperfektion und Sicherheit, aber mit einem anderen Spirit. Die Wettkämpfe, die er nie besonders mochte, hat er hinter sich gelassen. Geblieben ist die kraftvolle Poesie eines Menschen, der sich in der Größe unberührter Natur bewegt wie kein Zweiter.

Tree Jibbing auf dem nächsten Level: Candide fliegt hoch hinaus und stemmt seine Skier gegen den Baumstamm. Dank eines Schneemobils konnte er genug Geschwindigkeit für den perfekten Tree Jib aufnehmen.

Der Freerider fängt da an, wo der normale Skifahrer aufhört.

„Er fährt Ski in der Luft und fliegt im Schnee“, er sei „der Pionier“, heißt es treffend in der großartigen Dokumentation „Few Words“, die 2012 ein Bestseller auf iTunes war und beim prestigeträchtigen Powder Award gleich vier Preise gewann, darunter die höchste Auszeichnung, den „Full Throttle“. Candide scriptet Skiabfahrten wie einen Hollywoodfilm. Was aussieht wie die wilden Ritte eines Wahnsinnigen in übergroßen Snowboardklamotten, sind in Wahrheit penibel durchgeplante Sequenzen, die dramaturgisch perfekt aneinandergefügt sind. Seine eigenen Videos plant und produziert er selbst, schneidet, legt Effekte darüber und führt in letzter Konsequenz bei den „One of these days“-Filmen sogar die Kamera. Indem er sie auf seinem Helm befestigt und so dem Zuschauer aus seiner Perspektive zeigt, wie das aussieht, wenn man in mörderischer Geschwindigkeit zwischen Baumstämmen durchrast. Ein bisschen schummerig kann einem bei diesem Abfahrt-Zugucken schon werden. In einem Audi quattro Viral-Clip von 2015 zeigt Candide, dass er für seine Arbeit noch nicht mal unbedingt Schnee braucht. Er rast mit seinen Skiern einen Alpenhang auf Gras hinunter, überspringt Straßen, durchquert funkensprühend einen Tunnel, umfährt ein paar Kühe und landet am Ende im Kofferraum eines Audi Q7.

„Nichts, was Candide macht, ist klein“, sagt ein Freund aus der Freerider-Szene. Nur große Worte, die macht Candide nicht. Er lässt seine Filme, seine Fahrten für sich sprechen. Interviews gibt der zurückhaltende Franzose kaum. Wer wissen will, was Candide zu sagen hat, muss seine Videos anschauen. Die Zusammenarbeit mit Audi soll 2017 fortgeführt werden. Welches Spektakel Candide via „Videobotschaft“ zu verbreiten gedenkt, halten er und sein Team noch geheim. Sicher ist nur: Es wird die Grenzen dessen, was auf Skiern möglich zu sein scheint, verschieben. Und zwar in atemberaubendem Tempo.

Der Anfang sieht recht harmlos aus, am Ende des Audi Q7 Films von 2015 landet Candide Thovex im Kofferraum des SUV.
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