Fahrzeugsicherheit bei Audi: wenn Millisekunden zählen

Wie entsteht eigentlich Fahrzeugsicherheit? Was passiert im Moment eines Unfalls? Und mit welchen Messmitteln testen die Mitarbeitenden bei Audi den Insassenschutz? Im Interview gibt Andreas Schuller, Leiter Prüffeld Fahrzeugsicherheit, Einblicke in die Entwicklung und Erprobung von Systemen, die zum Schutz der Insassen beitragen.

missing translation: fa.article-intro.reading-time – 10/22/2025

Weißer Audi in einer großen Testhalle unter spezieller Beleuchtung

Herr Schuller, im Audi Fahrzeugsicherheitszentrum crashen mehr als 100 Mitarbeitende täglich Audi Modelle. Wie schnell werden die Daten tatsächlich bei einem Crash übermittelt?

Die meisten relevanten Messdaten entstehen in einem Zeitfenster von weniger als einer halben Sekunde. Das ist der Zeitraum, in dem die Kollision stattfindet. In den ersten Millisekunden laufen die Signale blitzschnell von den Sensoren unter der Fahrzeugaußenhaut zum zentral und geschützt gelegenen Airbag-Steuergerät. Das ist das Gehirn der integralen Fahrzeugsicherheit. Dort entscheidet der Algorithmus anhand weiterer Sensordaten aus dem Innenraum über die Auslösung der Rückhaltemittel, wie Sicherheitsgurte und Airbags. Darüber hinaus gibt das Steuergerät Signale zur Abschaltung des Antriebssystems sowie für vernetzte Funktionen wie etwa den Notruf weiter. Äußerlich ist zu diesem Zeitpunkt noch kaum etwas zu sehen, obwohl im Inneren des Fahrzeugs bereits komplexe Prozesse ablaufen. 

Herr Schuller steht im Audi Fahrzeugsicherheitszentrum und schaut in die Kamera

Wie greifen dann die Sicherheitssysteme im Innenraum ineinander?

Es folgt – technisch ausgedrückt – der Energieabbau durch Deformation der Fahrzeugstruktur mit dem Ziel, den Überlebensraum der Insassen bestmöglich zu erhalten.Die Gurte straffen sich und die Airbags füllen sich, sodass sie rechtzeitig bereitstehen, wenn es die Insassen in einem Frontalcrash nach vorne wirft. Dieser sogenannten Vorverlagerung sind bei unseren Versuchen die Crashtestdummys ausgesetzt.

Nach insgesamt weniger als einer halben Sekunde ist alles vorbei, die Warnblinker sind aktiviert und wir sichern das kollidierte Fahrzeug. In der Crasharena ist es nun still, man hört nur den Verbindungsaufbau zur Rettungsleitstelle, der automatisch erfolgt ist.

Die vielen Messdaten aus Fahrzeug, Dummys und dem Kollisionsgegner sowie Highspeed-Filme aus diesem mit dem Auge nicht wahrnehmbaren Zeitbereich, sind entscheidend für die Entwicklungsarbeit der Technischen Entwicklung. Darauf legen wir unseren Fokus.

Weißer Audi mit Verkabelung und Testgeräten auf der Motorhaube in einer Werkstatt, während zwei Ingenieure die Daten prüfen.

Wie viele Tests durchläuft ein Audi Modell von der Simulation bis zur Serienfreigabe?

Ein großes Fahrzeugprojekt wie etwa der Audi A6 e-tron mit seinen Derivaten, das weltweit vertrieben wird, umfasst rund 80.000 Simulationen zur passiven Sicherheit. Dazu kommen etwa 190 reale Crashtests über alle Entwicklungsstufen bis zur Freigabe. Diese sind sowohl zur gesetzlichen Zulassung als auch zur Validierung der Simulationen erforderlich.  Diese Versuche führen wir in unserem Fahrzeugsicherheitszentrum durch. Die integrierte Crasharena ist 50 mal 50 Meter groß – ohne störende Säulen, damit sich zwei Fahrzeuge mit jeweils bis zu 56 Stundenkilometern frontal oder versetzt treffen können. Die Decke ist als Fachwerkstruktur ausgelegt, um diese Spannweite zu ermöglichen. Zusätzlich führen wir sogenannte Schlittenversuche durch. Das ist ein spezielles Prüfsystem, bei dem wir bestimmte Teile des Fahrzeugs, wie Sitze, Gurte und Airbags in verstärkten Karossen testen, ohne gleich das gesamte Fahrzeug zu crashen. Dadurch halten wir die Anzahl an Gesamtfahrzeug-Crash versuchen so gering wie möglich.

Welche Arten von Dummys und wie viele kommen bei den Crashs zum Einsatz?

Im Fahrzeugsicherheitszentrum kommen mehr als 60 Crashtest-Dummys verschiedener Typen zum Einsatz – vom 18 Monate alten Kleinkind bis zu einem über 100 Kilogramm schweren Erwachsenen. Bei den hochentwickelten Thor-Dummys ermitteln bis zu 150 Sensoren während der Versuche relevante Daten. Kinderdummys für verschiedene Altersgruppen sind ebenfalls im Einsatz. Für den Fußgängerschutz gibt es weitere Prüfkörper für Kopfaufprall und Bein- und Hüftaufprall. Um diese sehr komplexen Messmittel kümmert sich unser Expertenteam im Dummylabor.

Eine Reihe von Crashtest-Dummys in orangefarbenen Anzügen sitzt auf einem Regal in einer Werkstatt

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die passive Sicherheit. Was versteht man unter aktiver Sicherheit?

Die aktive Sicherheit zielt darauf ab, Unfälle zu vermeiden – etwa durch Fahrerassistenzsysteme. Passive Sicherheit beginnt, wenn der Unfall unausweichlich ist. Dann geht es darum, die Folgen zu minimieren und die Rettung und Bergung zu unterstützen. Unser gemeinsames vorrangiges Ziel ist die Vision Zero: keine Schwerverletzten, keine Toten. Es geht dabei um das Verhindern lebensbedrohlicher Situationen. Darüber hinaus adressiert die Entwicklung Fahrzeugsicherheit auch relevante Verletzungen, wenn diese aus den Unfalldaten unserer Unfallforschung Audi Accident Research Unit (AARU) erkannt werden.

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